Der Engländer Rian Treanor spielte im vergangenen Jahr neben vielen afrodiasporischen und lokalen Künstler*innen auf dem Nyege Nyege Festival. Die tiefe Faszination für afrikanische Rhythmen und ihre ‘Black Atlantic’-Übersetzungen und Mutationen von Jazz, R’n’B, Detroit-Electro/Techno bis Footwork und Juke ist auf seinem Debütalbum Ataxia (Planet Mu) unüberhörbar. Er gibt ihnen allerdings noch eine ordentliche Dosis genuin britisches Hardcore Continuum mit auf den Weg. In Kombination mit der hyperglänzenden, oberflächenaktiven Digitalästhetik seiner Produktion klingt das wie eine globalisierte Variante von IDM (speziell der Variante, die Treanors Vater Mark Fell bei SND verfolgte) in heute. Am anderen Ende der Welt, in Santiago de Chile, schreddert Martin PDI Beats bis in die Selbstaufgabe. In seiner produktionstechnischen Krassheit und abstrahierten EDM-Aggressivität baut Una Pelea Limpia (Camera Cazador) Brücken nach Berlin und Daressalam. Weiter nördlich, in Chicago, clasht DJ Nate Afrika und die USA in Mutationen der Import/Export-Rhythmen von Footwork und Juke mit Neunziger-R’n’B, gehacktem Instrumental-Hip-Hop und Achtziger-Funk. Die Produktion und die Konstruktionen der 17 Tracks von Take Off Mode (Planet Mu, VÖ 26. April) sind erwartungsgemäß ausgefeilter als auf Nates noch vor seiner Volljährigkeit produziertem Debüt Da Trak Genious vor knapp zehn Jahren. Mit seiner in-your-face Attitüde, kombiniert mit dem unbedingten Willen zum Loop-Experiment, ist er zum Glück kein bisschen erwachsen geworden. Jedes Sample eine Backpfeife in Dauerrotation, jeder Bassbeat ein treffsicherer Punch in die Eingeweide.


Stream: DJ Nate – You Ain’t Ready To Battle

Electronica mit keinen oder eher kleinen Beats geht natürlich auch in entspannt. So hat das nichtbinäre Samplewesen Angel Marcloid die von ihr in einer fast unzählbare Menge an Solo- (Fire-Toolz, Toad Computers, The Human Excuse) und Kollaborationsprojekten (Peer Group, Dry Bath, Water Bullet) entwickelte Screamo-, Metal- und Power-Noise-infizierte Messie-Collage-Ästhetik vorübergehend beiseite gestellt. Stattdessen hat sie als Nonlocal Forecast die ganz und gar liebenswerte Achtziger-Synthpop-Hommage Bubble Universe! (Hausu Mountain) kredenzt. Mit liebevollem Ernst und einem feinen Ohr für sublime Details durchmisst Marcloid das pastellige Universum der kosmisch-esoterischen New Age-Synthesizerkunst und des Fusion-Jazz der frühen Achtziger. Von Japans Casiopea, Ryo Kawasaki, Miyako Koda und Haruomi Hosono nach Kalifornien zu Steve Halpern, Jonn Serrie und Steve Roach. Ein ungeahnt wundervolles Album von einem der aktuell interessantesten Künstler*innen-Chamäleons. Den sehnsüchtigen und milde wehmütigen Blick auf ein imaginiertes Achtziger-Kalifornien, das so angenehm und entspannt vermutlich nie existiert hat, teilt auf ähnliche Weise der kanadische Produzent Dylan Khotin-Foote alias Khotin. Der Reissue seines selbstverlegten Tapes aus dem vergangenen Jahr, Beautiful You (Ghostly International, VÖ 5. April), auf angemessenem Tonträgerformat ist ein kleines Glück und eine tolle Wiederentdeckung. War Beautiful You doch ein selten entspanntes Kleinod wärmster Neo-New Age Electronica aus Vogelgezwitscher, klappernder Balearic-Percussion, Klangschalen, Glöckchen und augenzwinkernder Wellness-Coaching-Ansprache.


Stream: Nonlocal Forecast – Celestial Nervous System

Daniele Mana aus der italienischen Motorcity Turin fabriziert als Vaghe Stelle solide gebrochene Beats im vorwiegend britischen Dubstep-Universum. Unter seinem Klarnamen verzichtet er – ungewöhnlich für sein Label Hyperdub – weitgehend auf Beats und Bässe. Twelve Steps Behind (Hyperdub) diversifiziert sich in formatfreier, eher introvertiert wirkender Electronica mit stark bearbeiteter Stimme und markanten Samples aus Soundtracks, World Music und Exotika. Ein eigenständiges Debüt, das sich erfreulich wenig um die Konventionen der Broken Beat Szene schert und das grauenglische Wetter komplett ignoriert. Die Electronica des Deep House Produzenten Sage Caswell klingt ebenfalls ziemlich sonnig, obwohl er jüngst von Los Angeles in den ländlichen und winterkalten mittleren Westen der USA umgezogen ist. Sein zweites Album Evil Twin (2MR) glänzt mit Neunziger-Beats und Vibes einmal quer durch den Gemüsegarten: IDM-Gefrickel , Sample-House, donnernder Techno, smoother Drum’n’Bass und Instrumental-Hip Hop finden sich zu einer freigeistigen Post-House Music, die mit einem Fuß fest im Club steht und mit der anderen Hand eine Kräuterzigarette dreht. Einer solchen Kombination ist man in Bristol traditionell wenig abgeneigt. David Edwards alias Minotaur Shock findet auf MINO (Bytes, VÖ 5. April) seinem fünften Album in knapp zwanzig Jahren aktiver Musikproduktion, ebenfalls eine feine Balance zwischen zupackend-bassigen Beats aus dem Bristoler Electro-, Dub- und Trip-Hop-Kontinuum mit verspielter und gespielter, subtil gesampelter Electronica. Ein tolles Debüt für das neue Label Bytes aus dem Umfeld des Online-Magazins Ransom Note.


