Egal, ob auf Festivals wie CTM oder Sónar, ob in der Subkultur oder bei der Super-Bowl-Halftime-Show von Bad Bunny: Kianí del Valle ist zurzeit eine der wichtigsten Tänzer:innen und Choreograf:innen der internationalen Tanzszene. Dabei spielt sie auch in der elektronischen Musik eine Rolle, zum Beispiel durch ihre Zusammenarbeit mit Floating Points oder als Movement Director für VTSS. Die Bewegungen der Tänzer:innen verdichtet sie da wie dort zu synergetischen Erfahrungsräumen, die in körperlich intensiven Performances münden.
Eine der ambitioniertesten Projekte von Kianí del Valle bisher ist „Pitch, Pigeon, Puerta“, ein interdisziplinäres Werk, das mit dem dominikanischen Musiker Kelman Duran, der Komponistin Antye Greie-Ripatti und der Lichtkünstlerin Theresa Baumgartner entstanden ist, das mit dem Le Guess Who?, Insomnia, Nuits Sonores und Elevate Festival produziert wurde.
Dabei bewegt sich Kianí bewusst zwischen avantgardistischer Kunst und kommerziellen Produktionen. Kollaborationen mit Künstler:innen verschiedener Musikgenres sind zentral für ihre Arbeiten – ebenso wie politische Themen, die untrennbar mit ihrer persönlichen Geschichte verbunden sind. Im Gespräch erzählt sie GROOVE-Autor Michael Sarvi, wie diese unterschiedlichen Einflüsse zusammenkommen und warum Tanz für sie mehr ist als Bewegung.
Schwarzer Bildschirm auf meinem Laptop – ich warte ein paar Minuten. Dann springt eine Kachel auf. Kianí begrüßt mich und entschuldigt sich für ihre kleine Verspätung. Ich erreiche sie per Videocall zwischen zwei Terminen: Nach einem kurzen Aufenthalt in New York geht es für sie in ein paar Stunden weiter nach Mexiko. Trotz ihres vollen Terminkalenders wirkt sie vollkommen entspannt.

Allzu oft ist das ihr normaler Rhythmus, wie sie mir bestätigt. Kein Wunder, wenn man so in der internationalen Tanzszene verankert ist wie Kianí. Dass Kunst für sie keine Ländergrenzen kennt, zeigt auch ihr Lebensweg. In Städten wie New York, Montreal, London, Los Angeles und Kopenhagen experimentiert sie mit verschiedenen Elementen der Performancekunst – mittlerweile hat sich die gebürtige Puerto Ricanerin in Berlin niedergelassen.
„Ich wollte mich abgrenzen. Also habe ich mit Malerei und Plastiken angefangen.”
Wir sprechen über ihre Vergangenheit, denn Kianís künstlerischer Fokus lag in ihrer Jugend nicht auf dem Tanz, sondern den bildenden Künsten. In ihrer Familie ist darstellende Kunst schon in ihrer Kindheit allgegenwärtig – ihr Onkel ist prägender Musiker Puerto Ricos, ihre zwei Schwestern sind Schauspielerinnen, ihre Mutter ist Schriftstellerin. „Deswegen habe ich mich gegen diese Art von künstlerischem Ausdruck entschieden, weil ich mich abgrenzen wollte. Also habe ich mit Malerei und Plastiken angefangen”, berichtet sie.

Erst als ihr Vater schwer erkrankt und für eine Behandlung in die USA muss, kommt sie über ihre Tante erstmals mit Tanz in Berührung: „Es ist schwer zu beschreiben, irgendwie war es einfach in meinem Körper”, sagt sie. Der Tanz wird für sie zu einem intuitiven Ausdruck, der hilft, mit den Umständen jener Zeit zurechtzukommen. Kianí beschreibt ihn als eine Art „Coping-Mechanismus”, um die Abwesenheit ihres Vaters und die Unvorhersehbarkeit seines Krankheitsverlaufs zu bewältigen. Rückblickend sieht sie diese Phase als eine Art Verbindung zwischen körperlichem Ausdruck und Heilungsprozess.

