Ob Optic Sink, das Soloprojekt von Natalie Hoffmann, ebenfalls einen Kunsthochschul-Hintergrund haben, ist nicht bekannt. Ihr Debüt Optic Sink (Goner, 13. November) klingt jedenfalls ganz stark danach. Zumindest so, als wären sie Ende der siebziger Jahre in Glasgow, Manchester oder London zusammengetroffen, um die Härte und Enge ihrer Zeit und ihres Umfelds in Minimal Wave und experimentellen Synth-Pop zu gießen. Da dieses Gefühl aber offensichtlich ein überzeitliches ist, gelingt das 2020 in Memphis, Tennessee genauso überzeugend. Post-Punk macht so halt immer noch Sinn.

Die Andersens sind eine weitere feine Entdeckung der Tokio-München Connection von The Notwist und den Tennicoats. There Is A Sound (Morr, 30. Oktober) ist eine Kollektion des bunten Indie-Folkpop aus den vergangenen 15 Jahren. Wie so einige Projekte aus diesem Umfeld sind die Andersens ein eher loses Kollektiv um den Songwriter Tsuby, und die Stücke fühlen sich meist an wie locker improvisierte Jam-Sessions mit Freund*innen (wie etwa die Bläsersektion von Maher Shalal Hash Baz), die sich definitiv nicht vor psychedelischem Freakout und kindlich-spielerischem Chaos scheuen, aber doch immer zu zarten Songs zurückfinden.

Es stand an dieser Stelle schon oft zu lesen, es ist keine in Stein gemeißelte Regel, aber ebenso wenig zufällig, und es ist zu keiner Zeit in den vergangenen Jahren weniger akut geworden: Die interessantesten, außergewöhnlichen wie zukunftsweisenden Sounds, die vom Club weg und wieder in ihn zurück zeigen, werden noch immer und immer wieder aufs Neue von Menschen produziert, die nicht nur musikalisch auf eine Außenseiterposition zurückgeworfen sind, die keine stabile, einfache oder eindeutige Identität im Mainstream für sich beanspruchen können, die queer, trans, inter oder identitäsfluid sind, die Erfahrungen von Marginalisierung verinnerlicht haben und verkörpern.

Dass etwa House Music und in Folge Techno in ihren Ursprüngen Sounds von und für Menschen, die queer und nichtweiß sind, waren und im Mainstream ihrer Zeit keinen Platz hatten, muss wohl jederzeit immer wieder betont werden. Aber eben genauso, dass dies keine historische Wahrheit aus den nostalgisch verklärten Achtzigern und Neunzigern darstellt, sondern auch genau hier und jetzt passiert. Aufregende Musik zur Zeit kommt so zum Beispiel von Angel-Ho aus Kapstadt. Auf der EP Alla Prima (Hyperdub) nimmt sich die südafrikanische Diva die Clubmusiken ihrer Heimatstadt von Gqom bis Hip-Hop ebenso zur Brust wie die Beat-Dekonstruktionen, die man gerade in und aus Berlin so gerne hört. Eindeutig uneindeutige Popmusik zum Schwitzen und zum Hinterherdenken.

In erwähntem Berlin leben die genderfluiden Popdiven Sin Maldita. Die Gender- und Club-De(kon)struktionen des ehemaligen Drangsal-Mitglieds Tim Roth bedienen sich auf You’re Trouble (Unguarded, 27. November) bei EDM, urbanem Hip-Hop/Trap-R’n’B-Mainstream und spanischen Vocals. Diese dengeln sie aber in ungeahnte Weirdness, die mächtig nach Zukunft schmeckt, aber angesichts der Mainstream-Erfolge etwa von Pabllo Vittar dann vielleicht doch einfach der Zustand der Gegenwart sind. Und die schmeckt richtig gut.

Der Berliner Produzent Kostas K., der sich Subheim nennt, arbeitet mit einer erstaunlichen Hingabe am melancholischen Rand des Mainstreams der Neunziger. Was von Trip-Hop, Dub und IDM-Electronica heute noch brauchbar ist, setzt er in vollmundige wie dystopisch düstere Song-Tracks zum Thema Urbanität und Gemeinschaft, was im Titel „Polis” bzw. auf griechisch ΠΟΛΙΣ (Denovali) mehr als deutlich anklingt. Es hat den interessanten und beruhigenden Effekt, dass die immer leicht unzeitgemäßen, aber ungemein eingängigen Sounds eben doch absolut zeitgemäß wirken, ultimativ im Jetzt angekommen sind. Vor allem wenn die Beats zugunsten von Heavy Ambient runtergefahren werden.

Ihr drittes Album hat die Britin Sophia Loizou als interdisziplinäres wie multimediales Musik/Grafik/Buch-Projekt namens Untold und A Tellurian Memorandum (beide: Houndstooth) angelegt. Die experimentelle Elektronik mit Drum’n’Bass-Fetzen, Waberbässen und elektrisch mutierten Pop/R’n’B-Zitaten ist definitiv schon wieder ganz woanders als der Dark Ambient von Singulacra oder die strenge Sound Art von Chrysalis.  Mehr (Konzept, Vocals, Emotionen, Pop, Post-Club) ist in diesem Fall tatsächlich mehr.

Mehr dies- und jenseitige Club/Not-Club/Vor-dem-geschlossenen-Club-Rumsteh’-Sounds kommen heuer bevorzugt von noch ziemlich jungen Menschen in und jenseits der einschlägigen Metropolen Berlin und London. Spannend ist dabei, wie diese mit den 20 bis 40 Jahren Geschichte ihres Sounds umgehen, die sie ja meist nicht selbst miterlebt haben.

Zum Beispiel hat das Post-Club-Debüt Caveat (Precious Metals, 20. November) des jungen Produzenten Severin Glance aus dem unterprivilegierten Süden Londons Reggaeton, Grime und UK Garage inhaliert, ist vermutlich damit aufgewachsen, macht es aber zu etwas introvertiert Dunklem, das mit Sicherheit in einem modrigen Keller mit gutem Soundsystem bestens rollen würde. aber ebenso gut dazu geeignet ist, die heimische Couch-Paranoia im Lockdown zu befeuern. Das Minialbum ist gleichzeitig Debüt des Labels Precious Metals von Endgam3 als Ableger des gleichnamigen Podcasts auf NTS Radio. Ein definitiv verfolgenswerter Faden. 

Der Pariser (nicht ganz so newe) Newcomer Basile3 hantiert auf der EP Ciel Rouge (Infiné) eher mit R’n’B und Vocal-House-Abstraktionen, biegt sie aber ebenfalls zu etwas eher Introvertiertem, Bedroom-Tauglichen, das auch aus einem SUV auf der Vorbeifahrt am geschlossenen Club im Siebten Arrondissement pumpen könnte.