Das Motherboard findet ihr hier, die Mixe des Monats hier, Teil 1 der Compilations hier, Teil 2 der Compilations hier.
ABUZU – Con Razón (Hochi Runs)
Con Razón von ABUZU ist eine Ode an die lateinamerikanischen Wurzeln des Musikers, die er mit House, Techno- und Breakbeats verschmilzt. Der DJ und Producer aus Puerto Rico, der nach einer Station in den USA in Amsterdam lebt, denkt Clubmusik divers, mit unterschiedlichen Rhythmen, aber stets mit schneller Percussion. So bricht „Breaking Format“ wahrhaftig mit dem Format: Der erste Track des Albums ist kein Intro, er startet mit tanzbaren 110 BPM und lauten Claps. Einzelne Sounds treten immer wieder aus dem Arrangement hervor und verschieben sich gegeneinander. Geloopte Vocals sorgen für einen Vibe, der an einen 90er-Jahre-Electroclub erinnert. Das vergleichsweise hohe Tempo bleibt in den folgenden Songs erhalten. „Ta Carbon“ wird von einer balkanartigen Flötenmelodie getragen und kombiniert diese mit den Rhythmen lateinamerikanischer Tanzmusik. Als wäre das nicht extravagant genug, macht der Track in der Mitte eine Kehrtwende und greift auf den 90er-Club-Vibe des ersten Stücks zurück.
Das Muster des schnellen, tanzbaren Rhythmus zieht sich dabei durch alle Nummern, mal mit subtilen Reggaeton-, Salsa-, Dembow- oder Cumbia-Anklängen, mal mit schneller Percussion, wie man sie aus dem Afrobeat kennt – immer wieder getoppt von geloopten Vocals, die sich dem Beat anpassen. In der Mitte des Albums passiert etwas Unverhofftes. Con Razón wird weicher und weniger hektisch. Über federnde Funky-Grooves, die sich zwischen Disco, House und elektronischer Popmusik bewegen, legen sich psychedelisch anmutende Sounds, besonders bei „Permission”. Im letzten Track zum Ende des Albums nimmt ABUZU dann nochmal den schnellen, Upbeat-Rhythmus vom Anfang auf. Festlegen lässt er auf seinem Debüt mit seinem vielseitigen, eigenwilligen Sound wie gesagt nicht. Vor allem ist er dabei aber eins: tanzbar. Madu Abeysekera

Actress – Radical Frame (Ninja Tune)
Schwarze Avantgarde war Darren Cunningham alias Actress ja immer schon. Wie ein Molotowcocktail von Musik landete sein Debütalbum Hazyville damals, vor mittlerweile 18 Jahren, auf dem Dancefloor. Ein radikales Statement aus LoFi-Lärm und Groove, das dank verrauschter Anti-HiFi-Produktion in der damaligen klangfetischisierenden Dubstep-Welt wie ein angebrochener Glaszinken wirkte. Eine scharfkantige Scherbe, vor der man sich auf dunklem Tanzflur eher hüten musste, sich nicht die Achillesferse des swingenden Tanzbeins zu ritzen. Nun also, fast 20 Jahre später, klingt das alles zwar eleganter, jedoch nicht weniger radikal gerahmt.
Anfangs riecht man in den karstig krachenden ersten drei Stücken noch förmlich Actress’ noisige Ursprünge. Drei radikale Klangnotizen, Sound-Artefakte von wenigen Sekunden bis gerade mal etwas über einer Minute lang. Mit der Single „Overchord” ändert sich dann die Atmosphäre. Klassisch perlende Pianoakkorde umschmeicheln melancholischen Gesang, während sich von hinten langsam ein stoisch-minimaler Dancebeat in den Vordergrund schiebt. Ähnlich elegant geht es weiter mit der tranceartigen Ambient-Sequenz von „Cosmo” und dem fantastischen Late-Night-Groover „Withending”, der erneut klassische Klavierkaskaden mit hypnotisch-druckvollem Four-to-the-floor-Beat kombiniert. Ein Konzept, das Actress beim folgenden Track „Paris” in melancholisch-verrauschten Ambient-House mutiert. Zum wahrlich krönenden Abschluss dann die 16-minütige somnambule Reise ans Ende der Nacht mit „Sheets”, dessen eiernder Groove langsam von dunkel-ozeanischen Wellen hinfortgewaschen wird, um einen direkt in Morpheus’ warme Arme zu treiben. Beeindruckend. Tim Lorenz

