Das portugiesische Duo HRNS, ‘Harness’ ausgesprochen, kombiniert ebenfalls Synthesizerflächen mit Field Recordings. Ihre Synth-Sounds sind allerdings gleißend und dramatisch, Vangelis-/Blade-Runner-Style, die Field Recordings massiv und körnig rumpelnd, den ganzen Bassbereich füllend. Dazu kommen gelegentlich noch die Stimmen der beiden hinzu, von allerlei Effekten harmonisiert und zu digitalem Mürbeteig verarbeitet. Der Ambient von Naomi (Warm Winters Ltd.), gleichzeitig Debüt des vielversprechenden neuen Warm Winters Ltd.-Tape-Labels aus London, will also in praktisch allen Aspekten überlebensgroß und reichlich sein. Das klingt dann mal wie ein diesseitiger Ian William Craig, mal wie 2184 ohne Regen, also schon sehr super.


Stream: HRNS – Swan Palace

Was die mitternächtlichen Spielarten von Ambient angeht, ist der Sarde Eugenio Caria eine absolut zuverlässige Größe. Automatism (Denovali), sein fünftes Album als Saffronkeira, offeriert wie gewohnt edelmatte, melodramatisch funkelnde Soundtracks zu spannungsgeladenen Trips in die urbanen Zentren der Finsternis. Auf so konstant hohem Niveau schafft das kaum jemand. Von Industrial und Dub, den zwei Ahnen des Dark Ambient, sind auf dem neuen Album nur Spurenelemente zu finden: bassiges Dräuen und sanft-tribales Geklöppel. Das australische Doom-Postrock-Industrial-Trio My Disco ist auf seinem sechsten Album Environment (Downwards) ebenfalls bei etwas angekommen, das im Register von Dark Ambient spielt. Dass sie sich mit dieser Arbeit auf dem freigeistigen Finsterelektronik-Label von Regis wiederfinden, scheint da nur konsequent. Tief brummende und dunkel glimmende Elektronik, disruptiv-tribales Rumpeln und Klappern und kaum verständliches Geraune in derselben Tonlage. Gute schlechte Laune aus der Graveyard-Disco. Teilweise erstaunlich nahe dran an dem, was King Midas Sound (siehe oben) gerade machen. Ellicist, das neueste Projekt von Florian Zimmer (Driftmachine) und Thomas Chousos (Tadklimp) fischt ebenfalls im Dunkeltrüben. Ihr kurzer Willkommensgruß Point Defects (Morr, VÖ 19. April) nutzt die von Driftmachine bekannten Modularsynthesizersounds mit all seinen kabelknuspernden Fehlern und Glitches. Alles wie gehabt also? Nicht wirklich, denn Ellicist donnern wesentlich weniger hermetisch in den spärlich gelüfteten Dub-Keller. Ihr Sound wird von Field Recordings und postrockenden Pop-Momenten temporär aufgehellt. Wetterleuchten über dem mitternächtlichen Teich zu Zeiten der Krötenwanderung. Das Album ist mit seinen gerade mal 27 Minuten allerdings kaum mehr als ein Teaser. Hoffentlich bald mehr.


Stream: Saffronkeira – Conscious in Origin?

Frische Beats, die sich der fortschreitenden Ermüdung der hiesigen Post-Club und Neo-IDM Routine entziehen, gedeihen zur Zeit besonders aus der Konfrontation lokaler Tradition mit zeitgenössischer Technik. Als doppelter Re-Import exotischer Rhythmen in westlicher Popmusik, die dann wiederum in einer nichtwestlichen aber von globalisiertem Pop und Avantgarde geschulten Denkweise re- und dekonstruiert werden. Das passiert momentan bevorzugt in Afrika und der Diaspora afrikanischen Produzent*innen rund um den Globus. Für Jérémy Labelle, der auf La Réunion schon rein geographisch zwischen Indien und Afrika logiert, ist das kreolische Maloya die Tradition, aus der er seine Inspiration zieht und gegen die er anspielt. Labelles Post Maloya-Sound zeichnet sich durch einen meist über 140 BPM knatternden, geraden Beat aus, der von einer unübersichtlichen Menge von Percussion links, rechts, oben und unten verbogen und aus dem Zentrum des Klangraums herausgeführt wird. Labelles drittes Album Orchestre Univers (Infiné, VÖ 5. April) interpretiert seinen speziellen Blick auf Maloya. Afrikanische und indische Musik durch den Fokus des Orchestre Univers, einer speziell für das Album zusammengestellten Auswahl aus Réunioner Big-Band-Jazz und Maloya-Musikern. Die überbordenden Rhythmus-Tracks, die in der akustischen Besetzung oft an die Minimal Music von Steve Reich erinnern, werden von luftigeren stilleren Stücken mit Sitar und Flöte gerahmt, die ein wenig nach erleuchtetem New Age klingen, nach den spirituellen Ausflüge von Alice Coltrane oder Pharoah Sanders nach Indien und Afrika. Dort, in Kampala, Uganda, sitzt das junge, panafrikanisch (oder zumindest pan-ostafrikanisch) orientierte Label Nyege Nyege Tapes, auf dem die erstaunlichsten, den Kopf freiblasenden experimentellen Afro-Mutations erscheinen. Zum Beispiel von Jako Maron, dessen Les Experiences Electro Maloya de Jako Maron (Nyege Nyege Tapes) das Réunioner Maloya noch mal ganz anders interpretieren als Jérémy Labelle, nämlich vollelektronisch, nach Art von Detroit-Techno und Dreyxcia-Electro. Oder vom Produzenten Duke aus Daressalam, dessen Uingizaji Hewa (Nyege Nyege Tapes) die hyperkomplexen Hochgeschwindigkeitsbeats des Singeli (der Mainstream Dance/Hip-Hop Stil in Tansania) auf fast unglaubliche Weise verkompliziert und doch, zumindest in Half-Time wahrgenommen, überaus tanzbar ist. Als körperlich bleibende, zerebrale Beat-Verknotung ist das ähnlich beeindruckend wie die Footwork-Juke Abstraktionen von Jlin. Die Beat-Dekonstruktionen des Kenianers Slikback sind nicht weniger spannend. Die tolle EP Tomo (Hakuna Kulala/Nyege Nyege Tapes) knallt superinteressant und derbe zugleich, beherrscht den Berliner Post-Irgendwas-Stil à la Amnesia Scanner ebenso wie die Nachtclubs Nairobis.


Video: Jako Maron – Les Experiences Electro Maloya de Jako Maron