Sind die Beats abstrakter und gebrochener, wird der Groove etwas schwieriger zu halten, drängt sich gerne die Assoziation zu Autechre auf. Den beiden musikalischen Eigenbrötlern, die sich nicht um Clubfunktionalität, Mainstream oder Tanzbarkeit scheren und trotzdem zu einer Art eigenem Mainstream geworden sind. Diesen Sound dann wieder in Richtung Club zu schieben, kann interessante Ergebnisse bringen – wie bei den IDM- und Grime-Variationen von ZiyiZ alias Lawrence Nash aus Leeds, UK. Die Debüt-EP Rescue and Research Pt. 3 (Failed Units) gibt den runterpitchten, abstrakten Beats einen beachtlichen Bounce und Bass mit, sodass (beinahe) wieder Tracks daraus werden, die zum Twerken und Couch-Rocken einladen, vor allem im Remix des SVBKVLT-Beatmasters Gooooose.

Der US-Amerikaner Reid Willis ist ein Renegat der Neoklassik und Filmmusik, der privat viel lieber scharfe Beatabstraktionen und Neunziger-Breaks schneidet. Ganz entkommen kann man dem Piano aber nie. So ist das beachtlich ausschweifende Album Mother Of (Mesh, 19. November) auf Max Coopers Label eine gespannte Mischung aus neoromantischer Melodie-Üppigkeit und knatternden, messerschleifenden Beats mit Mut zur Schönheit.

Dass die schärfsten und krassesten Beats nicht mehr unbedingt aus den urbanen Zentren der westlichen Metropolen kommen, sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Labels wie Nyege Nyege Tapes aus Kampala, Uganda oder SVBKVLT aus Shanghai, China beweisen das eindrücklich und überaus erfolgreich mit jedem neuen Release. Umso erfreulicher, dass die genannten Labels und ihre Künstler*innen eben auch über die Kontinente hinweg freundschaftlich verbunden sind und kooperieren wie die Shanghaier Produzentin Tess Sun alias HYPH11E und der kenianische Beatschneider Slikback. Eine ihrer spannenden Kollborationen ist auf dem Labelsampler Cache 02 (SVBKVLT, 4. Dezember) vertreten, neben eine Tonne der frischesten und krawalligsten Beats und Breaks, die man in den vergangen Jahren so zu hören bekam.

Beinahe noch sensationeller im Hinblick auf Dichte, Krassheit und Innovation gibt sich der erste Solo-Longplayer von HYPH11E. Aperture (SVBKVLT, 30. Oktober) lässt keinen Beat ungenutzt, kann aber genauso souverän mit Stille umgehen. Sowieso ist das alles superschlau (die Liner Notes spekulieren in Anklang an den französischen Philosophen Michel Serres über die „parasitische Ontologie” von Löchern) und selbstbewusst bis zum Anschlag. Eben ein Werk, das völlig für sich steht und doch kaum besser in diese unsere global pandemische Zeit passen könnte. Der Club und das Genre, in das diese Sounds reinpassen, müssen allerdings erst noch erfunden werden. Aber in einer Gabber-Industrial-Post-Dance-Dark-Ambient-Disco mit HYPH11E als Resident wäre ich definitiv Stammgast, selbst wenn der Club nur ein virtueller bliebe.

Der sympathische Crypto-Goth Kamixlo aus Brixton, UK war ebenfalls lange Geheimtipp für Breakbeatgrübler mit schwarzen Hoodies. Die Zeiten dürften mit Cicatrix (PAN) endgültig vorbei sein. Das Albumdebüt trägt die Narben zwar im Titel, und in den Tracks sind nicht wenig Schmerz und Trauer verschlüsselt. Die deftigen Sub-Bässe und die knallenden Beat-Collagen und trappig-trippigen Sample-Fetzen sagen aber klar ja zu Pop. Der Mainstream der Zukunft, schon wieder.

Neben vielem anderen ist dies die Zeit, in der Compilations mit dem Anspruch antreten, mehr als nur Musik, mehr als nur eine Übersicht über einen Labelkatalog oder einen Subkulturzusammenhang zu bieten – nämlich Gemeinschaft. In Safe Spaces, durch Graswurzel-Solidarität oder sogar spirituelle Kommunion. Der Sampler New Neighborhoods (Freedom To Spend), auf einem neuen Sublabel von RVNG Intl. erschienen, bringt das beispielhaft wie vorbildlich zum Ausdruck. Die Künstler*innen aus dem erweiterten Labelumfeld haben, in Hommage an Ernest Hoods Album Neighborhoods von 1957, Feldaufnahmen aus ihrer jeweiligen Nachbarschaft als Grundlage einer musikalisch-psychogeografischen Aufarbeitung ihres Lebensumfelds zu meist Ambient- oder Collage-artiger Sound Art umgeformt, die die Eingangsthese der Kolumne ein ums andere Mal bestätigt. Der Erlös geht übrigens an eine New Yorker Initiative für bezahlbaren Wohnraum.

Len Faki lud auf Open Space Vol.1 (Figure, 16. November) ein knappes Dutzend superetablierter Altstar-Produzenten und eine Produzentin aus seinem erweiterten Berliner Label- und DJ-Umfeld ein, ihre ausgetretenen Pfade zu verlassen und ins Offene zu kommen. Das bedeutet in diesem Fall, Techno und Clubzusammenhänge hinter sich zu lassen und mal klassische Electronica, mal moderne Post-Club-Elektronik zu produzieren. Wie bei einer derartigen Promi-Dichte kaum anders zu erwarten, gelingt das durchwegs überzeugend, bleibt allerdings, was die experimentelle Exploration unbekannter Weiten angeht, eher überschaubar – was der Compilation aber keineswegs zum Nachteil gerät.

Mindestens ebenso ambitioniert und sogar noch prominenter mit Cutting-Edge-Künstler*innen am Puls der Zeit besetzt ist die Festivalcompilation Berlin Atonal: More Light (Berlin Atonal Recordings). Die aus fünf EPs zusammengesetzte Box könnte definitiver und zeitnäher kaum sein, birgt aber dennoch die eine oder andere Überraschung. Klar gibt es die beinahe schon normal gewordenen Gabber- und EDM-Mainstream-Dekonstruktionen, Terror-Breakbeats und verfremdete Vocals in diesem Safe Space für experimentelle Inhalte. Aber es sind ebenso überraschend einfache Schönheiten möglich. So hat etwa auf Teil zwei von fünf der Compilation der sensationelle Dark Ambient Track „Aralkum” der kasachischen Violinistin Galya Bisengalieva eine Heimat gefunden. Deren gleichnamiges Debütalbum Aralkum (One Little Indian) hiermit noch einmal ausdrücklichst empfohlen sei.