Jahrzehnte vor seinem Überraschungserfolg Disintegration Loops, den legendären gemächlich der Entropie anheim fallenden, sich selbst zerstörenden Tape-Schleifen, war William Basinski einer der ersten, der Kompositionstechniken der musikalischen Avantgarde der fünfziger und sechziger Jahre (vor allem die seines Lehrers John Cage) wie Kontingenz, Zufall, Field Recordings und Found Footage sowie orts- und raumspezifischen Klanginstallationen mit einer ökonomischen und ökologischen Idee der unaufmerksamen Aufmerksamkeit des Hörens verband, die Brian Eno Jahre später Ambient nannte. In dieser spezifischen Verbindung hat er, etwa mit Shortwavemusic von 1982, einiges von dem vordefiniert was aktuell als “Sound Art” firmiert. Und er ist dem Genre treu geblieben. On Time Out Of Time (Temporary Residence, VÖ 8. März) ist eine Auftragskomposition für die Ausstellung „Limits of Knowing“ im Martin-Gropius-Bau, Berlin 2017, die die Errungenschaften der Sound Art an sich (Multimedialität, Raumklang, Umgang mit einer spezifischen Situation und Architektur) sowie Basinskis im speziellen (Schönheit, Eleganz, Wiederholung die nicht langweilt) vereint. On Time Out Of Time bedient sich dabei der auralen Transformation von Gravitationswellen, einer der neusten Errungenschaften der kosmologischen Experimentalphysik. Klänge die erst kosmisch kühl und karg bis leicht unheimlich sich nach und nach in warmen Ambient wandeln.


Stream: Celestial Trax – Underwater

Die Norweger Erik K. Skodvin und Otto A. Totland sind nicht ganz so lange im Geschäft wie Basinki und arbeiten nur sehr sporadisch zusammen. Dennoch haben sie mit Skodvins Label Miasmah und als Duo Deaf Center Mitte der Nullerjahre skandinavischen Ambient und polare Electronica neu belebt und umdefiniert indem sie die Verbindungen zu Industrial und Noise gekappt haben und eine immens schwere und schwermütige Schönheit in ihren dunklen Ambientklänge zugelassen haben. Low Distance (Sonic Pieces, VÖ 22. März) ist erst das dritte Album des Duos und bringt ihren Ansatz erneut perfekt auf den Punkt. Zart elegische Klavierläufe die mal mehr, mal weniger in explizit elektronischen Sounds verschwinden. In einem volldigitalen Sounddesign, das Totlands Pianospiel sämtlichen Glanz nimmt und eindampft zu einer Kammermusik für intim kleine, schummerdunkle überheizte Räume mit niedriger Decke, auf der Kippe zur Klaustrophobie. Diese Musik zieht ihre immense Schönheit aus Subtilität und gewollter Beschränkung, ist also so ziemlich das Gegenteil der auftrumpfenden Grandiosität und Virtuosität der typischen „Nils-Frahm“-Neoklassik. Joni Judén lebt nach London und New York City seit einem Jahr im vergleichsweise beschaulichen Finnland, pendelt zwischen Helsinki und Heinola, zwischen der Metropole und der menschenleeren finnischen Seenplatte. Dieser vermutlich eher kleine aber doch forcierte Kulturschock hat deutliche Spuren auf Judéns zweitem Album als Celestial Trax hinterlassen. Serpent Power (True Aether) umarmt die Stille förmlich. Zudem lassen sich Ambient-Ideen aus Sound Art und Deep Listening hören, Dinge die sich in der Einöde und Wildnis besonders gut lernen lassen. Das Stücke definieren wie der Erstling eine großartige, eigenwillige wie topmoderne Electronica, sind aber von einer wesenhaften inneren Ruhe und Ausgeglichenheit gekennzeichnet die das Debüt noch nicht hatte. Hier hat einer etwas gefunden. Womöglich sich selbst.


Stream: Kin Leonn – Somewhere

Electronica, die mit und aus den klanglichen und kompositorischen Eigenheiten des Pianos arbeitet erlebt gerade ihren x-ten Frühling. Wo gegen Ende vergangenen Jahres Kelly Moran und LTO massiv vorgelegt haben knüpfen jetzt zwei Newcomer mit jeweils erstaunlich ausgereiften Debütalben unmittelbar an. Eher konventionelle Klaviermelodien sind hier eine Basis, die mehr oder minder stark digital verfremdet und verschleift zu flächiger Ambient-Electronica wird, und die engen Grenzen der klavierigen Neo-Klassik sprengt. Der zur Zeit in London lebende Singapurer Kin Leonn rückt auf Commune (Kitchen Label) eine sympathisch kleine, weniger offensichtlich durchoptimierte und auf Effekt kalkulierte Version dieser Electronica ins Bild. Sascha Rosemarie Höfer alias srh ist als bildender Künstler, Zeichner und Illustrator “_A_” bereits etabliert. Sein musikalisches Debüt telomer[e] (Klanggold) wendet die Klavierelektronik zu Sound Art, bleibt dabei aber jederzeit diesseits von Harmonie und Melodik. Beide, Leonn und Höfer haben ein gutes Ohr für Pop, ihre Debüts sind nicht weniger eingängig als die Alben von Moran und LTO. Nur die jeweiligen Plattformen auf denen sie erscheinen, das Tokio-Singapurer Kitchen Label und Klanggold, das Ulmer Sound Art Label von Andreas Usenbenz sind eben etwas kleiner und auf ein spezielleres Publikum zugeschnitten als Warp (Moran) und Denovali (LTO).