GROOVE Reviews: Die Alben im September (Teil 3)

Das Motherboard findet ihr hier, die Mixe des Monats hier, Teil 1 der Compilations hier, Teil 2 der Compilations hier, Teil 1 der Alben hier, Teil 2 der Alben hier.

Luca Durán – Killing Mariposas (TraTraTrax)

Ein interessantes Debütalbum, das Luca Durán hier zusammengemischt hat. Ist man von TraTraTrax sonst eher cumbia- und reggaeton-infizierte Bass-Music-Bomben gewohnt, so geht Durán es auf diesen neun Stücken um einiges ruhiger und kontemplativer an. Akustische Instrumente und Field Recordings treffen auf analoge Elektronik und bilden so ein vielfältiges Klanggeflecht, das mehr auf den Hörer daheim als den Raver auf dem Dancefloor ausgerichtet ist.

So entsteht eine farbenfrohe, fast schon zauberhafte organische Atmosphäre. Man sieht geradezu den titelgebenden Mariposa-Schmetterling mit weit ausgebreiteten, in mannigfaltigen Farben schillernden Flügeln über ein weites Feld kybernetisch-futuristischer Weiden und Grasflecken fremder Planeten gleiten. Die zahlreich verwendeten menschlichen Stimmen, seien es dunkler, männlicher Sprachgesang oder süß klingende, vielfach effektprozessierte weibliche Vocals, tun ihr Übriges dazu bei. Es entsteht ein vielfarbiges, faszinierendes Kaleidoskop an Sound, das in seinem Netz aus vielfältigen Ideen und Einflüssen einfängt. Tim Lorenz

Mikkel Rev – Evocation (A Strangely Isolated Place)

Eskapismus pur.Schon das Cover von Evocation macht klar, wohin die Reise geht: eben mal schnell raus aus der Umlaufbahn. Und tatsächlich fühlt sich diese Musik so an, als würde man langsam den Kontakt zum Boden verlieren. In der Schwerelosigkeit gelten eben andere Gesetze. Mikkel Rev kommt aus den Tiefen des Osloer Undergrounds und ist vor allem als Teil des Kollektivs Ute aktiv. Das ist jene norwegische Gemeinschaft aus Produzent:innen und DJs, die Trance mit einer gewissen Naturverbundenheit und viel Lust am Experiment betreibt. Zwischen Clubnächten und Partys in den Wäldern Norwegens hat Rev mittlerweile seinen eigenen musikalischen Kosmos entwickelt.

Nach The Art of Levitation und Journey Beyond ist Evocation bereits sein drittes Album für das Label. Acht Stücke, die sich Zeit lassen und Zeit einfordern. „Step Inside” ist kein Ambient, der Rhythmus schiebt sich warm und treibend nach vorne. Der Titelsong nimmt den Beat komplett heraus und lässt stattdessen sphärische Melodien durch den Raum schweben. Mit „Lauryl” ist man endgültig bei totaler Entspannung angekommen. Doch Moment: Mit „MRI (Entering The Magnetic Heliosphere)” zeigt Rev, dass er den Dancefloor keineswegs vergessen hat: tribalistische Patterns prasseln hier ins Ohr. Überhaupt ist das Schöne an Evocation, dass Rev seine Tracks nicht auf einen vermeintlichen Effekt hin produziert. Sie entwickeln sich. Mein Favorit ist „The Infinite”, denn hier geht die Reise im Weltraum noch ein Stückchen weiter. Eine catchy Melodie und feine House-Beats bewirken ein Hochgefühl. Und dann „Sanatorium”. Der perfekte Downer. Ambient par excellence.

Evocation ist keine Platte für den schnellen Kick. Stattdessen Fenster zu und Kopfhörer auf. Man muss ja nicht gleich zum Mars fliegen. Knapp 75 Minuten reichen Mikkel Rev, um in andere Sphären zu beamen. Liron Klangwart

Modern Apartments – Light on Water (Dark Entries)

Synthesizer sind ja eigentlich eine Religion. Diese bindet all jene an sich, die an die Kraft der Elektrizität glauben. Wer daran zweifelt, braucht bloß zu hören. Bevor es jetzt zu esoterisch wird, kann man aber auch einfach sagen, dass der Klang analoger Synthesizer, in starre Sequenzer-Patterns gefasst, etwas mit einem macht, sich als wortloses Mantra in einem entfaltet und eine ganz eigene Form der Kommunikation mit dem ganzen Körper in Gang setzt. Ryan Ambridge alias Linea Aspera alias Lust Pattern alias Modern Apartments schlägt in diesem Sinn mit seinem Album Light on Water eine Brücke vom pastoralen kosmischen Spiel freier Arpeggien, wie es in den Siebzigern kultiviert wurde, hin zu den rigide eckigen Formen des Post-Punk, wie John Foxx oder Fad Gadget sie pflegten. Hell Strömendes findet sich Seite an Seite mit eingetrübt Mechanischem, das metrisch insistierend daran erinnert, dass die ganze Pracht ohne die sie strukturierende Zeit nicht zu haben wäre. Dem Zauber dieses formbewussten Spiels der Frequenzen nimmt das nichts, verleiht ihm eher noch etwas Beschwörendes. Aber es sollte ja nicht zu esoterisch werden. Tim Caspar Boehme

Oscar Mulero – Between Two Worlds (Semantica)

