Foto: Frank P. Eckert

Zart ist politisch. Leise ist radikal, kann emanzipativ sein, Schönheit befreiend. In den richtigen Händen sind die feinen Werkzeuge der Veränderung die geeigneteren. Treffen sie auf eine Sensibilität, die Erfahrungen von Gewalt, Ächtung und Isolation in ihr melancholisches Gegenteil reflektiert, zu etwas, das Solidarität über weite Distanzen aufruft und möglich macht, dann gehört das zum Großartigsten, was Kunst über das Leben wissen kann – und was sie bewirken kann. Die ephemeren wie packenden Songs der Ana Roxanne lassen uns an einer solchen Weltweisheit teilhaben. Ohne Kontext kann ihr zweites Minialbum Because of a Flower (Kranky, 13. November) als unfassbar zarte, weltentrückte und doch sehr diesseitige körperliche Schönheit gelesen werden. Mit nur ein bisschen Interesse für die Umstände, Bedingungen und Inhalte, an denen sich die Inter-Person aus Los Angeles abgearbeitet hat, entsteht aber noch so viel mehr. In beiden Lesarten haben sie zweifellos das Album des Jahres für diese Kolumne gemacht, ein Konzentrat dessen, um was hier geht – und ein Konzentrat melancholischer Weisheit von außergewöhnlicher Ästhetik.

Ätherisches Wissen und kluge Melancholie sind genauso die Domäne der Lisa McGee aus Los Angeles, die ihr Solo-Alias Vestals so unsagbar selten hervorholt, dass jedes Album wirkt wie die immense Ausnahme, das stille Ereignis, das sie eben ist. Ihre zweite LP HolyOrigin (Dust Editions) nach beinahe zehn Jahre Pause löst sämtliche nie gegebenen Versprechen mehr als ein. Sanfteste schlafwandlerische Balladen mit Gitarre, Elektronik und Hall, riesengroße und doch stille Songs am Rande der Nichtmusik. Gleichermaßen konzentriert, souverän und üppig wie flüchtig, lose, zerfallend, ist das Album genauso ein Konzentrat dessen, worum es hier geht.

Die japanische Kosmopolitin Mayuko Hitotsuyanagi alias Cuushe geht (leider) ähnlich sparsam mit ihren Veröffentlichungen um. Ihr letztes Album ist sieben Jahre her, sodass sich Waken (Flau, 20. November) ebenfalls wie eine wunderbare, nicht mehr erhoffte Überraschung anfühlt. Cuushe hat ihre feinzarte Gesangskunst weiter perfektioniert und ihre leichtfüßige IDM-Electronica noch weiter zum Fließen gebracht, in die Luft geworfen – und siehe da, sie schwebt. Das Songwriting und die Produktion sind dabei auf allerhöchstem J-Pop-Niveau. Entsteht hier gerade der nächste Mainstream-Trend (nach K-Pop und BTS)? Ich hoffe schwer.

Wenn es eine Künstlerin gibt, die die Absurditäten und Beschwernisse dieses absurden Seuchenjahres produktiv gemacht hat, dann war das die in Los Angeles lebende Kanadierin Sarah Davachi. Ihr sowieso schon umfangreiches Repertoire an Formen und Klangfarben, von strengen minimalistischen Kompositionen für Orgel über Elektronik und Stimme zu kammermusikalischer Ensemblemusik, hat sie vor allem auf dem Doppelalbum Cantus, Descant und dem begleitenden Tape Laurus (beide: Late Music) gehörig erweitert. Hier ist sogar ein Stück möglich, das eine fragile Melancholie, wie sie sich ähnlich bei Ana Roxanne oder Liz Harris (Grouper) findet, in einen lockeren Popsong formen kann. Die mitten im ersten Lockdown erschienenen Horae und Five Cadences (beide: Sarah Davachi Eigenvertrieb) übersetzen ihre Orgelkompositionen in Synthesizerminimalismus. Eine Einschränkung aus der Notwendigkeit der Umstände heraus, die ihren Stücken aber bestens bekommt. Das Tape Gathers (Boomkat Editions) agiert in Umfang und Instrumentierung noch am nächsten an ihren früheren Arbeiten wie All My Circles Run, einer kargen, aus wenigen Tönen zusammengesetzten Drone, eingespielt in einer weit ausgreifenden Variation von Timbre und Textur. Die dreistündige Doppel-CD Figures in Open Air (Late Music, 6. November) bringt all das zusammen, sammelt essenzielle Live Aufnahmen aus den vergangenen fünf Jahren zu so etwas wie einem Best-Of nicht-sakraler Kirchenorgelmusik.

Die Harfenistin Mary Lattimore kommt aus Philadelphia, lebt in Los Angeles und ist ein immer gern gehörter Gast dieser Kolumne. Ihr Instrument von sehr spezieller Klangfarbe spielt traditionell in einem ziemlich limitierten Assoziationsraum aus Engeln, Sylphen und ähnlich überirdischem Getier. Lattimore hat seit ihrem Debüt The Withdrawing Room vor knapp zehn Jahren versucht, sich dieser Klischee-Verwicklungen zu entledigen, ohne dabei den Wohlklang der Harfe, ihre üppige Pracht aufgeben zu wollen. Das klang weniger nach Neoklassik denn nach solider Postrock-Electronica und zunehmend nach Ambient. Bei dem ist sie mit Silver Ladders (Ghostly International) weitgehend angekommen. Die Harfe als solche ist immer noch der zentrale Klangerzeuger und gerade noch erkennbarer Ursprung allen Wohlklangs, aber verweht und verwaschen und – das Klischee sei mir erlaubt – verzaubernd wunderschön.