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Die Platten der Woche mit Andy Stott, Olof Dreijer, SUCHI, Tin Man und der Reissue auf Moustache

Andy Stott – Out (Version) / Love (Version) (Modern Love)

Modern Love startet eine neue Vinyl-Single-Reihe, die bei Boomkat auch digital zu haben ist. Warm-up-Act ist Label-Mitbetreiber Andy Stott, nach elf Jahren mal wieder auf 7-Inch zu hören. Seit 2005 veröffentlicht der Produzent aus Manchester überraschende Musik, die Stile wie House, Techno, Jungle, Grime, Drum’n’Bass und Dub Techno erfinderisch gegen den Strich bürstet.

Die A-Side „Out” ist ein angedeuteter Dancehall-Banger, ohne dass – wie gern bei Stott – die Dancehall voll ausgerollt wird. Subtile Referenzen, eingelegt in skelettierte Drums, softe Chords und eine fulminante Leere zwischen allen Elementen, die alles schön vollmacht. „Love”, die B-Seite, die ebenfalls eine A ist, tanzt um ein für Stott typisches Vocalsample. House not House. Drums, die schlagen, ohne zu wüten. Alles angetrieben von einem geraden Beat, der trotzdem krumm ist. Snares aus dem Himmel, Breaks voll melodischer Zuversicht. Einfach Andy Stott, überraschend, betörend. Merciless und total Modern Love. We will stay together! Michael Leuffen

Olof Dreijer – Coral (AD 93)

Echt ausgefuchst ist die Musik des Schweden Olof Dreijer, der mit Coral eine Drei-Track-EP auf AD93 vorgelegt hat, die in jeder Plattenkiste in das Fach für besondere Fälle gehört. Elektronische, experimentelle Musik mit organischen Elementen, so lautet das Fazit nach einem ersten Durchlauf. Wer hätte gedacht, dass die gute alte Steeldrum im elektronischen Kontext so viel Spaß machen und auch noch beruhigend sein kann.

Der Opener und Titeltrack beginnt langsam, Steeldrum und Synth kommunizieren harmonisch im Wechselspiel, bis eine strange Bassline das Kommando übernimmt und den Fuss energisch wippen lässt. Die Steeldrum bleibt und geleitet durch den über acht Minuten langen Track – Tanzen ist möglich, die Stimmung bleibt entspannt. Ebenso tricky ist „Flora”, ein Track, der als sphärisches Ambient-Stück mit exotischen Soundflächen startet, um sich über Synth-Flächen weiterzuentwickeln, die zwischen Vocals und Flöten changieren. Vielleicht spielen einem die Ohren bei Olof Dreijers Musik manchmal einen Streich, aber bei magischer Musik, so lassen sich die Stücke gut beschreiben, kann das schon mal passieren. Und so hört das dritte Zauberstück im Bunde auf den Namen „Hazel”, ebenfalls mit einer Steeldrum versehen, rhythmisch, repetitiv sowie auf- und abschwellend.

Ob beim Produzieren bewusstseinserweiternde Substanzen konsumiert wurden, ist nicht bekannt. Magisch ist die Musik auf jeden Fall und lässt sich bestens unterm Fliegenpilz lauschen. Liron Klangwart

SUCHI – Ghungroo (!K7)