Zwischen zwei Welten bewegt sich Oscar Mulero nicht erst seit diesem Album. Seit mehr als drei Jahrzehnten gehört der Spanier zu den Produzenten, die Techno als etwas sehen, das sich kombinieren, zerlegen und immer wieder neu zusammensetzen lässt. Between Two Worlds führt diese Haltung auf elf Tracks fort. Schon die Titel „Footprints”, „Broken Horizons”, „Invisible Chains” oder „Uncertain Whispers” zeichnen eine düstere Atmosphäre. Die Spannung entsteht aus trockenen Percussions, tief liegenden Bässen, metallischen Texturen und speziellen Sounds, die nach Schleifen, Schrubben oder Reiben klingen. Die einzelnen Elemente funktionieren weniger als Melodie, sondern mehr als Bestandteile eines abstrakten Klangraums. Den Rhythmus behandelt Mulero nicht bloß als Antrieb, sondern als architektonisches Gerüst. Die Tracks entwickeln sich schrittweise, verändern ihre Gewichtung oft nur um Nuancen und lassen dadurch viel Raum zwischen den einzelnen Schichten. Das strahlt eine hypnotische Wirkung aus, ohne eintönig zu klingen.

Besonders interessant ist die Spannung zwischen Härte und Atmosphäre. „Broken Horizons” und „Invisible Chains” tragen diese vergleichsweise offen nach außen, während Stücke wie „In the Ruins of a Dream” oder „Under a Forbidden Sky” stärker mit Raum, Nachhall und einer fast cineastischen Dunkelheit arbeiten, etwa wie in einem Gaspar-Noé-Film. Das Album wechselt damit kontinuierlich zwischen verschiedenen Tempi, bleibt aber stets bei seiner dissonanten Stimmung.

In Between Two Worlds wirken selbst die ruhigeren Momente nie wie Interludes, sondern behalten eine innere Spannung. Die treibenderen Stücke enthalten keinen Höhepunkt, sondern sind über ihre Dauer hinweg einer. Mulero vertraut in den einzelnen Stücken auf Geduld: Sounds tauchen auf, verändern ihre Position und verschwinden wieder, ohne dass ihre Funktion unmittelbar erklärt werden müsste.

Das Album knüpft an Muleros bisherige Arbeit mit Semantica Records an. Schon frühere Veröffentlichungen wie The Beauty of Leaving a Legacy verband präzise, hypnotische Techno-Strukturen mit einer ausgeprägten atmosphärischen Seite. Dieses Album bittet nicht um Aufmerksamkeit. Es wartet, bis man sich auf seine Frequenzen eingelassen hat. Madu Abeysekera

Polygonia, Simon Popp – Apiformes (Squama)

München am Apparat, München luftig und smart: Unter dem Künstlerinnennamen Polygonia betreibt Lindsey Wang an der Isar die Labels und Kollektive IO und QEONE. Simon Popp spielt dort in verschiedenen Jazz-, JazzNotJazz- und Theaterensembles etliche Varianten der Perkussion. Mit dem Titel ihrer zweiten Zusammenarbeit, Apiforms, spielt das Duo auf das Zusammenleben der Bienen an.

Clever, denn selbstverständlich denken alle etwa nach 1960 Geborenen wahrscheinlich zunächst an die Programmierschnittstelle zur Kommunikation verschiedener Softwareprogramme, hören sie von der API und ihren Formen. So klingt auch die Musik: auf einer Skala ziwschen strengen wissenschaftlichen Prinzipien und künstlerischem Ausschwärmen ebenso mittig wie auf jener mit den beiden Polen Band-Ästhetik und Elektronik. Vom programmatisch schwirrenden Intro über das abschmierende Jazz-Insturmental „Compound Eyes” oder das verträumt besungene „Honeydrop” machen sich Polygonia und Simon Popp so ihre Welt. Die beiden denken an den Spannungsaufbau, platzieren die Welt der Königin ins Zentrum („Queen’s Court”) und gönnen sich vorm whisky-farbenen Ende namens  „Amber” noch einige Drumstick-Tricks. Klingt nach erstrebenswerter Live-Erfahrung! Christoph Braun

Space Afrika – Quiet Storm (Dais)

Ruhe. Absolute Ruhe. Die strahlt dieses Album aus.
Das beginnt beim achtminütigen Eröffnungsstück „Vanity”, das vermutlich nicht von ungefähr wie eine Orchesterprobe klingt. Das in den ersten Minuten so leise ist, dass man die Ohren ganz, ganz nah an die Lautsprecher bringen muss, um überhaupt etwas zu hören.
Und so setzt sich das fort, die Orchestrierung sehr akustisch: Streicher, Harfe, Piano, sanft eingesetztes Schlagwerk. Elektronik findet eigentlich nur im Hintergrund statt, als atmosphärische Textur oder Effekt, weniger als im Vordergrund stehendes, leitendes Element. Und die Atmosphäre ist sehr düster. Dunkel wie die Nacht – oder eben der Weltraum. Stimmen tauchen immer wieder auf, menschliche Stimmen, die den Stücken des Albums Struktur verleihen. Mal gesprochen, ruhig oder aufgebracht. Mal jazziger Gesang, der an die sanfteren Tracks eines Sun Ra erinnert. Oder melancholische Fünfzigerjahre-Filmmusik. In der Space-Version, wohlgemerkt. Also vielleicht eher Blade Runner als Raymond Chandler.
Und der Rest, ja, eigentlich das ganze Album ist kein Schweigen, eher Treiben. Ein ruhiges, so zielloses wie kontemplatives Treiben durchs All. Tim Lorenz

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