Eine von Achim Zepezauer, einem Avantgardisten und Freistilelektroniker alter Schule, zusammengestellte Compilation bewegt sich erwartungsgemäß auf etwas atonal-verqueren Pfaden. Dennoch (oder gerade deshalb) beherbergt die von der Konzertreihe zum Album gewordene mex 2020 (Ana Ott, 5. Februar) eine interessante und aparte Mischung aus etablierten Traditionsverächtern und Neutönern, von Computermusik-Pionier Jon Bischoff bis zu Drone-Minimalist Phill Niblock, und stellt diese in Kontaktnähe mit jüngeren Musiker*innen, die eine ähnlich abenteuerlustige Herangehensweise an elektronische Musik, hier speziell der Dark-Ambient-Klasse, zeigen, wie Jasmine Guffond oder Svarte Greiner.

Glitch und Minimalismus sind in dieser Kolumne verhältnismäßig unterrepräsentiert, obwohl es immer wieder Neues und Beachtliches gibt aus dieser alten Schule des digitalen Soundverständnisses. Das Reissue des Soundtracks The Horse Stories (Flau, 17. Februar) der Klangkünstlerin Dale Berning ruft nochmal in Erinnerung, wie divers und ungewöhnlich Klänge sein konnten, die doch komplett innerhalb eines Genres, eines Zusammenhangs spielten. Nicht nur in dieser Hinsicht war das Album wegweisend, als Zeugnis der Zukunftsfähigkeit eines Stils in dessen Auflösung. Das eigentliche Elend liegt also darin, dass Berning seit diesem einzigen und einzigartigen Album nichts mehr produziert hat.

Eine andere alte Schule ist die von Neunziger-Berlin in Neunziger-Dub mit Neunziger-Breakbeats oder Neunziger-Techno im Sinne von Chain Reaction und dem Hardwax-Portfolio. In dieser Welt ist Felix K als Labelbetreiber und Produzent schon seit mehr als 20 Jahren ein Fixpunkt. Seine jüngste Soloproduktion Skulpturen #1-4 (Nullpunkt Records) verzichtet komplett auf rhythmische Strukturen, wabert stattdessen dräuend in beeindruckender Konsequenz als Dark Ambient durch den feuchtkalten Keller einer Covid-verlassenen Sound-Art-Gallerie in einem der hipperen Stadtteile des aktuellen Berlins.

Der Japaner Yu Asaeda alias ENA ist so etwas wie der eine halbe Erdumrehung entfernt geborene musikalische Zwillingsbruder von Felix Krone. Eine Veröffentlichung auf dessen Label ist also nur folgerichtig, so faszinierend verwandt wie die Vorstellungen von Sounddesign, Grafikdesign und Dunkelheit der beiden sind. Auf One Draw (Nullpunkt Records) ist der Noise allerdings rhythmisiert und schwer von Bass.

Die logische Zusammenarbeit der beiden nennt sich F&E, und die aktuelle Fortsetzung ihrer Forschung und Entwicklung II (Nullpunkt Records) ist genau die erwartete Schnittmenge. Mit dem Dreh aber, dass ausgerechnet dieses Album bei aller Konzeptschwere geringfügig leichter und lichter klingt als die beiden Soloarbeiten.

Der Berliner Techno-Altstar Troy Pierce und Natalia Escobar (Poison Arrow) aus Kolumbien haben sich als Pierce with Arrow gefunden, um sich zügig vom Techno zu verabschieden. Ihr düster aufgeladenes Debüt Shatter (DAIS, 19. Februar) ist im Post-Club angekommen, ohne sich das genre-übliche Sounddesign aus zersplitterten Samples und Schredderbeats zueigen zu machen. Stattdessen üben sie sich in einer nochmal nachgedunkelten Art von Trip-Hop mit sparsam verstreuten spanischen Vocals über geraden, aber ultimativ verschleppten Slow-House-Beats. Das hat immer wieder Potenzial zum Hit, das aber gerne verschliffen und vernuschelt wird – was dem gesamtdüsteren Eindruck des Albums höchst zuträglich ist. Kälter und finsterer wird gute Popmusik dieses Jahr wohl kaum werden.

Na gut, ja klar, düsterer und krasser geht immer, zumal dann, wenn man Pop so weit verbasst, kleinhackt und zerdehnt, bis er zu Doom-Metal und Death-Industrial wird. Opalglas, jüngstes Soloprojekt von Christian Kolf, szenebekannt als Gitarrist und Vokalist der avancierten Bonner Metal-Szene (ja, so etwas gab es und gibt es noch) in Bands wie Owl oder Valborg, schreddert Bekanntes und Unbekanntes so, dass es irgendwann wie Selbstaufgabe oder rhythmisierter Noise klingt – und verdammt gut. Das Prinzip kennt man von Vatican Shadow und vielen anderen Projekten. Aber die Konsequenz, mit der Kolf das durchzieht und doch relativ nahe an Pop bleibt, die kann was und hat was.