Ambient und Poesie, Meditation und Hedonismus, Avantgarde und Pop, Jung und Ewig-Jung treffen, küssen und durchkreuzen sich im nomadischen Werk der Danielle de Picciotto. Aktuell in Tacoma, Washington, USA beheimatet, hat die Love-Parade- und Ocean-Club-Mitgründerin mit The Element of Love (Broken Clover Records, 19. Februar) einen augenzwinkernden Gruß an ihre Vergangenheit versendet, und schaut doch nur nach vorn. Die Magie dieser Klänge erwächst aus der faszinierenden Verdrehung des naiv Scheinenden in etwas Anti-Naives, das all die Dummheiten in der Welt zu überwinden können scheint.

Zwischen Drone, Japan-Ambient und J-Pop ist noch so viel Platz. Warum also einschränken? Die klassisch akademisch geschulte Violinistin Kumi Takahara aus Tokio nimmt sich einfach die Zutaten und Genrekonventionen, die sie braucht, um ihre Freiheit zu finden, in einer ganz eigen-neuen Art freier Folktronica. So ist das Leitinstrument auf ihrem Solo-Debüt See-Through (Flau, 24. Februar) das Piano, das, deutlich an Harold Budd geschult, zarte minimalistische Phrasen immer neu variiert. Takaharas eigentliche Domäne, die Streichinstrumente, haben andere Aufgaben bekommen. Sie umspielen, umschmeicheln Piano und Elektronik oder bilden subtile Kontraste.

Kumi Takaharas erste Single Tide (Flau, bereits im Januar erschienen) ist so eher eine Ausnahme im Rahmen des Albums. Das tolle Stück Streicherdrone findet im bassig dräuenden wie brütenden Remix des polnischen House-Produzenten Earth Trax, der unter seinem bürgerlichen Namen Bartosz Kruczyński ebenfalls die Verfeinerung und Neuerfindung von Ambient alter Schule verfolgt, dann aber nochmal einen ganz anderen Charakter. Kruczyński wiederum hat vergangenes Jahr seine Archive geöffnet. Was unter seinem Eigennamen als Selected Ambient Projects und Selected Media 2016 – 2018 (beide: Emotional Response) erschien, lässt sich ganz wunderbar an Takahara anschließen. Was für die tolle LP2 Ambient Dance (Shall Not Fade) von Earth Trax ebenso gilt, nur eben auf dem Fundament von House und Techno, wie das Album seine Intention schon im Namen trägt.

Wem das noch nicht reicht, versüßt das erweiterte Reissue des Tapes Delta Horizon (Not Not Fun) des Australiers Eleventeen Eston das Dessert. Unironische Aneignungen von kalifornischem Frühachtziger-Softrock, AOR, Smooth Jazz und balearischen Sundownern als Electronica im Lo-Fi-Tape-Gewand. Geht ab wie ein Gewürztraminer zu Crème Brulée.

Die Berliner Produzentin Nur Jaber hat den Sound entscheidend mitgeprägt, der mit Stadt in den vergangenen paar Jahren bevorzugt verbunden wurde. Also den dystopischen, rohen, kalt knallenden, gerne von verzerrten Vocals durchzogenen Warehouse-Techno, der Elemente von frühem Rave, Gabber und Hardcore wie auch Industrial und EBM zusammenführt und es in die Kisten der globalen Technogrößen wie Amelie Lens oder Charlotte de Witte geschafft hat. Jabers neues, von ihr selbst bespieltes Label If Only hat sich vorgenommen, diesen mehrheitsfähigen Sound-Dystopien eine hoffnungsvolle Utopie entgegenzusetzen. Von einer starken, von klassischer Science-Fiction beeinflussten Bildästhetik der (ebenfalls Berliner) Grafikerin Amélie Prevoteau unterfüttert, setzt die geplante Serie von EPs auf Klänge von geringerem Volumen und schwermütiger Schönheit. Synthetischer Heavy Ambient über extrem reduzierten oder ganz verschwundenen Beats. Der ersten Laufnummer Awakened Whisper (If Only, 19. Februar) gelingt dies schon ausnehmend gut.

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Ziúr, ebenfalls Berlin, hat mit Now Now eben mal schnell ein Label gegründet für eben mal schnell produziertes Material, das einfach raus muss in die Welt. Die der erste Laufnummer, die EP Now Now (Now Now), macht aus ihrer schlechten Laune und schnellen Produktion keinen Hehl, die Referenzen an Hardcore, Jungle, Industrial und generelle Januar-Dunkelheit sind so roh und rough wie ihre Vorläufer aus den Neunzigern. Die EP spielt diese aber weniger in Dark Techno als in kategorielosen, schlecht gelaunten Post-Club-Sound der gerade besonders in Skandinavien umgeht. Und genau das ist die Qualität dieser kalt stolpernden Stücke. Trostlosigkeit mit ganz viel Zukunft. Auch eine schöne Utopie, irgendwie.

Was das London-Bristoler Brüder-Duo Astryd auf der EP Blind Summit (Dialogue, 12. März) aus den verrosteten Ruinen der Stah-Glasbauten von Industrial-Techno zieht, ist ebenfalls reichlich kühl und von Dunkelheit angezogen, aber dabei immer noch verdammt energetischer Techno nach Techno-Club, nach Post-Club, ohne sich je wirklich zu ganzen geraden Tanztracks aufschwingen zu wollen. Die Sounds mögen beim Erstkontakt eventuell abweisend und unwirtlich klingen, mit Discwoman-Verbindung und auf dem Label des Queer/Party/Avant-Elektronik-Zusammenhangs Dialogue öffnen sie in Wirklichkeit aber nicht weniger als einen Safe Space.

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