Stream: Sage Caswell – KC Jumper

Alex Ketzer, Kölner Next-Generation-Techno Player und Chef des (vorwiegend) Tape-Labels Noorden, spielt sich auf seinem zweiten Album OTC (Noorden) ebenfalls sehr lässig durch verschiedenste Beats, die Köln-typisch reduziert und gerade oder halbgerade daherstolpern. Clubtüchtige Electronica für den frühen Abend oder den Abend nach dem Morgen oder Clubtunes, die lieber auf dem heimischen Sofa abhängen? Wie herum auch immer, OTC ist eine maximal entspannte, unaufdringliche und angenehme Begleitung, die nie stört. Eine seltene Qualität, die man in der Form erst mal hinkriegen muss. Daniele Baldelli, in den frühen Achtzigern DJ im genredefinierenden Club Cosmic am Gardasee, beherrscht die Balance zwischen Zu- und Weghören, Relaxen und Tanzen noch immer perfekt. Die EP Surrounding Areas (Tropical Animals), die der spätberufene Musiker Baldelli mit seinem langjährigen Kollaborationspartner Dario Piana produziert hat, zeichnet sich dementsprechend vor allem durch eine tiefenentspannte Lässigkeit aus. Vier percussionfreudige, mal kosmische, mal balearische Nu-Disco/House-Sundowner im unteren BPM Bereich, die nicht modern sein wollen, niemandem etwas beweisen müssen und genau deshalb überzeugen. Die Tel Aviver Disco-Aktivisten Sara und Josef Lamion haben sich mit ihrem Label Unterman wohl Ähnliches vorgenommen. Der dritte Release, die EP Caravan Sessions (Unterman, VÖ voraussichtlich im April) des lokalen Produzenten-Newcomers Coobe löst das Versprechen jedenfalls vollständig ein. Feinste kosmische Nu-Disco mit weirden Vocals, psychedelisch verräucherten Synthesizerschwaden und gelegentlichem Acid-Outbreak.


Stream: Alex Ketzer – OTC

Manchmal braucht es wohl nur einen Anfang. Rainer Buchmüllers Avatare Fred und Luna sind schon wieder schwer aktiv. Zwei Monate nach den Synthesizerwellen Im Tiefenrausch (siehe Motherboard vom Februar) fanden sie sich schon wieder zusammen um eine ausufernde EP mit, äh, Tanzmusik zu machen. Der Titel Im Tanzrausch (Compost) lässt da zumindest keine Fragen offen. Die tatsächliche Tanzbarkeit von Buchmüllers krautmotorischem Seltsam-Techno ist dann Verhandlungssache. Toll verschrobene Synthesizermusik im Spätsiebziger-Frühachtziger Düsseldorf-Style ist es allemal. In der rheinischen Kleinstmetropole singt und poetisiert die Malerin und Bildhauerin Viktoria Wehrmeister seit den frühen Neunzigern in diversen Düsseldorfer Musikprojekten wie etwa Klaus Dingers Postkraut-Combo La! NEU?, bei den Indierockern von Superbilk und aktuell Toresch, dem mit dem Salon des Amateurs assoziierten Experimental-Pop Projekt von Detlef Weinrich. Hielo Boca (Malka Tuti) unter dem Alias Decha ist ihre erste Soloarbeit überhaupt. Vielleicht waren es die Postpunk und Krautwave liebenden Tel Aviver vom tollen Malka Tuti-Label, die für Wehrmeister den Auslöser und Katalysator gaben, mal allein zu arbeiten, ähnlich wie es die Glasgower Trüffelschweine von Optimo für Rainer Buchmüller waren? Hielo Boca, das Wehrmeisters Wurzeln in Mexiko explizit thematisiert, fühlt jedenfalls den avantgardistische Pop alter Düsseldorfer und New Yorker (Laurie Anderson) Schule mit der neuesten Post-Anything Elektronik (etwa von Eartheater) wunderbar zusammen. Der Züricher Minimal-Techno Produzent Sacha Winkler alias Kalabrese ist ein rechtschaffen eigenwilliger Charakterkopf, der gerne mal über den Tellerrand seines Genres hinaus lugt. Das hat er schon vor zwölf Jahren mit seinem Rumpelorchester bewiesen. Den unrunden krautigen Funk des Orchesters greift er auf der funkigen Slow-House EP Let Me Be Your Princess (Zukunft) wieder auf, wobei das Highlight der begeisterungswürdigen Seltsamkeit der Track „Ligestuetz“ darstellt, mit seinen zumindest für alle Nichtschweizer tränentreibend chr-ächzenden, Kehllaut-satten schwyzerdütschen Vocals von Lara Stoll.


Stream: Decha – Melodas