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Berlin Atonal: Der (Über-)Seriosität steht der Partyhunger entgegen

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In einem hohen, kathedrahlenartigen Raum flackert ein meterhoher Bildschirm auf, und mit ihm erklingt ein metallisches Zittern. Tiefe Bässe folgen, Strobos in den Seitenschiffen dieses Industriegebäudes kommen hinzu. Wir befinden uns im Kraftwerk in Berlin. Es ist Mitte September, und das Atonal Festival füllt das ehemalige Ostberliner Heizkraftwerk mit epochalen, dystopischen Klängen und Licht, das deren Wirkung verstärkt. Unsere Autorin Cristina Plett hat sich umgeschaut und zwischen Musiknerds und Tourst:innen ihren Hunger gestillt.

Durch die Pandemie in eine Pause versetzt, fand das Berlin Atonal vom 7. bis 17. September zum ersten Mal seit 2019 statt. Und kündigte sich als wuchtiges Comeback an: Anders als die Jahre zuvor an einem langen Wochenende, erstreckte sich das Festival über elf Tage – mit zwei Wochenenden voller Musik und einer Ausstellung mit Konzerten und Performances unter der Woche.

Für Zuschauer:innen tendenziell überfordernd, von den Organisator:innen jedoch als bewusster Gegensatz zur regulären Festivalerfahrung gedacht, erklärt einer der beiden Kuratoren, Laurens von Oswald: „So ein Musikfestivalformat ist sonst relativ verkrampft. Das Atonal dieses Jahr war ein großformatiges Experiment. Uns war total wichtig, die Sparten zusammenzubringen: Kunst, Musik, Erlebnis.”

Kunstmusikerlebnis Atonal. (Foto: Helge Mundt)

Anders gesagt: Entgrenzung. Durch konsistenten künstlerischen Input. Wenn man neben den elf Tagen einen Alltag zu bestreiten hat und nicht einen Berlin-Festivalurlaub geplant hatte, wurde das beizeiten sehr viel. Trotzdem ging man als Gast voller Inspiration in den Ohren hinaus. Warum? Fünf Gründe.

Die avantgardistischen Performances

Das Atonal lebt von Live-Sets, Konzerten und Performances. Es bietet Platz für Avantgardistisches und Experimente. Einige Künstler:innen wie Caterina Barbieri (als Sängerin und Gitarristin auftretend) und Space Afrika hatten für diese Ausgabe erstmals zusammengearbeitet, andere wie Zebra Katz traten zum ersten Mal auf dem Festival auf.

An der Gitarre eher selten, auf dem Berlin Atonal aber doch gesehen: Caterina Barbieri. (Foto: Helge Mundt)

Die wohl beeindruckendste Performance aus dem Kunstbereich fand am ersten Wochenende an drei Abenden statt: Die Choreographin Florentina Holzinger, für extreme und körperliche Arbeiten bekannt, nahm bei „Études for Church” die kathedrahlische Anmutung des Kraftwerks wörtlich und ließ um eine Kirchenglocke herum zwei wütende Erzengel von der Decke schweben – um auf eine Glocke einzuhämmern, flankiert von zwei per Body Suspension hochgezogenen Frauen in Jesus-Pose.

Foto: Mayra Wallfraff

Ein kraftvolles und schockierendes Bild, bei dem jemand in Ohnmacht gefallen sein soll. Anders extrem war das punkige Konzert von Persher, der neu gegründeten Band von Blawan und Pariah. Hardcore in Rock-Form, ebenerdig dargeboten, das Publikum wie einen Kessel um sich geschart. Auch das Konzert des Dub-Trios Holy Tongue (bestehend aus Al Wootton, Valentina Magaletti und Zongamin) zehrte von der Klangintensität, die deren jazzige Drums live entfalteten. Genauso war Platz für ruhige, introvertierte Konzerte zum Zuhören. So zum Beispiel bei Loraine James oder Laurel Halo, die beide die Live-Shows zu ihren neuen Alben debütierten.

Die Inszenierung des Raumes

Die Performances auf der Hauptbühne im oberen Teil des Kraftwerks lebten auch von ihrer Wirkung im Raum. Die Macher:innen und Szenograph Marcel Weber kennen ihre Location und wissen sie zu inszenieren – vor allem mit Licht. Unzählige Lichtspots hingen im ganzen Raum, durchzogen ihn mal quer, mal gerade – dazu etwas Nebel – und zeigten seine Größe, ohne den Raum unnötig zu erhellen. Einfache Dinge wie eine riesige Folie erzeugten durch Reflexion raffinierte Effekte.

