Hast du konstant an dem Album seit der Veröffentlichung des vorherigen gearbeitet, oder gab es eine Pause zwischen beiden?
Eigentlich ähnelte es einem Slow-Motion-Film über eine wachsende Pflanze. Kleine Teile hiervon und kleine Bruchstücke davon finden eine Übereinstimmung und treffen dann im Studio aufeinander und wachsen Schritt für Schritt zusammen. Es ähnelt dem Vorgang des Pentimento, der Lagen über Lagen zeigt. Und jeder dieser Lagen mag von der anderen weit entfernt sein. Wie bei den Duetten von Natalie Cole und ihrem Vater (Nat King Cole) – da ist der Zeitabstand 20, 30, 40 Jahre. Ich habe solch eine Sammlung von Lagen, weshalb alles, was ich mache, eine Verbindung aus Altem und Neuem ist. Das ist eine Möglichkeit, wie das Pentimento-Konzept auf dieses Album übertragen werden kann.

Ich würde gerne etwas über deine Geschichte und Evolution als Sampling-Künstler erfahren. Wie sahen deine ersten Begegnungen mit schon existenten Sounds als Teil deiner kompositionellen Arbeit aus?
Lass mich nachdenken…


Stream: Karlheinz Stockhausen – Gesang der Jünglinge

Hatte es womöglich irgendwas mit Stockhausen zu tun?
Allgemein gesprochen, ja. Ich meine, ich habe zwei Jahre mit Karlheinz Stockhausen in Köln verbracht. Zu der Zeit stand „Sampling“ noch nicht im Wörterbuch. Ich denke, es ist eben eine Art Liebe und Anziehung zum Collagieren. Das bedeutet aber nicht, dass man am Ende bei einer Collage angelangt. Beim Suchen nach den ansprechenden Dingen, musst du immer den Gedanken im Kopf haben: Was ist es, das ich wirklich mag? Ich denke, das ist die Frage, die sich jede/r MusikerIn und KünstlerIn und eigentlich alle fragen sollten; was sie wirklich gut finden. Die Betonung dabei liegt auf „wirklich“ mögen, was bedeutet, Gewohnheiten auszublenden – das, was man erzählt bekommen und gelernt hat oder weil es populär war oder deine Freundin es mochte. Aber zurück zum Sampling. Bevor ich überhaupt nach Europa gegangen bin und was in der Richtung gemacht habe, habe ich Tapes zusammengeklebt. Es gab da dieses Avantgarde-Magazin mit dem Namen Die Reihe, das von Stockhausen und Eimert publiziert wurde. Ich erinnere mich außerdem daran, über den Gesang der Jünglinge gelesen zu haben. Dadurch fand ich meine Faszination zur Tonbandmanipulation. Und in Frankreich hat man es mit der Musique concrète gemacht, wohingegen Stockhausen puristischer war. Quasi elektronische Reinheit und all das. Dort wurzelt eigentlich meine Sampling-Idee. In dieser Bewegung, in dieser besonderen Zeit. Als ich bei den „Kölner Kursen für Neue Musik“ war, waren dort auch die Can-Mitglieder, der Bassist Holger Czukay und der Keyboarder Irmin Schmidt. Wir hingen viel zusammen rum, und mein erster Acid-Trip war mit Irmin, der das Zeug aus Amsterdam mitgebracht hat. Als wir in seinem Apartment waren, ich erinnere mich: Wir waren high, wir hörten Gagaku-Musik. Weißt du, diese japanische klassische Musik. Als wir da lagen, fühlte es sich so an, als wären wir und der Teppich eins. (lacht) Ich meine, es war ein Dschungel. Aber ja, es ist gut, dass du da nachhakst. Denn es war schon prototypisches Sampeln, oder nicht? Dieses Zerhacken auf Tapes. Eine Sache, die ich damals gemacht habe, war es, die Stimmen der The Hi-Lo’s zu zerstückeln – eine hippe, moderne Vocal-Gruppe mit interessanten Klängen, spannenden Veränderungen und so. Also habe ich die zerkleinert in kleine Stücke, und ich denke, diese erste Technik könnte man als „Collage“ bezeichnen.