Alexander Holm – Dial/Head Stroll (STROOM.tv)
Ein Cello überfällt einen zu Beginn dieses – zumindest im GROOVE-Kontext – ungewöhnlichen Albums. Nach der Attacke abrupte Stille. Erster Gedanke: File kaputt, Rechnerakku leer? Nee, da rauscht noch was. Dann wird ein Text gesprochen, oder sollte es hier rezitiert heißen? Oh weh, zweiter Gedanke: Hier steht ganz GANZ groß Kunst drauf. Egal, offen sein, weiterlaufen lassen (zumal ja nix gegen Kunst zu sagen ist, ne?!). Und dann, tja, stellt sich zunehmend Freude ein über das Dranbleiben, Nicht-Aussteigen schon nach zwei, drei Takten, wie es das professionelle Ohr spontan-impulshaft forderte. Womit wir bei einem zentralen Begriff im Zusammenhang mit Alexander Holm Dial/Head Stroll angekommen sind – ‚Ohr‘, genau! „Musik, die man mit den Ohren hört. Durch und durch. Immer und immer wieder. Ohne Zusammenhang oder Bedeutung.”
So beginnt der Infotext zu diesem Release, und so kann es erlebt werden, wenn man es laufen lässt und das Album wirken kann. Die Stücke bewegen sich im eingangs grob umrissenen Stil-Umfeld, ohne dass regelmäßig Shocking-Celli oder Ähnliches auftauchen würden. Vor allem aber bleiben auch Gepflegt-Experimentelles und typische Anspruchs-Klischees außen vor. Alles kommt überwiegend relaxed mit dem denkbar größten Abstand zum Alltags-Ambient oder Entspannungsmusik daher. Das Album besitzt wohl genau wegen dieser maximalen Distanz zu Funktionsmusik eine wirksamere und ganz eigene freundliche Ausstrahlung, die vermutlich viel mehr aus der dieser Musik innewohnenden Schönheit resultiert als aus ihrer Lockerheit. Und obendrauf gibt’s auch noch Humor in kleinen Dosen und Minimal-Noise-Gedöns. Mathias Schaffhäuser

Axel Boman & Superpitcher – Tell It To The Mountain (Blurry)
Wer vom richtigen Pilze nascht, dem öffnen sich die Augen. So oder so ähnlich ist die erste Assoziation, wenn man das farbenfrohe LP-Cover von Tell It To The Mountain von Axel Boman & Superpitcher betrachtet. Zu sehen ist das bunte Innenleben verschiedener Pilze – gleich einem Röntgenblick äugt man in einen Fliegenpilz – und klar, natürlich alles in bunten, psychedelischen Farben. Die Musik des schwedischen DJs und Producers Axel Boman und seines deutschen Alter Egos Superpitcher ist die erste Veröffentlichung auf Bomans neuen Label Burry. Die LP ist im House, Disco, Jazz, Afro und in psychedelischen Sounds verortet. Der Sound ist fresh und dreamy: „Birdwatchers” eröffnet das Album mit einem langsamen, stetig anschiebenden Groove. Dazu kommen eine afrikanische Mbira, die sich großartig weiterentwickelt, und ein kurzer Gitarrenlick. Irgendwie balearic, ohne die üblichen Genreklischees zu bedienen. Beim Track „Helags” entwickelt sich nach dem langen Intro ein rollender House-Track mit eingängiger Hook und flächigen Synthesizern. „True Crime” schaltet wieder einen Gang runter, bewegt sich reduzierter und elektronischer. Mit „Latin Sherpa” zieht das Album wieder irgendwo zwischen Disco und House an. Die Tracks bieten in ihrer Reihenfolge regelrecht eine kleine Achterbahnfahrt. Denn „Karlav” nimmt wieder die Geschwindigkeit heraus. Eine Acid-Linie hält den Track zusammen. „Side Quest” mit Konrad Agnas verbindet geschmeidig Jazz und Afrobeat, ohne dass hier gleich ein vermeintlicher Afro-Klopper herauskommt. Das Album ist ziemlich abwechslungsreich, ohne seine psychedelische Grundstimmung zu verlieren. Mein Favorit ist ganz klar „Hey It’s Me, I Love You”. Noch einmal Disco-House, diesmal weniger verträumt. Feine Musik für den Herbst – nicht nur aufgrund des bunten Covers, das ein echter Eyecatcher ist. Liron Klangwart