Raum für Reflexion. (Foto: Helge Mundt)

Die „Hauptbühne” bestand aus zwei Bühnen, sodass es nach dem Ende eines Konzerts ohne Umbaupause auf der anderen Bühne weitergehen konnte. Für Zuschauer:innen brachte das eine angenehme Bewegung in die Menge. Und der Raum wirkte so mal hoch (unter anderem durch die Folie über der einen Bühne) oder eher breit (durch einen querformatigen Screen über der anderen Bühne). Solch eine Inszenierung ist essenzieller Teil des Atonal-Vibes, dark und epic.

Die allumspannenden Wochenend-Clubnächte

An den Wochenend-Nächten und am Eröffnungsabend wuchs das Atonal über die Kraftwerk-Stage hinaus und wurde zu einer riesigen Partynacht auf den Floors des Tresor, Ohm und Kraftwerk. Vergangenes Jahr, zum 30. Geburtstag des Tresor, hatte es diesen Superclub schon mal gegeben. Auch dieses Mal war das Konzept reizvoll.

Jeder Dancefloor bot einen anderen Vibe. Das Ohm, klein, stets voll und schwitzig, war Ort für Musik wie das trippig-hypnotische Live-Set von Azu Tiwaline oder den spaßigen Bass von Ophélie. Der Tresor: mit weniger Nebel und Auf-die-Fresse-Techno als sonst, aber immer noch ein Höllenschlund am Ende des Tunnels. Und im parkettgetäfelten Globus holte Gqom-Veteran DJ Lag Tourist:innen wie Nerds vollends ab.

Manchmal weniger, oft mehr Nebel. (Foto: Frankie Casillo)

Insgesamt ein Zirkeltraining sondergleichen. Schade nur, dass es viel Energie erfordert, von 21 Uhr bis 1 Uhr früh experimentelle und fordernde Konzerte zu hören – und danach noch bis zum Morgengrauen feiern zu wollen.

Die Mischung des Publikums

17.000 Besucher:innen habe das Berlin Atonal 2023 gezählt. Das Publikum schien sich grob in zwei Gruppen teilen zu lassen: Musiknerds, viele selbst Musiker:innen oder Künstler:innen. Viele davon reisten extra an. So zum Beispiel drei Briten, die für das zweite Wochenende von Freitag bis Montag nach Berlin gekommen sind. Auf wen freuen sie sich am meisten? „Alessandro Adriani”, der sei schon vor vier Jahren toll gewesen.

Trotz Ticketpreis tanzen Tausende. (Foto: Helge Mundt)

Kurator Laurens von Oswald bestätigt den Eindruck, dass es hier international zugeht: „Im Vorverkauf kommen rund 45 Prozent der Besucher:innen nicht aus Berlin.” Unter die Nerds mischten sich auch immer wieder, vor allem zu Clubzeiten, zufällig reingestolperte Tourist:innen. Während des Konzerts von Holy Tongue treffe ich auf zwei Spanier, die „Raven Berlin” gegoogelt haben und so hier gelandet sind. Und das trotz des stolzen Ticketpreises von 60 Euro für einen Abend. Sie kennen niemanden auf dem Line-up: „Wir finden’s gut, wir hatten ja keine Erwartungen”. Der (Über-)Seriosität der Nerdfraktion steht der Partyhunger entgegen, durchaus eine gute Kombi. Aber eben eine, die man sich bei den Ticketpreisen leisten können muss.

Die Ausstellung

Auch abseits der Wochenenden war das Kraftwerk zentraler Ort des Geschehens. Ein Festival in der Stadt mit einem so starken Mittelpunkt, das ist selten in Berlin. Ab Montag war dort die Ausstellung „Universal Metabolism” zu sehen, anknüpfend an die Schau, die während Corona den Tresor gefüllt und an der das Atonal-Team mitgearbeitet hatte. Auch dieses Mal versuchte das Team so eine Brücke in die Welt renommierter Kunst zu schlagen: Unter den 32 Künstler:innen waren etwa Cyprien Gaillard oder Mire Lee (die vergangenes Jahr auf der Biennale in Venedig ausgestellt hatte).

So oder ganz anders auch schon bei der Biennale in Venedig zu sehen: Mire Lee. (Foto: Frankie Casillo)

Die Kunstwerke gingen teils leider im Dunkel des Kraftwerks unter. Zumal oben, auf der Bühne, oft noch Live-Performances stattfanden. So zeigte am Dienstagabend Robin Fox eine klangästhetische Lasershow, die das Publikum jubelnd beklatschte. Jubel gab es sowieso viel an den elf Tagen. Das bestätigt von Oswalds Fazit: „Man hat gemerkt, was für ein Hunger da ist.” Nach elf Tagen Atonal ist er gestillt, zumindest fürs Erste.

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