Das Motherboard findet ihr hier, die Mixe des Monats hier, Teil 1 der Compilations hier, Teil 2 der Compilations hier, Teil 1 der Alben hier.
Eartheater – Heavenly Body: If I’m The Bottle You’re The Message (Because Music)
Eartheater war für mich bisher eher eine Künstlerin für einzelne Songs als für ganze Alben. Immer wieder gab es Tracks, die hängen geblieben sind, ein Album, das durchgehend überzeugt, war bisher allerdings nicht dabei. Mit Heavenly Body ist das anders.
Zwar ist die US-Amerikanerin noch wiederzuerkennen, sie klingt aber deutlich erwachsener und ruhiger. Zarte, organische Instrumente und kammermusikalische Momente treffen auf elektronische Flächen, dezente Beats und verträumte Synthesizer. Manchmal klingt das fast wie Folk aus einer anderen Galaxie, dann wieder tauchen kleine elektronische Details oder beinahe tanzbare Momente auf. Auch ihre Stimme steht diesmal stärker im Mittelpunkt. Wo sie auf früheren Veröffentlichungen oft stark verzerrt oder verfremdet war, klingt sie auf Heavenly Body deutlich natürlicher. Das gilt auch für die Lyrics. Es ist weniger die distanzierte Kunstfigur Eartheater, die hier zu hören ist, sondern Alexandra Drewchin.
Besonders stark ist „Practical Amnesia“. Der Song gehört zu den verträumtesten Momenten des Albums und bewegt sich zwischen melancholischer Ballade und schwebendem elektronischem Pop. Ihre Stimme liegt weich und fast schwerelos über den Sounds, während sich Synthesizer und feine elektronische Elemente langsam umeinander winden. Gleichzeitig hat der Track etwas Unruhiges und leicht Unheimliches, das gut zu seinem Thema passt: dem Vergessen oder Verblassen von Erfahrungen und Schmerzen.
Auch inhaltlich ist Heavenly Body ihr bisher persönlichstes Album. Drewchin beschäftigt sich mit Schwangerschaft und Mutterschaft und den vielen widersprüchlichen Gefühlen, die damit verbunden sind. Dabei geht es nicht nur um die schönen, überwältigenden und fast schon kosmischen Momente des Mutterwerdens, sondern auch um die brutale und herausfordernde Seite einer Schwangerschaft. Schöne, intime und gleichzeitig beängstigende Momente stehen nebeneinander. Gerade in diesen Momenten wirkt sie so nahbar wie vielleicht noch nie. Celeste Dittberner

echofarmer – Tiny Big Much (manybody)
Irgendwer sagt Hyperpop und dann ist der Blechschaden schon passiert. Die einen denken an die oder den und meistens kommt hinten Musikantenstadl raus. Das ist ein bisschen besser geworden, seitdem Krawalllabels wie Hausu Mountain einfach konsequent den Mittelfinger raushalten aus dem Cybertruck ins übernächste Jahrtausend. Circa dann wird das nämlich einfach tolle Musik sein für unsere digitalen Agents. Oder die digitalen Agenten haben da längst die Weltherrschaft übernommen und foltern uns abwechselnd mit Podcasts von Felix Lobrecht und dem, was wir damals auf den Nebenbühnen als Hyperpop missverstanden haben. Ja, gut, bevor wir uns komplett auflösen: echofarmer ist der Kompromiss, ein Typ mit Laptop, der den so bedient wie andere einen Boxsack. Ergebnis: Diagnose innerhalb des Spektrums. Oder einfach nur ziemlich zweisame Zeit mit Chatti und Gemini. Ich weiß es nicht, aber ich sag ja auch nicht Hyperpop dazu. Christoph Gleich

Jay Mitta – Kazi Kwanza (Nyege Nyege Tapes)
Kaum ein afrikanisches Label hat sich in den letzten Jahren so in der Wahrnehmung der globalen elektronischen Musiklandschaft etabliert wie Nyege Nyege Tapes. Dort erscheint Musik von Acts aus Afrika und der afrikanischen Diaspora, die so eine global sichtbare Plattform erhalten. Seit einem Jahrzehnt übernimmt das Label schon diese Rolle: 2016 startete es in Anlehnung an das Nyege-Nyege-Festival und bleibt bis heute seinem Namen treu. Der leitet sich ab von „ekinyegenyege“ und heißt so viel wie „unwiderstehlicher Drang zu tanzen“. Auch für das neue, zweite Jay Mitta-Album erweist er sich als äußerst zutreffend.
Der Producer aus Tansania kehrt nach seinem Debütalbum vor sieben Jahren auf Nyege Nyege Tapes zurück und macht genau da weiter, wo er aufgehört hat: Auf ganzen dreizehn Stücken präsentiert er den typischen Singeli-Sound Tansanias, versieht ihn aber mit einem Twist – mit Elementen, die man aus Hardstyle, Dancehall oder Amapiano kennt. Catchy Keyboard-Melodien, Videospiel-Ästhetik und Synthesizer-Gezwitscher über absurd treibenden, Percussion-lastigen Beats um die 180 BPM. Nichts für schwache Nerven und gleichzeitig extrem lebensbejahend und spaßig. Wer das Workout über die ganze Länge des Albums nicht schafft, darf sich auch auf Halftime bewegen. Lukas Simmer

