Für Valerie Trebeljahr und Lali Puna war es eine langsame aber stetige Entwicklung von der Frontfrau und Stimme zur Hauptsongwriterin der mittlerweile zum Trio geschrumpften Combo. Die feine EP Being Water (Morr Music, VÖ 1. März) reflektiert dies musikalisch wie inhaltlich. Obwohl jederzeit als Lali-Puna-Dream-Pop Songs erkennbar, sind die Stücke doch zupackender und anschlussfähiger als zuvor, textlich komplexer, anspielungsreicher und welthaltiger. So sehr, dass sogar ein Remix des Kompaktschen Tech-House Minimalisten Dave DK keineswegs wie ein Fremdkörper auf der EP wirkt. Jeremy Malvin dürfte sogar eineinhalb Generationen jünger sein als Donna Regina, der Sound des US-Amerikaners der sich als Produzent Chrome Sparks nennt, kommt auf der EP Be On Fire (Counter/Ninja Tune) allerdings nicht weniger verträumt und zeitvergessen daher. Er bastelt sich aus Achtziger-Synthpop und chillwavig dekonstruiertem Bedroom-R’n’B eine schwebende Popmusik die zwar sehr modern klingt, aber gleichzeitig auch immer irgendwie abwesend, nach weit weit draußen fortschwebend.

Weit draußen ist wo Pavel Fedoseev lebt und arbeitet, in der russischen Provinzhauptstadt Perm jenseits des Urals. Unter dem in Deutschland leicht irritierenden Alias Kikok (auf russisch „Arme und Beine“) produziert der Schlagzeuger der Krautrocker Gnoomes im besten Sinne zeit- und ortlose Musik, virtuelle Soundtracks zu nie realisierten, noch nicht mal ausgedachten russischen Fortsetzungen zu ollen Carpenterfilmen aus den Achtzigern und brandaktuellen japanischen Games, die nächstes Jahr nicht herauskommen. Kikoks Debütalbum Sauna (Magnetron Music) nimmt sich Synthpop, Hardvapor und den neopsychedlischen Tape-Loop-Sound des Hausu Mountain-Labels und macht daraus ein krautrockig kosmisches Proto-Techno-Etwas, das familiär und nah klingt und doch schön weit weg. Danil Avramov alias Vtgnike lebt in Moskau und ist in anderer Hinsicht weit draußen (oder drinnen?). Der junge Russe ist Fan des sowjetischen Konstruktivismus in Architektur und Design und ein echter Haschrebell (um das schöne aber antik gewordene Wort der Achtundsechziger zu reaktivieren). Seine liberale Einstellung zur Legalisierung von Cannabis bescherte ihm einige Monate im Gefängnis. Diese Mischung aus Offenheit und Strenge, Unnachgiebigkeit und Lässigkeit lässt sich auf Steals (Other People), seinem zweites Album für Nicolas Jaars Label nachempfinden. In dieser kontraststarken Mischung aus Juke/Footwork-Beats in Ultrazeitlupe, flächiger Electronica, hyperabstraktem R’n’B und Glitch-Hop ist das 1994 von Oval genauso nah wie das 2019 von Nkisi.


Video: Vtgnike – VVK

Von der Überwältigungsästhetik des Indie-Rockkonzerts zur gesteigerten individuellen Hörwahrnehmung in der Stille muss der Weg gar nicht weit sein. Manchmal kommen sie sogar in einer Person oder einer Gruppe zusammen. Eine Shoegaze-Band wie Slowdive verkörpert deftige Lautstärke ebenso wie Subtilität und Detailreichtum in der klanglichen Textur. Simon Scott, Drummer der mit Unterbrechungen seit den späten achtziger Jahren aktiven Band, ist als Solokünstler zum enthusiastischen Parteigänger der Sound-Ökologie geworden, einer Leidenschaft für das tiefen Hören von Räumen, Orten und Situationen, dem auslegen und verfolgen subtiler akustischer Spuren. Below Sea Level, Scotts erstes Album mit bearbeiteten Naturaufnahmen von 2012, war in dieser Hinsicht wegweisend. Ultraleise und intensiv, fast nichts zu hören und doch Dokument eines ganzen Universums. Schon bei dieser Arbeit wurde klar, dass Scott die Sound-Ökologie nicht orthodox interpretiert. Seine Feldaufnahmen aus einer sehr stillen Natur waren digital manipuliert zu leisest möglichem Ambient geworden. Scotts neues Album Soundings (Touch) geht in der modernen Auslegung der klanglichen Ökosysteme noch weiter. Die Tracks fußen zwar alle in Field Recordings, haben aber eher urbanen Charakter, sind von Hotelzimmerkaustik und Musikreproduktion geprägt. Umspielt von Modularsynthesizerklängen und Streichern sind sie zu etwas geworden, dass sich perfekt in den engen Zwischenraum von dynamisch gespieltem Song und statisch arrangiertem Track schmiegt. Mit diesem Album könnte Scott vielleicht sogar den Erfolg seiner Band einholen, ihre Qualität hat er schon lange.


Video: Yann Tiersen – Tempelhof

Der zartherbe Melancholiker und Teilzeit-Einsiedler Yann Tiersen ist ebenfalls einer der lässig elegant zwischen Indie- Chanson-Bandsound und neo-klassisch soundtrackiger Electronica umschalten kann, ohne dass es angestrengt oder aufdringlich wirkt. Nach dem irrwitzigen Erfolg seines Amélie-Soundtracks, der ja eigentlich eher ein „Best Of“ einiger seiner französelnden Instrumentaltracks aus den Achtzigern und Neunzigern war und von dessen Tantiemen er sich ein Studio/Refugium auf einer kleinen Insel im Atlantik vor Brest gebaut hat, hat er von sehr sporadischen Soundtrackarbeiten mal abgesehen, den Ambient-Aspekt allerdings ziemlich vernachlässigt. Auf ALL (Mute/PIAS) kommt das alles wieder zusammen. Feintrübe Piano-Etüden, Kammermusik mit Theremin und große Folk-Pop Songs mit tollen Vocal-Gästen wie Anna von Hausswolff und Ólavur Jákupsson. Christine Ott hat schon öfter auf Tiersen-Platten gespielt. Sie ist Expertin für prä-historische Synthesizer wie das Ondes-Martenot. Ihr vollelektrisches Duo Snowdrops mit Mathieu Gabry gibt sich deutlich experimenteller als ein typischer Tiersen-Track. Etwas von dessen Schmelz und melancholischer Pop-Attitüde hat aber doch auf Snowdrops Debüt Manta Ray (Gizeh, VÖ 15. März) abgefärbt. Das Album ist der Soundtrack zum gleichnamigen Filmdebüt des thailändischen Regisseurs Phuttiphong Aroonpheng, das 2018 auf dem Filmfest von Venedig lief. Ohne diesen Kontext ist Manta Ray ein vielschichtiges Stück Dark Ambient, in der interessante Field Recordings mit dunkel brütendem Grummeln und feinstofflichen Flächen eng verwoben sind und als solches wohl eine der besten Arbeiten im Genre der vergangenen Jahre. Der Zusammenhang mit dem Film, einer zartbitteren Studie über eine unwahrscheinliche Freundschaft und das Schicksal der heute staatenlosen, aus Myanmar zwangsexilierten Rohingya, verleiht den Klängen noch zusätzlich Tiefe und Mitgefühl.