Foto: Frank P. Eckert

Die Strickleiter, auf der man nach oben geklettert ist, einfach mal abzuwerfen, eine erworbene Könnerschaft und Spezialisierung einfach mal zu vergessen, dazu bedarf es eine erhebliche Menge an Mut und Vertrauen in die eigene Inspiration, vom dringend gebotenen Enthusiasmus am Experiment mal abgesehen. Wenn es gelingt, liegt die Belohnung nicht zuletzt bei den Hörer*innen. Für die Künstler*innen ist das eine der wenigen verbliebenen Perspektiven, etwas genuin Neues und Unkonventionelles aus dem Alltäglichen und Altbekannten heraus zu erschaffen. Das elektronische Debüt der klassisch ausgebildeten Violinistin Annie Gårlid, die als Orchestermusikerin in Köln und Berlin gearbeitet hat, aktuell in New York lebt und durch ihr Mitwirken in Holly Herndons Ensemble, bei Emptyset und Caterina Barbieri (siehe Motherboard vom Oktober 2018) digital- und analogelektronische Zugänge zur Musikproduktion kennengelernt hat, ist so ein Glücksfall. Auf United (Subtext Recordings), dem Debüt ihres elektronischen Alias UCC Harlo dekonstruiert sie ihr Instrument und ihre Ausbildung zu Pop-Electronica, ähnlich wie es Kelly Moran für das Piano gemacht hat. Das kann, wie im Hörbeispiel, einfaches Soundprocessing sein, bei dem die harmonischen Strukturen der zugrundeliegenden Barock-Kompositionen noch erkennbar sind, es kann aber ebenso leicht die fast vollständige Auflösung und Neuordnung in rhythmisierte Glitch-Fragmente bedeuten. Diese fundamental digitale Ästhetik wird von der Materialität ihres akustisch analogen Instruments aufgebrochen. Der Sound bleibt nahe am Holz des Körpers, am Metall der Saiten und der menschlichen Stimme.


Stream: UCC Harlo – Bach Gamba f*cked

Die kasachische Komponistin und Pianistin Angelina Yershova, die zwischen Rom, Berlin und Almaty lebt, ist ebenfalls klassisch ausgebildet. Auf CosmoTengri (Twin Paradox, VÖ 18. April), dem dritten Soloalbum auf ihrem eigenen Label, hat sie sich von sowohl vom Instrument wie von der dahinter liegenden Tradition der europäischen Klassik (und populären Neoklassik) weitgehend emanzipiert, im Sound wie in den Songstrukturen. Letztere emulieren Synth-Pop und zeitgenössische Elektronik, meist geben untergründig gerade oder angedeutet ungerade Beats die Struktur der Stücke vor. Ihr Sound verweist dagegen auf die reichen Texturen von Ambient. Die Stücke auf CosmoTengri sind geprägt von körnigen Field Recordings, dem markant kehlig schnarrenden Klang der zweisaitigen Rosshaar-Violine Kobyz und einem Stimmeinsatz der wie der Klang des Kobyz auf die rituellen Klänge kasachischer Schamanen verweist. Mit soundexotisch aufgemotzter World Music und esoterischem Anthropozän-New-Age hat das Album dennoch wenig bis nichts zu tun. Die ausgestellte naturreligiöse Erdverbundenheit ist digital dekonstruiert, vom Doppelspiegel elektronischen Pops und europäischer Komposition reflektiert.


Video: Angelina Yershova – Korgau

Die „Tradition“ welche die in Berlin lebende Schwedin Johanna Knutsson auf Tollarp Transmission (Kontra Musik, VÖ 22. April) hinter sich lässt, mag nicht so dramatisch weit entfernt sein von den Konventionen ihrer bisherigen Arbeit als eine der interessantesten jüngeren Techno-Playerinnen in Berlin (sie betreibt dort unter anderem mit Hans Berg das Technolabel UFO Station und mit Luca Lozano das House/Acid-Label Zodiac 44). Dennoch zeichnet sich ihr Debütalbum durch eine überraschende Freiheit von den Zwängen der Funktionalität aus. Die „Übertragungen“ aus Tollarp, der ländlich geprägten Kleinstadt Knutssons schwedischer Kindheit, skizzieren ein durchaus idyllisches, mittsommerlich lichtdurchflutetes Erinnerungspanorama, welches doch tief melancholisch und geisterhaft von einer verlorenen Vergangenheit erzählt. Frei jeglicher Nostalgie manifestieren sich so konkrete wie ephemere Erinnerungen in orgeligen Ambientflächen, organischer Electronica und der Einsamkeit des zitternden Schwebeklangs eines virtuos gespielten Theremin (oder eines ähnlichen frühen Analogsynthesizers), dem liebsten Instrument aller Gespenster.


Stream: Johanna Knutsson – Tollarp Transmission (Preview)