Motherboard: April 2026

Die Mixe des Monats im April 2026 findet ihr hier, Teil 1 der Alben hier, Teil 2 hier, Teil 3 hier, Teil 4 hier.

In der Januar-Ausgabe des Motherboards habe ich schon einmal euphorisch behauptet, dass Singer/Songwriterin Julianna Barwick und Harfenistin Mary Lattimore wohl die genialste Kombination an Künstlerinnen ergeben, die dieses Jahr möglich wäre. Nun erwächst mit Félicia Atkinson & Christina Vantzou eine charakterlich andersartige, deutlich zurückhaltendere, aber musikalisch nicht weniger starke Alternative. Die Kollaboration im Rahmen der Reihe Reflections von Matt Werths immer spannendem Label RVNG Intl. bringt die französische Shelter-Press-Betreiberin Atkinson mit der US-amerikanischen, mittlerweile in Belgien lebenden Vantzou zu einer Kollaboration, die Gemeinsamkeiten und künstlerische Entwicklungen betont.

Wo Atkinson, von strenger minimalistischer Elektroakustik ausgehend, in den vergangenen Jahren zunehmend akustische Instrumente und melodiöse Fragmente in ihre Sound-Art integrierte, ging der Pfad Vantzous von eher konventioneller Neoklassik immer mehr ins Unterholz experimenteller Sound-Art und avancierter Klangforschung. Und genau dort, auf Reflections Vol. 3: Water Poems (RVNG Intl., 10. April), überschneiden sich die Wege zu einer absolut unangestrengt und wie selbstverständlich organisch zusammenkommenden Synthese. Es klingt wie etwas, das sowieso früher oder später hat passieren müssen – und wird damit ebenfalls zu einem der definitiven Ambient-Alben des Jahres.

Die unaufhaltsame Eloïse Decazes oder Delphine Dora hat als Chansonette, Organistin, Pianistin und elektroakustische Komponistin mit grob geschätzten 50 Soloveröffentlichungen und fast genau so vielen Kollaborationen seit den mittleren Nullerjahren kaum ein experimentelles Genre und kaum ein exklusives Kleinstlabel ausgelassen. Dass sie trotz diverser Festival-Slots, wie etwa auf dem Meakusma, und einer Fülle an Material auf gerne mal so trüffelschweinigen Labels wie three:four, morctapes, Recital, Possible Motive, An’Archives oder sogar Modern Love immer noch als Geheimtipp gilt, liegt wohl an ihrer nomadischen Veröffentlichungspolitik und der Weigerung, sich auf einen Stil festzulegen.

Allerdings kann sie so eben auch mal locker für das vor allem für avancierte Modularsynthesizer bekannte kanadische Edellabel Marionette arbeiten. Und wie: L’ineluctable pulsation du temps (Marionette, 13. März) bringt eine singende Säge und ein digital vervielfachtes Klavier in eine hochspannende Konversation, die klingt wie nichts anderes. Mit Vents d’aether (Hallow Ground, 17. April) von Jérôme Bouve & Delphine Dora auf dem nicht weniger explorativen und exklusiven Schweizer Label Hallow Ground steht übrigens schon die nächste Kollaboration in den Startlöchern. Versteht sich von selbst, dass diese, nicht weniger meisterlich umgesetzt, völlig anders klingt. Nämlich nach einer warmen Drone aus Harmonium und Orgel.

Jenseits von Ambient liegt die Welt in all ihrer oft genug wunderschönen, doch manches Mal schmerzhaften Komplexität und Härte. Diesseits allerdings ebenso. Wenn es eine Künstler:in gibt, die diese emotionale Überwältigung durch Welt in klangliche Fragmente fassen kann, dann die Brooklyner Mari Maurice Rubio alias more eaze. Ihre Stücke, solo wie in Kollaborationen (etwa mit Claire Rousay oder Seth Graham), halten das ganze Gewicht der Realität mit zartestmöglichen, fragil-luftigen Strukturen.

Die Architektur der Leichtigkeit des Vielen und Schweren zeichnet Rubios jüngstes Solo-Album sentence structure in the country (Thrill Jockey, 20. März) auf besondere Weise aus. Ähnlich wie bei Claire Rousay schließt das inzwischen aufwendige Streicherarrangements und folk-nahe Songstrukturen ein, nutzt aber immer noch die von more eaze schon bekannten Soundsignaturen wie Ambient-Trap und knarzende Akustikgitarren in digitaler Postproduktion. Wie daraus immer noch so überaus leichte und luftig frische Stücke entstehen können, die dem Lärm der Welt so selbstverständlich trotzen können, bleibt das Geheimnis Rubios. Es ist jedenfalls große Kunst.

Der gegenwärtige Zustand der Welt, der Krach und der Stress der Stadt, der Reichtum und die Schönheit, die Komplexität des Lebens – das elfköpfige kongolesische Kunst- und Musik-Kollektiv KINACT weiß darüber mehr als die meisten. Aus dem energetisch explosiven Zusammenspiel von Performancekunst im ultimativen DIY-Spirit, selbstgebastelten und maßgeschneiderten Kostümen aus Plastikmüll und Blechdosen, selbstgebauten Instrumenten aus ebendiesen Bestandteilen und selbstgemachter Elektronik ergibt sich Kinshasa In Action (Nyege Nyege Tapes, 27. März), eine nicht in einen Studio- oder Aufnahme-Kontext zwingbare, genuine Street-Art. Sie stellt ihre überbordende Kreativität aus fast nichts her, bricht dafür umso intensiver in die tendenzielle Selbstgenügsamkeit der hiesigen Business-Techno-Kultur ein. Die Zukunft der elektronischen Tanzmusik liegt bekanntlich noch immer auf einer imaginären Straße im allzu realen Afrika.

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