Emily A. Sprague ist die Stimme und eventuell einzig verbliebenes Mitglied von Florist, der vermutlich freundlichsten Indie-Folk-Band der westlichen Hemisphäre, mindestens aber der Catkill Mountains in Upstate New York. Sie lebt zur Zeit in Los Angeles, die Stadt scheint ganz unverhofft zu einem Cluster wundervoller Musik von Zugezogenen geworden zu sein. Ihr Nebenprojekt unter Eigennamen scheint inzwischen beinahe prominenter als ihre Band. Waren die ersten Tapes noch Lowest-Fi-Bedroom-Ambient aus E-Gitarre, Piano und Bandrauschen mit Tonnen von Hall und Pedal-Delay, birgt Hill, Flower, Fog (RVNG Intl., 13. November) einige Überraschungen. Vollelektronisch und ausgewogen produziert, erinnert der Sound nicht selten an die bearbeitete geloopte Harfe von Mary Lattimore. Nur dass die Klänge Spragues noch introvertierter, und unabhängig vom Volumen noch leiser wirken als die Lattimores. Aber mindestens so zart und freundlich.

William Basinski, Eingeborener New York Citys, nun auch seit Langem in Los Angeles (!) lebend, hat mit The Disintegration Loops nicht nur Ambient-Geschichte geschrieben, sondern über den Bezug auf 9/11 auch eines der definitiven und definierenden Alben über New York gemacht. Eine ähnlich erschütternde, Schmerz, Trauer und Schönheit zulassende Arbeit hat er in seiner neuen Heimat im noir-sonnigen Kalifornien seitdem nicht mehr produziert. Bis jetzt, denn Lamentations (Temporary Residence Ltd., 13.November) funktioniert nicht nur nach demselben Prinzip, schwermütige, ganz langsam zerfallende Tape-Schleifen im Zustand ihrer Zerstörung in ganz neue Stücke zu retten. Es ist vor allem die tiefe Melancholie, die Trauer im Zustand der (Selbst-)Auflösung, die das Album zur intensivsten Erfahrung seit seinen wegweisenden Arbeiten der Nach-Jahrtausendwende macht.

Der britische Komponist John Bence ist ebenfalls das Gegenteil von schmerzfrei. Anders als William Basinski richtet er Verzweiflung, Trauer und Wut nicht nach innen, sondern sublimiert sie in extrovertiertem Pianosound. Nach zwei beeindruckend düsteren EPs auf den hip und ganz vorne am Zeitgeist agierenden Labels von Yves Tumor und Nicolas Jaar wirkt Bences nicht weniger massives Albumdebüt Love (Thrill Jockey, 27. November) zwar verhältnismäßig gereift in einem Sound, der modernistisch donnernde bis tiefenromantisch dräuende Lo-Fi-Neoklassik am Piano an ungeahnte Abgründe führt. Die Intensität der dunklen Gefühle ist aber heiß und innig wie eh und je.

Ausgerechnet auf dem hörsturzfreundlichen Industrial/Noise-Label von Schmerzensmann Dominick „Vatican Shadow” Fernow ist mit Corporate Cross (Hospital Productions, 20. November) nun die bisher zugänglichste, ja beinahe handzahme Arbeit der Kanadierin Rita Mikhael alias E-Saggila erschienen. Die Terror-Beats aus abstrahiertem Breakcore und Gabber, die noch die im September erschienene und auf ganz andere Weise ebenfalls sehr tolle EP Anima Bulldozer (Nothern Electronics) kennzeichneten, sind komplett verschwunden oder in den Hintergrund gemischt. Was übrig bleibt – und das ist sehr viel – ist verkrusteter, schwerer Ambient aus den mit Graffiti übersäten Ruinen brutalistischer Skate-Park-Architektur, durch die ferne Echos urbaner Mainstreamsounds schwirren, ohne dass ihre Quelle je auffindbar wäre. Wenn Vaporwave der Retro-Sound einer ehemaligen wie verlorenen Zukunft war, dann webt E-Saggila noch eine Schleife im Meta-Raum, zu einer ehemaligen Zukunftsmusik einer verlorenen Vergangenheit, die nach der Apokalypse womöglich wieder eine Zukunft hat.

Mit der Apokalypse (in Dub) beschäftigt sich Kevin Martin ebenfalls gerne. Die Kollaboration The Bug feat. Dis Fig mit der Berlin-New-Yorker-Produzentin Felicia Chen, die aktuell zweifellos eine der Shootingstars und vielversprechendsten Zukunftsbringer*innen von Post-Club-Klängen abgibt, fügt der schier endlosen Diskografie Martins eine genuin neue, bisher ungehörte Facette zu. Dis Fig steuert zum Mix von In Blue (Hyperdub, 20. November) eben mehr bei als brüchige Vocals und ein tiefenscharfes Sounddesign. Sie führt die mürben Dub-Abstraktionen, Noise-Attacken und Basswalzen, die von Martins The-Bug-Alias leidlich bekannt sind, an den Rand von R’n’B und Pop und an den Rand der Selbstaufhebung – Selbstzersetzung in dunkelstem Dark Ambient. Dank Dis Fig bekommt der Sound eine emotionale Qualität, die Martin bisher kaum für sich beanspruchen konnte.

Das Berlin-Bielefelder Duo We Will Kaleid bollert ebenfalls gerne mit dem Schredder-Bass unterhalb weitgehend aufgelöster, lose herumflatternder Songstrukturen. Ihre tolle EP Tongue (Sinnbus) ist dennoch eindeutig in R’n’B und Trip-Hop sozialisiert, aber eben mit dem Wissen darum, was in diversen Post-Club Experimenten zur Zeit möglich ist.

In dieser übervollen Nachsaison erschienen noch eine gute Menge weiterer hochspannender und ergebnisoffener Kombinationen verschiedenartigster Charaktere, musikalischer Vorlieben und Arbeitsweisen. Wenn sich zum Beispiel eine Indie-Rock-Diva und ein Drone-Noise-Gitarrenpräparator wie Julie Byrne & Jefre Cantu-Ledesma treffen, entsteht dabei schwer experimenteller Shoegaze-Pop – oder viel mehr? Bisher gibt es leider nur eine, dafür aber umso wundervollere Single: Love’s Refrain (Mexican Summer). Hoffentlich kommt da noch etwas nach.

Bei Jasmine Guffond & Erik K. Skodvin sind die Vocals erwartungsgemäß etwas weniger an somnambulen Pop orientiert denn an den Experimenten der elektroakustischen Avantgarde der vergangenen drei bis fünf Dekaden. Was den Extremismus des eingearbeiteten Stimmeinsatzes der Weirdo-Folk-Ikone Marja Kokkonen alias Islaja angeht, mag die EP The Burrow (Sonic Pieces, 30. Oktober) wenig Kompromisse eingehen. Was die Tracks bindet und vor der Explosion bewahrt, ist einerseits eine thematische Orientierung an der Geschichte ausgerotteter Tiere und andererseits eine eher nach innen gerichtete Melancholie, die die Australierin Guffond, der Norweger Skodvin und die Finnin Kokkonen, die gerade alle in Berlin leben, teilen.