Numinos, unser Mann von der Technik, hat mit Grains (Mille Plateaux) ein Album gemacht, das sich von Technik inspiriert gibt, die Technik schon im Titel hat. Denn der bezieht sich erstmal auf die Granularsynthese und per weiterer Assoziation vielleicht noch auf das Schrot und Korn, die Textur der Klänge. Wo bleibt da die Emotion? Eine Frage, die das Album ganz lässig beantwortet: in der Technik, aus der Technik heraus und durch die Technik hindurch. So erinnern die feinherb geschroteten Synthieklänge des Albums mal an Wolfgang Voigts GAS, mal an Tim Hecker, mal an japanisches Glitch-House à la Rondenion, sind aber nie nur epigonal nachbildend. Die Inspiration und die Emotion liegt in der Schönheit und Melancholie des groben Mahlwerks und der feinen Schleifmaschinen, die der enthusiastische Heimwerker Numinos an seine Klänge ansetzt.

Keiichi Sugimoto hat definitiv den Sound des Ambient und der Electronica, die in den frühen Nullerjahren aus Japan kamen, entscheidend mitdefiniert. Als Betreiber von FrolicFon, als Teil von Minamo, Fonica, FilFla und solo als Fourcolour hat er einen reduzierten, oft von extrem hochfrequenten Microsounds geprägten, abstrakten Stil etabliert, der doch immer einen Fuß (oder manchmal nur den kleinen Zeh) in der Tür zu J-Pop stehen hatte. In seinem lange inaktiven Alias Vegpher hat er mit Neunziger- und Noughties-Sounds, verstolperten IDM-Breakbeats und Microhouse experimentiert. Diese sind auf Minutus (Progressive Form, 11. November) noch immer unverkennbar, mitunter klingt das Album, als hätte er gerade eine Kopie von makesndcassette wiedergefunden und beschlossen, aus dem extremen Minimalismus von snd ein üppiges wie crispy-cleanes R’n’B-House-Album zu machen – was ihm mit tollen Gästen wie den experimentellen J-Pop-Diven Moskitoo, Haco, Jessica und Piana auch perfekt gelingt. Eine super interessante, völlig aus der Zeit gefallene Arbeit, die sich tatsächlich anhört wie kaum etwas aus 2020, aber oft wie das Beste aus 2000, das es aber damals so doch nie gab.

Machinedrum arbeitet sich in A View of U (Ninja Tune) ebenfalls am Erbe der Neunziger ab. Mit sehr vielen mehr oder minder prominenten Gästen – fast jeder Track featured einen oder mehrere Rapper, Sänger*innen oder Producer – bastelt sich der 1982 geborene US-Amerikaner Travis Stewart eine neue musikalische Kindheit und Jugend aus einem transatlantischen Mix von IDM und UK-Garage, Dubstep und Detroit-Electro, Footwork, Hip-Hop, Drum’n’Bass und ungefähr jedem anderen Genre mit gebrochenen Beats. Derart heavy perkussiv polternd hat man Stewart bislang noch nicht gehört.

Apropos dichtest möglich verwebte Percussion: Analogsynthesizer-Wizard M. Geddes Gengras hat auf Time Makes Nothing Happen (Hausu Mountain, 13. November) wohl einen neuen Rekord aufgestellt. Nach seinen eigenen Maßgaben auf jeden Fall, aber ebenso im Vergleich mit allem anderen, was zur Zeit so auf Modular-Racks gebastelt wird. Der extra hibbelige, immer massivst bouncende Sound zeigt jedenfalls keine Schwäche, kennt keine Gnade, aber viel Textur.

Der Abschluss dieser zugegeben wieder reichlich materialvollen (es hilft ja nichts, es ist einfach so viel tolles Zeug da draußen) und ausladenden Ausgabe des Motherboards gebührt der ebenfalls in Los Angeles lebenden Produzentin Geneva Skeen. Ihr auf stille Weise spektakuläres Album Double Bind (Room40, 13. November) reflektiert das Zurückgeworfensein auf sich selbst, die inneren Dialoge mit persönlichen Gespenstern, die Stimmung dieser Zeit in harsch-zarten Dark-Ambient-Soundscapes.