Astel – Shards (Biofield)
Als Tony Williams Ende der 2000er mit seinem Headhunter-Alias die noch junge Dubstep-Szene mitprägte, ließ sich sein Sound noch in eine Schublade neben Skream und Kryptic Minds stecken. Bald wurde dem Engländer das jedoch zu eng, und sein Addison-Groove-Pseudonym übernahm das Ruder, um mit wilden Footwork-Bass-Techno-Hybriden (auf 50Weapons oder Swamp81) die spannendsten Jahre der Post-Dubstep-Ära einzuläuten. Fast Forward in die Gegenwart: Ein neues Projekt namens Astel geht an den Start. Es bewegt sich weg vom Club und hin zu introspektiven Ambient-Welten. Was als Warm-up-Skizzen für seine DJ-Sets begann, entwickelte sich langsam zu etwas Selbstständigem. Grundlage waren Field Recordings aus dem eigenen Studioumfeld, wie Regen auf dem Dach, brummende Maschinen und elektrisches Knistern – alles Texturen, um die Williams schließlich eine Welt voller Atmosphäre baute. Ganz langsam entfalten sich hier Melodien, genügen subtile Sounds, um eine reichhaltige Klanglandschaft aufzubauen, in der man sich gänzlich verlieren kann. Leopold Hutter

Carmen Villain – Memoria (Smalltown Supersound)
2013 hat Carmen Hillestad ihr erstes Album auf Smalltown Supersound veröffentlicht. Genau wie heute unter dem Alias Carmen Villain, aber noch mit ganz anderem Sound. Seitdem hat sie sich vom damaligen stark gitarrenlastigen Indie-Rock immer mehr der elektronischen Musik zugewandt. Dem Osloer Label ist sie dabei treu geblieben, auch ihr neuestes Werk Memoria veröffentlicht sie dort.
Seit einigen Jahren ist Villain voll in der Welt der experimentellen elektronischen Musik angekommen und durchaus gefragt. So hat sie ihren einzigartigen Sound aus düsterem, Dub- und Minimal-beeinflussten Sound bereits auf Festivals wie Berlin Atonal, Draaimolen, Meakusma oder MUTEK performt. Auf Memoria probiert sie neue Wege aus, stark inspiriert von Pauline Oliveros’ Konzept des „Deep Listening” und von Apichatpong Weerasethakuls Spielfilm Memoria, der offensichtlich auch den Titel inspiriert hat. Beide Werke thematisieren stark das aktive, bewusste Zuhören und Sound als Träger von Erinnerungen. So hat Carmen Villain altes Material neu belebt und zusätzlich in meditativer Repetition der einzelnen Stücke Details eingebaut, die eben das aktive Zuhören abverlangen.
Auf den neuen Stücken des Albums lassen sich sowohl holzblasinstrumentlastiger Ambient und Experimental-Stücke finden („Omriss”, „Hopy Synapses”, oder „Labour of Imagination”), aber auch düstere, atmosphärische Rhythmen, die sowohl an Monolake und Chain Reaction als auch Villalobos erinnern („Holding A Shape”, „Blue”, „Memoria” oder „Entre Nosotros”). Der Herbst kann jedenfalls kommen! Lukas Simmer
