James Blake im Berliner Prince Charles: „Die Drums schreien nach Dancefloor, das Arrangement nach Vereinsamung”

James Blake, der Name dringt wie ein glitchiges Echo durch die eigene Musik-Chronologie. Plötzlich stolpern einem verschnittene Vokal-Fragmente und leiderfüllte Background-Vocals von „Wilhelms Scream” entgegen, gefolgt vom wummernden Bass auf „Limit To Your Love”, den man damals, 2010, auf seinen Sony-In-Ear-Kopfhörern gehört hat und sich dabei dachte: I am an audiophile.

Seither bewegt sich der gebürtige Londoner mit seiner Musik irgendwo zwischen basslastiger Dancefloor-Affinität und Pop-Ausrichtung, also UK-Bass mit Hang zum Dramatischen. Während das 2023 erschienene Playing Robots Into Heaven eine Rückkehr zu den elektronischen Wurzeln war, rückt das kürzlich erschienene Album Trying Times den Singer-Songwriter-Ansatz in den Fokus. Neben der klassischen Electro-Soul-Schmiererei gibt es hier auch eine unkonventionelle Downtempo-Trap-Nummer mit Leonard-Cohen-Sample zu hören – alles eingebettet in eine Mischung aus gesampeltem Wehleid, echoter Tagträumerei und direktem UK-Sound. Im Zuge der Veröffentlichung spielte James Blake sowohl eine Live-Show im Lido als auch ein kurzfristig angekündigtes Album-Launch-DJ-Set im Prince Charles.

Im Publikum scheinen erst mal wenige zu sein, die James Blake schon seit dessen selbstbetiteltem Debütalbum im Jahr 2011 verfolgen, sprich: Weniger Menschen 30 Plus in Karohemd oder Hoodie-Couture, dafür ein überwiegender Business-Chic-Vibe, gespickt mit dem Kleinen Schwarzen, Seidenhemden und strahlend weißen Shirts mit obligatorischen Silberkettchen. Also mehr ein Gefühl von Instagram-Aufbereitungsanlage, als real life Beckenbodenrotation.

Der Auftritt James Blakes ist nicht weniger High Class und erfolgt im zugeschnittenen Superstar-Format: Während das gleißende Abendspiel-Flutlicht des marketing-promovierten Dokumentarfimteams jeden Winkel der subkulturierten Pool-Lounge durchströmt, wird man von der Entourage die den Superstar durch die Massen geleitet in den Nacken seines Vortänzers gedrückt, den dieser offenbar mit Boss Bottled übertherapiert hat. Durch das Spalier aus menschgewordenen Selfie-Sticks tritt James Blake in die DJ-Booth. Hier findet zunächst kein ritualisierter Blend zwischen dem Set der amerikanischen DJ Twist Fire und ihm statt – ihr letzter Track fadet in ein peripheres Hintergrundrauschen aus, während sie von der Präsenz des 1,96-Hünen etwas in den Hintergrund gerät. Dann ist der Post-Dubstep-Grandseigneur und Auto-Tune-Poet an der Reihe.

Als Opener spielt er die hauseigene, brüchige Glitch-Trap-Nummer „Crying Shame” das die Blake’sche Ambivalenz ziemlich gut auf den Punkt bringt: Die Drums schreien nach Dancefloor, das Arrangement nach Vereinsamung. Das einstudierte Tanzdiktat wird vorerst auf Werkseinstellung zurückgesetzt, und der allgemeine Bewegungsablauf verkehrt sich in eine Melange aus Vorsichtig-verwirrt und Sich-nichts-anmerken-lassen, also Dance, Cry, Repeat. Aber immer überspielend und selbstsicher.

Man muss jedoch nicht lange warten, bis sich die kurzzeitig ausgesetzte Tech-House-Repetition wieder einspult und das folgsame Auf-Die-Eins-Tanzen endlich weitergeht. Ein ekstatischer Loop aus melodischen Synths und drückenden Kicks – das ist monoton, aber schwungvoll. Die rar gesäten Publikumsinteraktionen, sprich das gelegentliche Lächeln des Mannes mit verwegenem Nerd-Habitus, werden mit manisch-euphorischem Beifall quittiert, sodass man meinen möchte, hinter der distanzierten Gesichts-Monotonie könnte sich ein Genie der subtilen Selbstvermarktung verstecken.

Aber zurück zur Musik: Mit Tracks wie KouslinsBad feat. Logan” schlägt Blake gelegentliche Brücken zwischen UK-Sound und Ibiza-Rave. Eigene Tracks wie „Loading” beweisen zudem, dass ein gewisses Maß an eingebauter cheesyness dem Bewegungsapparat gar nicht schadet. Zum Ende seines Sets wird Blakes Selection zunehmend unhinged, was heißt: Er spielt rasante Übergänge im erweiterten 140-BPM-Bereich, die sich irgendwo zwischen Hip-Hop-beeinflusstem Dubstep à la „Sex Life” von Tracey feat. Riko Dan, flotten Breakbeat-Stücken aus dem Hause Joy Orbison und Overmono und Dubstep-Klassikern wie Digital Mystikz‘ „Earth A Run Red” bewegen.

Das sind schöne biografische Ausflüge zu den eigenen, musikalischen Wurzeln, die aber unter dem allgemeinen Blitzlichtgewitter und Gedränge etwas verlorengehen. Trotzdem hat James Blake bewiesen, dass seine Mischung aus schwiegersöhnlicher Schmalzigkeit und UK-Bass immer noch gut funktioniert.

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