DJ Koze aka Adolf Noise – Wo Die Rammelwolle Fliegt (Pampa) (Reissue)
Hallo Welt, alles klar? Natürlich, denn sie fliegt wieder, die Rammelwolle. Eigentlich ist sie nie gelandet. Zumindest nicht bei Fans, die seit der Erstveröffentlichung von Wo Die Rammelwolle Fliegt im Jahr 2005 immer wieder mit ihr schweben. Ein geniales Frühwerk von DJ Koze, hier als Adolf Noise unterwegs. Alles drin, außer wildes Geklöppel: überragende frühe Koze-Madness, Hip-Hop, Ambient, Clicks ‘n’ Cuts, Gamesounds, kreischende Katzen, galoppierende Pferde, Aphex Twin verkleidet als Steffex Twin. Zudem augenzwinkernder Humor, klebrige Melodien, jede Menge Romantik und ganz viel After-Hour-Behaglichkeit. Auch Gäste singen und sprechen, Dirk von Lowtzow etwa oder Station 17. Alles klingt modern, obwohl das Album vor 22 Jahren erschienen ist. Trotz frischer Klarheit durch ein neues Mastering bleibt das Album dem rohen Zauber des Originals treu und gewinnt zugleich an klanglicher Genauigkeit für den gegenwärtigen Zeitgeist. Als besonderes Extra enthält die Vinyl-Ausgabe, wie einst das Original, eine zusätzliche Scheibe. Diesmal keine 7-inch, sondern eine 10-inch. Neben den zwei Extratracks von ehedem noch den 2001 veröffentlichten Underground-Rap-Hit „Deine Reime sind Schweine (Regelrechte Schweine)“ – ein chaotischer DJ-Koze-Fanclub-Favorit, der bei Discogs zu Recht auch dem Genre Comedy zugerechnet wird. Der geistreichste Track dieses Wunderwerks bleibt indes auf ewig „Was Ist Zuviel Zeit? (Dub)“. Ein Tune, der uns allen charmant verrät, dass in puncto Zeit keiner seiner Zeit voraus ist. Michael Leuffen

Floating Points – Mere Mortals (Deutsche Grammophon)
Pandoras Büchse steht in Floating Points Interpretation des Stoffs für Neugier, Veränderung und das Unkontrollierbare. Spannender als der Mythos selbst ist, was Sam Shepherd daraus macht: Mere Mortals führt in einen neuen Klangkosmos, in dem Klanggeneratoren, Streicher, Blech und Percussion ihre klassische Gewichtung verlieren., Wie auch bei seiner Album-Kollaboration mit Jazzgröße Pharoah Sanders macht Shepherd aus der Begegnung von Club-Ästhetik und akustischen Instrumenten keinen Crossover-Gag, sondern eine neue Produktionsumgebung. Darin liegt die Qualität von Mere Mortals: Tiefe elektronische Wellen schieben sich unter die Streicher, aus einem Synthesizer-Puls wachsen ganze Bläsersätze.
Zu Beginn erzeugt Shepherd mit „Movement 1” wellenartige Bewegungen aus Synthesizer und Percussion. Spannung entsteht durch Sog und Verdichtung, weniger durch Rhythmus.
„Hope” öffnet danach einen anderen Raum: Cordula Merks’ Violine schwebt beinahe allein durch die Stille. Danach bricht „Rage of the Gods” mit Dissonanzen und technoid wuchtiger Rhythmik herein. Besonders reizvoll ist „Her Gift”, wo Harfe und Therevox ET 4.3 einen zerbrechlichen Dialog führen – akustisch und elektronisch zugleich, kaum voneinander zu trennen.
Trotz seiner klassischen Ausbildung bleibt Shepherds Perspektive die eines elektronischen Musikproduzenten. Er arrangiert nicht einfach Instrumente, sondern lässt ganze Klangkonzepte ineinander wandern: Ein Bass erscheint unter einer Streicherfläche, elektronisches Flirren zieht durch das Orchester, ein einzelnes Geräusch bekommt ein orchestrales Gewicht. So fügt sich der klassische Orchesterapparat zu einer ungewohnten neuen Qualität der unmittelbaren Erlebbarkeit. Mere Mortals ist aber auch kein Ausflug eines Club-Producers ins klassische Fach. Shepherd lässt vielmehr zwei Kompositionstechniken so lange aufeinanderprallen, bis ihre Grenzen verschwimmen. Am Ende ist kaum noch wichtig, wo die Maschine aufhört und das Instrument beginnt. Innovative Fusionsküche – oder bereits ein Schritt in eine neue, potente klassische Stilart? Richard Zepezauer

GI GI – In Lieu (Mood Hut)
Wann hört man schon solche Beats? Bei Gi Gi landen sie oft mit so beiläufiger Treffsicherheit, dass man sich ein bisschen fühlt, als rolle man in einem Auto, und jemand schmeißt den ganzen Trommel-Plunder nach und während der Fahrt aus dem Fenster. Diese wegwerfende Geste hat zugleich etwas vollkommen Sicheres. Hier weiß jemand, wie man ein Rhythmusgerüst baut, das widerspruchsfrei fest und fragil seinen Dienst tut. Bei alledem steht für Gi Gi das Trippige im Zentrum. Sein reduzierter Downtempo-Ansatz greift Dub-Techno-Elemente und behutsam Melodisches in einer Weise auf, die mehr tranceartig psychedelisch wirkt als bekifft verlangsamt. Gut, beim Drogenkonsum ist streng genommen alles möglich, doch wo man beim Stichwort „Dub“ gern an gedehnte Schwere denkt, die durch Hall und Echo noch massiver wird, bleibt bei Gi Gi alles luftig leicht gewirkt. Wenn sich die Klänge mal leicht eintrüben, schimmert da immer noch von irgendwo ein wenig Sonnenlicht hindurch. Zum Aufgelockerten tragen auch die vielen Samples bei, die immer wieder in den Tracks auftauchen, meist als subliminal hineingeschnittene Fransen am Rand. Hier und da singt auch jemand ein paar Zeilen diskret vor sich hin, ohne sich unangenehm bemerkbar zu machen. Unauffällig gut. Tim Caspar Boehme