Der Sound der Londoner Produzentin Suchi schwebt fluffig über den Gewässern und entfaltet von woher auch immer seinen Punch. Das Titelstück schwingt die Flügel, deren Relation zum Körper eine ziemlich große ist, ein bisschen eulenmäßig geht sich das aus. Im Fliegen nehmen diese Schwingen das Schönste aus der Luft mit, kleine Flechtenteilchen und Moose auch, Glühwürmchen, diese Riege. Technisch bedeutet das ziemlich tiefe Subs, durchsichtige Basslines, und in den Höhen ein transluzentes Fiepen und Quietschen. „Blâmerke” tänzelt los als Percussion-Matrix und gießt dann in dezenten Dosen säurehaltige Bässe ins Gewerk, die sich im Laufe der Zeit hochschrauben durch die Mitte in den Himmel, wo ein Boney-M.-Streicher-Olymp wartet, das „Daddy Cool” entlehnt sein könnte. Im Remix macht Sam Goku ein abenteuerlustiges, weit angelegtes Ding für die Open-Air-Raves zur bereits frühen Stunde daraus. Spärlich, die Landschaft von „Bottlepop” zum Schluss, simple Drums und Handclaps. Doch die Flaschenpfeifen-Sounds beleben das Geläuf und jacken schließlich so belebend, da müssen schnell die weißen Baumwollhandschuhe her, um im Schwarzlicht ein Tänzchen zu wuppen. Christoph Braun

Tin Man – Acid Test 01.1 (Acid Test) [Reissue] 

Das sage ich selten. Aber ja, ich bin seit der Veröffentlichung Acid Acid im Jahr 2005 auf Global A ein Fan von Tin Man. Love Sex Acid auf Keys of Life: Der absolute Killer. Und nach seinem Album Places habe ich Mitte der Nullerjahre sicherlich zwei Jahre gesucht.

Nun wird seine erste Scheibe auf Acid Test wiederveröffentlicht. Die TR-303 kann ja ziemlich schnell nerven. Jedoch mischt und effektiert Johannes Auvinen seine Spuren so großartig, dass letztlich eine einzige TR-303 und TR-707 für die Tanzfläche manchmal einfach genug sind. Dabei kommen seine Acid-Keys mit unglaublich deeper und satter, organischer Entspanntheit aus den Lautsprechern.  Die Wiederveröffentlichung bietet auf der A-Seite das Original „Nonneo” zusammen mit einem neuen Rework von „Mystified Acid”. Die B-Seite rundet sein Klassiker „Love And Sex Acid” vom Album Acid Acid ab. Mirko Hecktor

VA – You Can Trust A Man With A Moustache Vol. 5 (Moustache) [Reissue]

Ja, ja, Bodybuildern mit Oberlippenbärtchen vertrauen wir – vor allem wenn sie auf Covern von Moustache Records glänzen. Seit über 25 Jahren ist der Rotterdamer DJ, Produzent und Labelboss David Vunk ein Garant für explosive Sets aus Techno, House, Elektronik, EBM und Wave und wird nicht ohne Grund als „The Beast of Rotterdam” bezeichnet. Bestes Beispiel für Vunks musikalische Vorlieben sind die nun wiederveröffentlichten Tracks auf You Can Trust A Man With A Moustache Vol. 5. Viele der 12-Inches sind schnell vergriffen, und so ist dieser Sampler eine echte Chance.

Los geht es mit dem Tending Tropic Collective und „Hondebrok” (niederländisch für Hundefutter). So wie das Labeldesign immer mit einem Augenzwinkern zu verstehen ist, so ist „Hondebrok” eben alles andere als Hundefutter. Eine epische Electro-Hymne mit hohem Wiedererkennungspotenzial – ein treibender Midtempo-Beat mit Wave- und Synth-Einflüssen schraubt sich und die Tanzenden in immer höhere Sphären. Nahtlos schließt sich „Tonight Is The Night” des ukrainischen Produzenten Cafius an. So wie „Hondebrok” die Nacht eröffnet hat, übernimmt der housige Track und löst langsam die Handbremse. Gleißender Synth mit Italo-Einschlag und hochgepitchen Vocals setzt die Spur in Richtung Sonne. Für die notwendige Erdung sorgen Im Kellar mit „Not To Be Compromised”, das von Anfang an dark um die Ecke kommt. David Vunk und sein alter Freund David Spanish von Im Kellar lieben treibenden Wave und Elektronika mit mystischen Melodien. Den Abschluss beziehungsweise den ultimativen Prime-Time-Track liefert Adrian Marth mit „Icon Of The Night” – Let’s dance! Liron Klangwart

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