Motherboard: Juni 2026

Die Mixe des Monats aus dem Juni findet ihr hier.

Gutes ist / Gutes ist vergänglich. Good Things (Casa Nueve, 8. Mai), die brillante Ambient-Pop-EP der Charlotte-Spiral-Hälfte Amy Spencer unter dem Alias Ammonite, verweilt nicht allzu lange. Und doch enthalten die fünf Tracks ein Universum gemischt melancholischer Emotionen in kondensierter Form. Kurze Stimmsamples in Schleifen verdichten sich zu rhythmisierten Flächen, über die nochmals die unbearbeitete Stimme Klarheit bringt, ebenfalls in Wiederholung und Variation. Was gesagt werden muss. So einfach, so gut.

Die Welt von Techno war nie groß genug für Donato Dozzy, ebenso wenig wie die Plattformen zur Veröffentlichung. So ist die Neugründung Nautilus Musica bereits das vierte Label, an dem er beteiligt ist (in diesem Fall zusammen mit Italo-Disco-Pionier Pietro Micioni), und es wirkt wie die späte Erfüllung eines persönlichen Wunsches nach etwas, das gleichermaßen familiär wie avantgardistisch sein darf. Zumindest wenn es nach dem Label-Debüt Tamburi (Nautilus Musica, 10. Mai) der römischen Sängerin Anna Caragnano geht. Caragnano hat in den vergangenen 15 Jahren immer wieder mit Dozzy gearbeitet, Tamburi ist doch ganz und gar ihr eigenes Album geworden: Eine individuelle, ziemlich spezielle und eben sehr besondere Auslegung experimenteller wie groovender elektronischer Musik aus dem fragmentierten Geist italienischer Folklore, Cosmic House und Rimini-Disco – und ein wenig sogar klassischer italienischer Schlager.

Musik für Theater, insbesondere Tanztheater zu produzieren, ist immer eine Ausnahmesituation, die das Überdenken und Einpassen der etablierten Produktionstechniken in einen vorgegebenen Rahmen, eine Inszenierung, eine Choreografie erfordert. Für Produzent:innen aus Techno und Electronica eine besondere Herausforderung, die anzunehmen aber oft zu außerordentlichen, wegweisenden Ergebnissen führt. Wie im Fall der französischen Schlagzeugerin und Komponistin Lucie Antunes, die für das gemeinsam mit der Choreografin Mathilde Monnier konzipierte Großwerk Silence (Bell, 12. Juni) nicht nur sämtliche Register ihres musikalischen und rhythmischen Könnens abruft, sondern darüber hinaus die besonderen Umstände einer Bühnenproduktion mit einem großen Kollektiv an Körpern und Ideen zusammenbringt. Von zeitlupenhaft tiefen Drones über pathosgeladene Choräle zu motorisch atemlosen Hyperspeeds ist alles möglich. Mehr als beeindruckend.

Der Vergeblichkeit allen menschlichen Tuns, dem tief eingeschriebenen Bewusstsein um unsere Vergänglichkeit, der steten Präsenz der furchteinflößenden Kontingenzen unserer Zeit eine befreit schwebende Schönheit entgegenzusetzen, in aller notwendigen Trauer zum Schwelgen finden, in Dunkelheit Widerstand leisten gegen den Irrsinn – es war und ist die unendlich schwere Aufgabe, der sich Penelope Trappes in ihren letzten beiden Langwerken A Requiem und Æternum gestellt hat. Dass sie mit ihrem Anliegen nicht allein ist, ganz im Gegenteil sogar viele ähnlich melancholisch gestimmte Seelenverwandte, musikalisch teils ziemlich prominente Gleichgesinnte hat, gibt Hoffnung. Zu finden in konzentrierter Form auf OPVS NOVUM: A Requiem Reworked (One Little Independent, 29. Mai). Trappes Strücke bleiben auch als Cover oder Remixe noch Elegien und Elogen, schmerzvolle Nachrufe auf eine nur beinahe verlorene Gegenwart. Letztlich bringen die Bearbeitungen den Kern von Trappes‘ Stücken zum Glimmen und Funkeln: humanistischer Optimismus aus tiefer, doch nie rettungsloser Depression.

Gemütsverwandte Schmerzensmänner im melancholischen Geiste sind die norwegischen Teilzeitberliner Erik K. Skodvin und Otto A. Totland, die nach langer Solopause und kürzeren Lebenszeichen wieder ein gemeinsames Album als Deaf Center gemacht haben. Und wie schön es geworden ist: Die leichte Schwermut von Through Time (Sonic Pieces, 1. Mai) ist direkt wiedererkennbar, die Produktion Skodvins noch weiter nuanciert, das Piano Totlands noch sparsamer und konzentrierter akzentuiert.

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