Illustration: Dominika Huber Sind Clubs Kulturorte? 2020 wurde diese Frage sogar im Bundestag diskutiert. Auch wenn es steuerrechtlich Verbesserungen gab, geht auch dieses Jahr ohne die geforderte Baurechtsreform zu Ende – und das Clubsterben weiter. In Berlin gibt es immerhin Gründe für vorsichtigen Optimismus. Aber: Die Zeit der warmen Worte ist definitiv vorbei. Das war es dann wohl vorerst mit der Anerkennung der Clubs als Kultureinrichtungen – zumindest von baurechtlicher Seite: Dass die am 4. November vom Bundeskabinett beschlossene Novelle des Baugesetzbuches keinerlei Vorschläge zur Verbesserung der Lage der Clubs enthielt, bezeichnete Caren Lay, stellvertretende Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE im Bundestag, als Enttäuschung. Denn was für Außenstehende vielleicht nach spießiger Bürokratie klingt, hat für die Clubs und ihre Betreiber*innen ganz reale Folgen und könnte langfristig das Clubsterben besonders in den Innenstädten weiter vorantreiben. Dabei gab es Anfang des Jahres durchaus Grund zur Hoffnung: Am 12. Februar hatte es das Thema „Clubsterben“ tatsächlich in den deutschen Bundestag geschafft. Zum ersten Mal trafen sich Vertreter*innen sämtlicher Bundestagsparteien und Abgeordnete des Ausschusses für Bau, Wohnen, Stadtentwicklung und Kommunen mit der LiveKomm und Akteur*innen aus der Clubszene. Mit dabei: Steffen Kache, Vorstand der LiveKomm und Betreiber und Gründer der Distillery in Leipzig, Pamela Schobeß, Vorsitzende der Clubcommission Berlin und Betreiberin des Berliner Clubs Gretchen und Jakob Turtur, Clubbetreiber des mittlerweile geschlossenen Berliner Clubs Jonny Knüppel und ebenfalls im Vorstand der Clubcommission (GROOVE berichtete von der Sitzung). Dass es überhaupt so weit kam, lag an Anträgen aus der Fraktion der Linken („Clubsterben stoppen“ vom 17. Oktober 2019), der Grünen-Fraktion („Clubkultur erhalten – Clubs als Kulturorte anerkennen” vom 13. November 2019) und zuletzt von der Fraktion der FDP („Die Blackbox-Clubszene – Kreativ und wirtschaftlich” vom 29. Januar 2020), die der Sitzung vorausgegangen waren. Auch wenn diese parteigemäß Unterschiede aufwiesen, waren sich die Fraktionen in einer Forderung jedoch erstaunlich einig: Clubs sollten endlich als Kultureinrichtungen anerkannt werden und nicht mehr wie bislang als Vergnügungsstätten. Auf einer Ebene mit Bordellen, Spielhallen und Pornokinos  Die durch diese Zuschreibung entstehenden Nachteile sind so vielseitig wie weitreichend: Indem man Clubs als „Vergnügungsstätten” rechtlich mit Bordellen, Spielhallen und Pornokinos gleichsetzt, wertet man nicht nur die kulturelle Kurator*innenarbeit der Booker*innen und Veranstalter*innen ab. Man verkennt auch, dass Clubs hochprofessionelle Unternehmen sind, die für Berlin einen nicht unerheblichen Wirtschaftsfaktor darstellen: Eine Studie der Clubcommission belegt, dass die Berliner Clubkultur 2018 ganze 1,48 Milliarden Euro Umsatz in die Stadt brachte. Zudem schaffte die Branche mindestens 9000 Arbeitsplätze – zumindest vor der Coronakrise. Die Einstufung von Clubs als „Vergnügungsstätten” ist demnach als Diskreditierung und Geringschätzung des kulturellen Potenzials und auch Kapitals der Szene zu verstehen – und zeugt zudem von einem fundamentalen Missverständnis von Clubkultur: Die Gleichsetzung von Clubs und Diskotheken. In Diskotheken spielt ein*e Resident-DJ jedes Wochenende mainstreamtaugliche Hits, die den kommerziellen Massengeschmack bedienen. Clubs hingegen sind Orte, in denen Kultur und Musik mit einem innovativen Anspruch kreativ weiterentwickelt werden, was letztlich den Nährboden der Musikindustrie bildet. Zudem erfüllen viele Clubs als safe spaces eine soziale Funktion für marginalisierte Menschen, organisieren Benefizveranstaltungen und stellen ihre Räumlichkeiten auch für andere Events wie Lesungen, politische Panels oder Performances zur Verfügung.  Wie sehr diese fälschliche Gleichsetzung dem Image der Berliner Clubszene in der öffentlichen Wahrnehmung schaden kann, zeigte sich erst kürzlich wieder: Als in der Charlottenburger Diskothek The Pearl eine verantwortungslose Corona-Party aufgelöst wurde und für Negativschlagzeilen sorgte, war die Aufregung besonders […]

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