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Die Platten der Woche (KW35)

Anthony Naples – Swerve (Running Back)  

Mit Swerve präsentiert der New Yorker Anthony Naples, nach zahlreichen Veröffentlichungen seit 2012 auf Labels wie Text, Mister Saturday Night, Rubadub oder dem eigenen, Proibito, seinen ersten Release auf Gerd Jansons Running Back. Und während der Großteil seiner letzten Releases eher Ambient und experimenteller Electronica verpflichtet waren, wird auf diesen vier Tracks wieder viermal kräftig auf den Tanzboden geschlagen. Will heißen: Tanzbarkeit ist König, House wird abgeliefert – und zwar nicht der der schlurfig- verträumten tiefen Art. Der Beat zwingt auf den Dancefloor, und nicht ohne Absicht – denkt man sich zumindest – eiert Naples eins ums andere Mal nah an der Techhouse-Grenze entlang. Aber warum auch nicht? Und selbst wenn es dann doch mal etwas „deeper” wird, wie bei den in Atmosphären der mysteriöseren Art badenden B-Seiten-Tracks, bleibt der Groove doch stets der dominante Part, der alles zusammenschweißt und vorantreibt. Tim Lorenz 

KH – Looking At Your Pager (Ministry Of Sound)

Ein ganzes Jahr lang dauerte es, die Rechte des Sample in diesem Track zu klären. Im Sommer 2021 wollte Kieran Hebden (hier als KH) alias Four Tet nämlich für sein erstes Festival-Set produzieren seit langem ein Stück, dass sich „universell, positiv und futuristisch” anfühlte, „and this is what I came up with.”

„Looking At Your Pager” loopt die Vocals des 2000er-R’n’B-Tracks „No More (Baby I’ma Do Right)” der Gruppe 3LW. Hebdan behält den Glitzer-Charakter bei und pitcht die Stimmen auf Chipmunk-Niveau. Dank knackigem Garagebeat und fettem Wobble-Bass ein unnkomplizierter Festival-Kracher, der Hebden mal wieder als unberechenbaren Publikums-Liebling herauskristallisiert.

Interessantes Detail am Rande: Nach jahrelangen Rechtsstreit mit seinem Verleger Domino erscheint diese Single (als 12” mit dem bereits 2019 releasten, ebenfalls Vocal-getragenen Techhouse-Slammer „Only Human”) nun via Universal Music bei Ministry of Sound. Leopold Hutter 

Kyle Hall – Good Hado (Forget The Clock)

Vier neue Tracks von Kyle Hall, veröffentlicht auf dem eigenen Forget The Clock-Label. Viermal also Detroiter Deephouse feinster Qualität – und der Label-Name ist natürlich Programm, schafft hier doch gerade die „Loosenes” (im Gegensatz zu streng quantisiertem Bumm-Tschack) den Groove. Das reicht von angenehm krackelnden, Akkord-getriebenem Jams zu verrauchtem, leicht verjazztem Afterhours-House, bei welchem Kyle Halls immer wieder „In Ya Mind” sprechende Stimme immer tiefer in den eigenen führt. Dann wieder brechen die Beats, bilden das Gebälk einer im beruhigend schwappenden Ambient-House-Ozean driftenden Barke. Oder die Geschwindigkeit wird angezogen während ein Flanger-flankierter, fast schon Techno-House zu nennender Beat durch simple Repetitions-Hypnose sich in dein Ohr und dich auf dem Dancefloor festschraubt. „Weed Or Majik” hat Hall einen der Tracks der EP genannt. Ich würde sagen: beides. Tim Lorenz 

Rove Ranger – Millennial Millenium (Lobster Theremin)

Bereits im Pandemiejahr 2020 releaste Jan Range, alias Rove Ranger, seine EP 101010 auf dem Londoner Imprint Lobster Theremin, sowie Rave Memories auf dessen Sublabel 1Ø Pills Mate. Zwei Jahre später knüpft die neue EP Millennial Millenium des Vision-Ekstase-Mitbegründers unmittelbar an den Sound seines Lobster-Debüts an. Auf insgesamt vier Tracks pumpen die momentan allgegenwärtigen Trance-Basslines durch den tiefen Frequenzbereich und konstante 140 Bpm verdeutlichen, dass es, wie fast immer bei Lobster Theremin, um die Tanzfläche geht. Dabei klingt auf der A-Seite ein wenig unterschwellige Melancholie durch, während der Sound auf der B-Seite zusehends abstumpft und sich den einfacheren Emotionen des Raves widmet.

So huldigt der Opener dem Yamaha CS-80 mit reduziertem Synthesizer-Einsatz und der anschließende Titeltrack schwelgt in gleißenden Flächen, die zwar ordentlich auf die Tränendrüse drücken, dabei aber keineswegs zu sehr in den Kitsch abdriften. Auf der B-Seite folgen dann spanische Vocal Samples über trockene Kickdrums und zum Abschluss galoppiert die obligatorische 303 noch einmal über die Tanze. Insgesamt klingt der Sound dicht und schnell, wie man es von Tanzmusik dieser Tage gewohnt ist, auch wenn hier und da etwas mehr Einfallsreichtum das Ganze deutlich aufgelockert hätte. Till Kanis

Shackleton – The Majestic Yes (Honest Jon’s)

Das britische Label Honest Jon’s taucht in die rhythmische Welt des Senegals ein. Und das nicht allein traditionell: nach dem kürzlich erschienenen Sampler The Doudou Ndiaye Rose Family: Twenty-One Sabar Rhythms, der ausschließlich unbearbeitete senegalesische Sabar-Polyrhythmen vorstellt, vereint der Produzent Sam Shackleton auf seiner neuen Honest Jon’s EP The Majestic Yes Sabar-Trommeln mit seiner originellen Dub-Trance-Sprache. Ausgehend von den Sabar-Drum-Grooves des senegalesischen Trommlers Beaugars Seck, dessen Spiel Shackleton im Februar 2020 in Dakar aufnahm, hat der Brite mit Wohnsitz Berlin drei Tracks komponiert, die detailverliebt episch mäandern. Geleeartige Bässe, endlose Hallschleifen schwermütiger Melodien, Fader-Wahnsinn, funky Alien-Keyboard-Pads, ein trauriges Harmonium, übereinandergeschichtete Rhythmen, fernöstliche Streicher und die für Shackleton typischen Vocal-Cut-Ups erzeugen dabei einen psychedelischen Sog, der zur vollen Entfaltung unbedingt laut konsumiert werden sollte. Futuristische Dubzonen, die Mark Ernestus in seiner Version des Tracks „Overwhelming” nur noch am Rande ausspielt. Stattdessen steht beim Hard-Wax-Chef eine kristallklarer, minimaler Drumsound im Vordergrund und tanzt hypnotisch um die fesselnden Momente der Originalmelodie. Über dreißig Minuten verblüffende Sabar-Drum-Dubmusik, für ungenierte Tänzer, gedankenverlorene Phantasten und Freunde von ausgeprägt kleinteilig produzierten Elektronikklangwelten. Michael Leuffen

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