Vorschaubild: Roman Koval (Jon Hassell), Übersetzung: Franziska Finkenstein

Zuerst erschienen in Groove 173 (Juli/August 2018).

Jon Hassells früheste Alben, die ohne Verwendung von Samples produziert wurden, wie Vernal Equinox (1978), Fourth World Vol. 1 – Possible Musics (1980) und Dream Theory In Malaya (1981), stellten alles andere als moderne Fortführungen des exotischen Kanons dar, auch zählten sie nicht zu Jazz-, Ambient-, Minimal- und Elektronik-Musik oder musikethnologischer Erforschung. Seine Musik bildete vielmehr ein einzigartiges Konglomerat, das sich aus all diesen Elementen hin zu einer Musik entfaltete, die „nicht gänzlich im Primitiven, nicht gänzlich im Futuristischen, weil irgendwo im Unbeschreiblichen zu finden ist, das weder chronologisch noch geografisch ermittelt werden kann“.

Jedes Album ermöglichte ein Eintauchen in eine detaillierte, mysteriöse und sinnliche Welt – etwas Vergleichbares kannte man damals (und auch heute) nicht. Ein Zuhörer, der sich eine Kopie von Vernal Equinox sicherte und besonders beeindruckt davon war, war Ex-Roxy-Mitglied und Ambient-Wegbereiter Brian Eno. Nachdem er sich mit Hassell anfreundete, unterstützte Eno ihn als Ko-Produzent bei drei Alben und wiederverwertete einige der Ideen, die er während der Arbeit zu My Life In The Bush Of Ghosts – eine Zusammenarbeit zwischen Eno und Talking-Heads-Mitglied David Byrne – aufgeschnappt hatte. Hassell war ursprünglich ebenfalls Teil dessen, bevor er das Projekt aufgrund von künstlerischen Differenzen verließ.

Im Verlauf der 80er-, 90er- und 00er-Jahre fuhr Hassell damit fort, seinen Sound in immer tiefere abstrakte Gebiete zu erweitern. Exemplarisch dafür stehen Power Spot, The Surgeon Of The Night Sky Restores Dead Things By The Power Of Sound, Maarifa Street und Last Night The Moon Came Dropping Its Clothes In The Street. Die kürzlich wiederveröffentlichte Platte City: Works Of Fiction von 1990 dokumentiert einen Schritt in eine entschieden tanzbarere Richtung und enthielt den authentischen Housetrack „Voiceprint“ – damals veröffentlicht als 12-Inch mit Remixen von 808 State. In dieser Zeit weitete sich Hassells Einfluss weiter aus. Neben anderen trat er auf Veröffentlichungen von Peter Gabriel, David Sylvian, Hector Zazou, Daid Toop und Ry Cooder auf.

In jüngster Zeit tauchten Hassells Name und der Begriff „Fourth World“ in steigender Dichte in so manchen fortschrittlich eingestellten Ecken elektronischer Musik auf. Das Attribut „Fourth World“ wurde Don’t DJ angehängt, dessen kaleidoskopische Tracks die Grenzen zwischen Synths, Drum Machines und Gamelan-Musik verwischen. Die aus Montreal kommende Produzentin RAMZi nennt Hassell als musikalische Inspirationsquelle, welche sich in einer ähnlich eigenen Raum-Zeit-Zone zu befinden scheint. Experimentierfreudige DJs wie die Glasgower Optimo-Crew und Salon des Amateurs-Resident Jan Schulte haben Kompilations mit Fourth-World-inspirierten Tracks aus vier Dekaden zusammengestellt. Und in den vergangenen paar Jahren haben Labels wie Music From Memory, Soave, Séance Center und RVNG Intl. Musik von Michal Turtle, Roberto Musci, Michel Banabila, Richard Horowitz veröffentlicht – alles von Hassell beeinflusste Platten, deren Sound womöglich heute weitaus kontemporärer klingt als zur Zeit ihrer Erstveröffentlichungen.

2018 mag nun als vielversprechender Moment für Jon Hassell gelten, um sein neues Album zu veröffentlichen. Listening To Pictures (Pentimento Volume One) ist seine erste Sammlung mit neuer Musik seit neun Jahren und stellt eine aktualisierte Umgestaltung der Signaturen dar, die Hassells klanglichen magischen Realismus entwerfen: die satten Akkorde und feinkörnigen Texturen, die sonderbar komplexen Rhythmusgefüge, die so vor sich hintreiben, während sie sich um ihre eigene Achse drehen, und natürlich die bearbeiteten Trompeten, die sich irgendwo zwischen vertraulichem Geflüster und einem Muschelhörnerchor bewegen.

Wir sprachen mit dem aktuell in Los Angeles lebenden Jon Hassell über musikalische Wurzeln, vertikales Hören, den Rhythmus fallender Blätter und über andere Vorstellungen, die seinem Œuvre, seinen Erforschungen und Untersuchungen mit und unter den wichtigsten Persönlichkeiten der Musikwelt des 20. Jahrhunderts zugrunde lagen.

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