Christopher Zielske – Ich möchte weg (Pingipung)
Alle paar Monate klick ich rein, bei Pingipung, und bin ganz beruhigt, denn, puh: Es gibt sie noch. Und damit auch den Podcast, den dieses Hamburger Ganz-viel-Liebe-Label verbreitet. Die aktuelle Ausgabe kommt vom Schallplattenmenschen Christopher Zielske. Der hat einen ausgewählten Geschmacksverstärker, also: Er spielt Platten, bei denen die Leute gerne mal das Handy rausziehen und nach ein paar Sekunden den tollen Satz sagen: Ne, der scannt und scannt, aber da kommt nix. So geht es hier also eine Stunde lang. Das Tolle: Zielske braucht nicht mal einen Kickdrumtuscher. Er will nur einen Platz im Schatten, ein kühles Spaßgetränk und zwei Plattendreher. Die beste Vorbereitung für das unvermeidliche Ritual, sich in der anbahnenden Julidürre zu Cans Future Days durchbrutzeln zu lassen. Christoph Gleich

Gyrofield – The Lot Radio 2026-06-12 (The Lot Radio)
Die unterkühlten, an die Spätneunziger-Drum’n’Bass-Produktionen von Ed Rush erinnernden Breakbeats von Alix Perez umrahmt Gyrofield im The-Lot-Radio-Mix mit einem Stück des algerischen Raï-Sängers Cheb Abdelhak und einem Song des New-Wave-Duos Suicide. Das wirkt nur auf den ersten Blick befremdlich.
Perez‘ metallische Kick schwebt drohnenartig über dem beschwörenden Singsang von Suicide-Sänger Alan Vega. Und Cheb Abdelhak liefert mit seiner unbefangenen Begeisterung für Neuartigkeit und Fremdheit der elektronischen Klänge einen bezaubernden Auftakt, gerade auch, wenn sie billig und/oder ein wenig trashig daherkommen.
Danach wirft sich Gyrofield in ein ungewöhnlich breites Spektrum globaler Breakbeat-Protagonist:innen wie Pianeti Sintetici, CHEAHDX oder Reezy Man. Einen Höhepunkt bildet Blake Skowrons irrwitziger „Kyotochop”-Edit von Skrillex‘ 2010er-Brostep-Hymne „Kyoto”, den Gyrofield wenig später mit dem Noise-Monster „Resume And Shaduf Fatah Guerrilla” von Muslimgauze toppt. Diesem Wahnsinn bereiten Equiknoxx mit charmantem Pop ein Ende – aber nur für einen Moment.
Dann schickt Gyrofield für das Finale die Achtziger-Queer-Existialisten von Coil und den Bass-Magiker Simo Cell in die Manege. Dort lässt uns Gyrofield aber nicht hängen. Für den Heimweg gibt es dann noch einen Hinweis von Sitaram Dass auf das höhere Wesen in uns. Alexis Waltz

Juho Kusti – Deep Space Helsinki – 4th June 2026 (Deep Space Helsinki)
Während Jeff Mills zum 1000. Mal Trips in die unendlichen Weiten des Weltalls unternimmt und künstlerisch doch wieder nur bei der zur Genüge durchgekauten Vertonung von Metropolis ankommt, öffnet man das Wurmloch in der finnischen Hauptstadt seit Äonen kreativer – und beharrlicher: Seit 2009 betreiben Samuli Kemppi und Juho Kusti, der diese Ausgabe übernimmt, die Plattform und Radioshow Deep Space Helsinki. Das geht dann so: Kurze Ansage und Ambient-Intro zum Anfang, dann ab in die Dimensionen des Deep – oder spaced out, wie Kusti ihn hier nennt – Techno. Ein Blick auf die Tracklist verrät schon im ersten Drittel: Hier wird hochseriös abgetrippt: Albert van Abbe, Luigi Tozzi, Translates fiebrige Bleep-Techno-Granate „Divide by Zero”, die ganz nebenbei zeigt, dass geisterhafte Strings nicht immer in dieselbe kreative Sackgasse zuppeln müssen – Kusti bringt über fast zwei Stunden routiniert und entdeckungsfreudig zusammen, was zusammengehört. All das geschieht mit einer ästhetischen Wucht, die mit Nachdruck signalisiert, dass Deep Techno nie tot war. Maximilian Fritz

KUSS – Intake Paris
Ach ja, die Franzosen. Können Croissants, können Wein, können dieses gewisse Schulterzucken, wenn alles gleichzeitig wichtig und doch egal ist. Und dann können sie auch noch Techno. Schaut man sich KUSS an, könnte man meinen, dass Mixing-Skills und Bartwuchs wohl Hand in Hand gehen müssen. Diese Koteletten wirken wie eine stilvolle Ansage an alle Flaum tragenden Wannabe-DJs im Kreuzberger Kinderzimmer.
In die packt KUSS herrlich schiebende Basslines, jede Menge Perkussion, Jungle-Elemente und hier und da eine Prise Dub. Obendrauf noch die nötige Portion sexy Vocals und ein regelmäßiges Aus- und Wiedereinsetzen der Bassline für die Dancefloor-Dynamik. Vielleicht könnte man das Set in die – bei weisen Altravern verschriene – Groove-Techno-Schublade stecken. Und vielleicht haben sie recht. Am Ende zeigt KUSS wieder einmal seine Schwäche für alte Goldstücke seines musikalischen Repertoires und setzt dem Mix mit einer ziemlich coolen Post-Punk-Nummer die Kirsche auf. Johanna Lühr

ttyfal – GYSTMIX-037 (Gyration Station)
Im Spannungsfeld von Clubkultur und Aktivismus ist die Leipzigerin ttyfal eine vielseitige Akteurin. Das Auflegen ist dabei neben der Tätigkeit als Journalistin nur eine ihrer Leidenschaften. Diese beherrscht sie jedoch ohne Zweifel mit Bravour. Inzwischen in Brüssel zuhause und Resident bei GIMIC Radio und im C12, liefert ttyfal für den GYSTMIX des in Los Angeles ansässigen Labels Gyration Station ein House-Set der Extraklasse.
Der musikalische rote Faden von GYSTMIX-037 definiert sich in der ersten Hälfte vor allem über trommelartige, rhythmische Drums, teils umspielt von mystischen Vocal-Fragmenten, die eine tribale Soundästhetik erzeugen. Der Mix bleibt über seine komplette Laufzeit von knapp über einer Stunde in einem tanzbaren Tempo. Zur zweiten Hälfte gewinnen die Tracks nochmal an Komplexität. In „Circus” von Stereonova passiert viel, aber in einem so gut ineinandergreifenden Zusammenspiel, dass man sich dem Drang in Richtung Tanzfläche nur schwer entziehen kann. Der Mix endet mit dem „Queenstown Song (House of Fun Mix)” von Mothersole & Haris, einem bittersüßen House-Klassiker aus dem Jahr 2001, der alles mit einer ungezwungenen Coolness abrundet. Daniel Böglmüller
