Zuerst erschienen in Groove 156 (September/Oktober 2015). Fotos: Camille Blake (Outline)

Im Sommer 2015 fand in Moskau zum zweiten Mal das Outline statt – einer der interessantesten Elektronik-Festivals mit einem Spektrum von Andy Stott bis Atom TM, von Ben UFO bis Nina Kraviz. Und einem Publikum, das nicht weniger kenntnissreich ist als etwa in Berlin oder Barcelona, für die die Musik aber vielleicht einen noch größeren Stellenwert besitzt. Wir sprachen mit DJs, Veranstaltern und Labelbetreibern wie es um die elektronische Musikszene in Russland steht.

Eine Industriehalle außerhalb der Innenstadt um 3 Uhr in der Nacht. Auf einer Leinwand flimmern Szenen aus Horror-Filmen der 70er Jahre, dazu dröhnen Jungle-Breakbeats des englischen Duos Demdike Stare. Junge Frauen in weißen, asymmetrisch geschnittenen Kleidern tanzen mit geschlossenen Augen. An der Bar wird Club Mate mit Jägermeister ausgeschenkt. Einen Raum weiter fließt Wasser aus Duschköpfen in violett angestrahlte Badewannen. Vor der Tür stehen Bagger mit Abrissbirnen, stillgelegte Eisenbahngleise führen entlang von improvisierten Skateboard-Rampen zur nächsten Bühne, wo der Hamburger Musiker Felix Kubin gerade sein Konzert unter offenem Himmel beginnt. Ort des Geschehens ist das Outline Festival das am ersten Juliwochenende in Moskau auf dem ehemaligen Karacharovsky Fabrikgelände stattfand. Internationale DJs wie Ben UFO und Ricardo Villaobos und Musiker wie Soul-Sängerin Fatima oder Atom TM treten hier neben russischen Künstlern wie Nina Kraviz, Philipp Gorbachev, Nikita Zabelin oder Alex Danilov auf sechs Bühnen auf.

Die Essensstände bieten ausschließlisch vegetarische Gerichte, auf dem ganzen Gelände verteilt finden sich Installationen und Wandgemälde von Künstlern, die nur für die Dauer der 30 Stunden währenden Party geschaffen wurden. Mit dem Outline findet zum ersten Mal eine Veranstaltung in dieser Industrielandschaft statt – und zum letzten Mal. Die Abbrucharbeiten der Betonhallen sind bereits im Gange. Die Atmosphäre erinnert an den improvisierten Aufbruchgeist der Technoszene zu Beginn der 90er Jahre (bis zwei Wochen vor dem Festival stand der Ort noch nicht fest) verbunden mit Veranstaltungstechnik auf der Höhe der Zeit und viel Liebe zum Detail. Kurz: das Outline gehört zu den symphatischsten und gelungensten Elektronik-Festivals – egal wo auf der Welt. Und es hat ein Publikum, das so neugierig und kenntnisreich ist, wie man es sich nur wünschen kann.

Organisiert wird das Outline vor einer Gruppe von Enthusiasten zu denen auch Jennie Zobel gehört. Sie kümmert sich um das Line-Up und stellt auch die Künstler für die Rauminstallationen zusammen. Zobel stammt aus Minsk, wo sie vor über zehn Jahren die ersten After Hours in der Geschichte der Stadt veranstaltete. Mittlerweile lebt sie die meiste Zeit in Berlin. Einen Namen hat sich Jennie Zobel als Bookerin des Arma17 gemacht – einer Moskauer Clubinstitution die von 2008 bis zur Schließung im letzten Jahr für die Szene der Stadt eine ähnliche große Bedeutung hatte wie etwa das Trouw für Amsterdam. Beeinflusst von Berliner Clubs wie dem Berghain oder Festivals wie dem CTM Festival vereinte das Arma17 eine Reihe von Dingen, die es von anderen Clubs der Stadt absetzte: Partys die bis spät in den Sonntag gehen, freundliches Barpersonal, sehr guter Sound und ein offenes Publikum.

Unter den internationalen DJs und Produzenten die dort spielten – von Seth Troxler bis Alva Noto – erwarb sich der Club bald einen herausragenden Ruf. Marcel Dettmann etwa erinnerte das Arma17 an das legendäre Berliner E-Werk in den 90er Jahren. „Mit dem Arma17 konnten wir unsere Vorstellungen davon umsetzen wie wir uns einen guten Club vorstellen“, sagt Jennie Zobel. „Dazu gehörten nicht nur Partys, sondern auch Konzerte mit experimenteller Musik oder Installationen von internatiolen Künstlern.“ Schließen musste das Arma17 weil die alten Räume nicht länger zur Verfügung standen. Aber seit dem Ende veranstalten die Macher, zu denen neben Zobel auch Natasha Abelle und Alexei Shelobkov gehören, Partys an verschiedenen Orten in Moskau. Im April nächsten Jahres wollen sie einen neuen Club öffnen.

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