Foto: Frank P. Eckert

Experimentierfreude oder stoische Kompromisslosigkeit? Was tun angesichts des fortschreitenden Lebensalters und der (meist) zunehmenden Reife des eigenen Werks? Ein Dasein als Elder-States(wo)men, gediegen verfeinert weiter produzieren, bis einen die Jungen von der Bühne blasen? Oder wach bleiben, sich der Gefahr von Missverständnissen und Beliebigkeit aussetzen, sich selbst und die Arbeit immer wieder neu erfinden, angesichts neuer Umstände und Möglichkeiten?

Eine solche Gelegenheit, gerade in der Elektronikwelt, bietet die Künstliche Intelligenz. Die mehr als etablierten Electronica-Pop-Avantgardisten von Mouse on Mars haben die KI für sich entdeckt. Nicht unbedingt als Werkzeug, sondern als Möglichkeit, sich zu ihr zu positionieren – und das nicht auf die handelsübliche „kulturkritische” Weise: denn AAI (Thrill Jockey, 26. Februar) ist ein „KI-positives” Album, das mit der Idee einer anarchischen künstlichen Intelligenz spielt und Texte, Fragmente und Soundbytes von KI und deren Theoretiker*innen und Entwickler*innen einbindet. Die musikalischen Mittel sind dabei weitgehend gleich geblieben: Handgespielte, motorische Krautelektronik, die einerseits klassisch lange gereift wirkt, aber eben so energiegeladen und frisch wie lange nicht. Vielleicht mussten sie erstmal lange genug weg sein, raus aus dem Rheinland über Berlin nach New York, um den allgegenwärtigen Einflüssen zu entrinnen, sich mal so richtig freimachen und ein herzlich groovendes Krautrockalbum mit milden Elektroakustik-Einsprengseln zu produzieren. Verglichen mit so manchen Post-Club Ansätzen, die jüngst an den selben Stellen in denselben Städten entstanden, wirkt das noch immer, als hätten Mouse on Mars irgendwo den Masterplan in der Tasche, gleich neben dem Schweizermesser, mit dem sie ihre Sounds zurechtschnitzen, -dengeln und -feilen. 

Aidan Bakers motorisches Space-Rock-Trio Whisper Room gibt sich ähnlich knackig. Vielleicht wirkt ihr Post-Kraut-Gebrumm auf Lunokhod (Midira, 26. Februar) so frisch, weil es dank Corona eine Distanzarbeit war. Weil Baker in seiner aktuellen Heimat Berlin nur per Soundfile mit den Kollegen aus Toronto spielen konnte. Aber vielleicht auch nur, weil es für jemanden wie Baker einfach grundsätzlich dazugehört, die eigenen Erwartungen immer wieder offen zu halten. Gerade wenn er sich in einem so vordefinierten Genre wie psychedelischem Acid Rock bewegt.

Die freundlichen älteren Herren von The Notwist haben sich mit Jazzprojekten, Marching Bands, ihrer freundschaftlichen Verbindung mit den Tenniscoats und ihrer Labelarbeit als Trüffelschweine für japanischen Outsider-Pop jung und geistig fit gehalten. All diese vielfältigen Beschäftigungen und Vorlieben sind in Vertigo Days (Morr, 29. Januar) zu hören. Das Fundament bleibt allerdings elektrifizierter Indie-Pop, zurückhaltender Gesang, Klampfe mit Brumm drunter. Aber eben verfeinert und frisch gemacht mit Gästen wie der amerikanischen Jazz-Klarinettistin Angel Bat David. Ein mindestens genauso würdiger Pfad in die zweite Künstlerlebenshälfte.

Das Leipziger Duo Wooden Peak hat den milde progigen elektrischen Indie-Pop seiner ersten drei Alben Revue passieren lassen und ausgewählte Stücke von einer Posaunistin und einer Bassklarinettistin verstärkt noch einmal deutlich entspannt neu eingespielt. Diese halbironisch Electric Versions (Teleskop, 26. Februar) genannten, halbakustisch und unplugged gehaltenen Stücke haben durch diese Art der Überarbeitung deutlich an Musikalität und Wirkung gewonnen, klingen verspielter, jazziger, ein wenig nach den aktuellen The Notwist manchmal. Passt also sehr gut.

Ein weiteres Tentakel der globusweit ausgreifenden Connections von The Notwist reicht via 13 & God von Weilheim nach Oakland, Kalifornien. Das dortige Bandmitglied Dax Pierson hat heuer einfach mal schnell die altbewährte Electronica als afrofuturistischen Jazz aus Acid-House neu erfunden. Dazu brauchte er außer viel Zeit und nach einem schweren Autounfall 2005 einer kompletten Neuerfindung seiner Arbeits-, Produktions- und Lebensweise außerdem ein offenbar enzyklopädisches Wissen um die vergessenen Außenseiterpositionen der US-Amerikanischen „Black Music” und die Erfahrung als Produzent und Musiker im Bay-Area-Hip-Hop-Kollektiv Subtle, deren Bass und Kopf er in den Nullerjahren darstellte. In Verbindung mit einer gerechten Wut über die Zustände ergibt Nerve Bumps (A Queer Divine Satisfaction) (Dark Entries/Ratskin Records, 26. Februar) so etwas wie ein genuin intersektionales Album. Eines, das eine kaum fassbare Menge an Erfahrungen – gute wie schlechte – durchlaufen hat, und diese ohne den geringsten Anflug von Bitterkeit oder Resignation in absolut faszinierende Sounds wandeln kann.

Der Belgier Lawrence Le Doux ist eine eher nicht so megabekannte, aber irgendwie immer an den richtigen Stellen auftauchende Gestalt mit dekadenlangen Connections zu Mouse on Mars und dem Kölner Label A-Musik. In den vergangenen Jahren hat er sich unter Erhaltung des fusselbärtigen Avantgarde-Freaks zum einem tendenziell partytauglichen Live-Act und DJ gewandelt und seine Produktionen sind etwas genrekonformer geworden, zugänglich und freundlich waren sie eh schon immer. So ist die jüngste EP Compassion Lake (Nous’klaer, 15. Februar) eine wenn nicht tanzbare, so doch mindestens Sofa-rockbare Angelegenheit zwischen Electronica und House, die viel Freude im Detail macht.

Etwas so zu machen, als wäre es das erste Mal, als wäre noch nie jemand zuvor auf so eine Idee gekommen – und dabei die Geschichte doch ganz genau zu kennen, das ist eine ganz eigene Kunstform, die Conny Frischauf aus Wien denkbar perfekt beherrscht. Ihr Albumdebüt Die Drift (Bureau B) gibt dem Handwerkszeug der Achtziger mit Pokerface und innerlichem Augenzwinkern eine neue Aufgabe, einen neuen Zweck. Da werden dann Post-Punk, Synthpop, deutsche kosmische Musik, früher Loop-Collagen-Hip-Hop von Sugarhill Gang oder Steinski und japanische Ambient-Minimalismen, wie sie von Midori Takada oder Hiroshi Yoshimura gemacht wurden, zu charmant-frischem Indie-Pop kombiniert, der weder morbide noch Retro, sondern absolut diesseitig und hundertprozentig nach Jetzt klingt.