Diese Herangehensweise wird auch in späteren Arbeiten von Kianí prägend – ebenso wie die Begegnung mit Personen aus der elektronischen Musik. Während ihres Studiums in Montreal kommt Kianí erstmals intensiver mit der Szene in Kontakt: Freund:innen kuratieren das MUTEK Festival, legen in Clubs auf, betreiben Labels. Sie selbst arbeitet an der Tür einiger Clubs und findet sich plötzlich in einem Umfeld wieder, in dem Klang, Raum und Körper in einem Atemzug gedacht werden. Diesen Input verarbeitet sie in ihren ersten Choreografien während des Studiums. Die Zusammenarbeit mit Produzent:innen aus der elektronischen Musik wird zum festen Bestandteil ihrer Arbeiten.
Jederzeit in Berlin
„In Montreal habe ich das erste Mal von Berlin als Kunsthauptstadt erfahren”, sagt Kianí. „Viele DJs sind zu dieser Zeit dahin gezogen. So wurde mir das überhaupt erst bewusst.” Zwischenzeitlich verschlägt es Kianí allerdings noch in andere Metropolen wie New York, Los Angeles und London. Vor zehn Jahren ist der Ruf der deutschen Hauptstadt schließlich laut genug, um doch nach Berlin überzusiedeln.
„Ich war davon angetrieben, den Prozess zu verstehen, wie das Gehirn am Anfang des Lebens vernetzt wird und sich beim Sterben wieder neuronal entwirrt.”
„Als ich hierherkam, hat mich die Stadt doch auf eine gewisse Weise schockiert. Es gab diese Snobbiness in der Kunstszene”, sagt Kianí. „Wenn man kommerzielle Projekte gemacht hat, wurde man schnell nicht mehr als avantgardistisch genug angesehen.” Doch Mainstream und Subkultur stünden für sie nicht im Widerspruch. „Ich musste meine Miete bezahlen und meine Familie unterstützen”, sagt sie. Denn: Kianí kommt nicht aus wohlhabenden Verhältnissen. Früh ist für sie klar, dass ihr künstlerischer Output immer auch an Existenzfragen gekoppelt ist. Die Trennung zwischen beiden sei für sie ohnehin künstlich aufgebauscht: Unabhängig vom Kontext versteht sie alles, was sie tut, als künstlerische Leistung – egal ob auf Theaterbühnen, in Clubs oder bei Großproduktionen.

Gleichzeitig betont sie, wie wichtig die Stadt für ihre Entwicklung als Künstlerin war und ist. Trotz der Widerstände, die sie aus der hiesigen Kunstszene erfährt, kann sie sich in Berlin vollständig auf ihre eigenen kreativen Projekte konzentrieren. In anderen Städten sei sie auf mehrere Jobs gleichzeitig angewiesen gewesen, um überhaupt als Künstlerin tätig sein zu können.
Emotion und Rhythmus
Kianí initiiert die Gründung der KDV Performance Group in Berlin und baut sich einen festen Kern an Tänzer:innen auf, mit denen sie kontinuierlich neue Choreografien entwickelt. Durch die langfristige Zusammenarbeit habe sich mittlerweile ein „Vertrauensverhältnis entwickelt”, das Raum für ganz persönliche Performances schafft. Besonders deutlich wird das bei ihrem Stück Cortex, das in Kooperation mit den Lichtkünstlern Hamill Industries und der Produzentin Tayhana entstanden ist.
„Ich war total fokussiert darauf, diese Botschaft in ein paar Minuten zu erzählen.”
Geschrieben habe sie das Stück während des Sterbeprozesses ihres Vaters. „Es heißt Cortex, weil ich mich darin mit dem körperlichen Übergang zum Tod auseinandergesetzt habe”, so Kianí. „Ich war davon angetrieben, den Prozess zu verstehen, wie das Gehirn am Anfang des Lebens vernetzt wird und sich beim Sterben wieder neuronal entwirrt.” Während des Sterbeprozesses verliert ihr Vater immer mehr seine motorischen Fähigkeiten. Der Titel verweist dabei auf den Kortex, jenen Teil des Gehirns, der bei ihm als Letztes noch funktionierte.

Dieses schmerzhafte Erlebnis übertrug Kianí in choreografische Szenen und einzelne Bewegungsabläufe. Gleichzeitig bringen auch die Tänzer:innen der KDV Performance Group ihre eigenen Erfahrungen von Verlust, Distanz und Abschied mit in das Stück ein. Cortex ist also viel mehr als die individuelle Verarbeitung eines Abschieds, sondern eine kollektive Trauerbewältigung, in der sich die persönlichen Geschichten aller Beteiligten überlagern.
Der große Wurf
Neben ihrer Tätigkeit als Solo-Performerin und Gründerin der Tanzgruppe KDV Performance Group arbeitet Kianí als Movement Director für Künstler:innen wie VTSS, Peggy Gou und LSDXOXO. Mit jemandem wie LSDXOXO zusammenzuarbeiten, mache ihr dabei „besonders Spaß”, berichtet sie. „Ich kenne ihn schon lange und habe seine Entwicklung miterlebt – vom DJ und Produzenten hin zum Live-Performer. Unter anderem haben wir gemeinsam an seiner ersten Live-Show beim Sónar gearbeitet”, fügt Kianí hinzu. Auch sei es für sie unglaublich erfüllend, nicht selbst auf der Bühne zu stehen, sondern andere dabei zu begleiten, die eigene künstlerische Persona durch Körperhaltung, Gestik und räumliches Bewusstsein zu entwickeln. Eine willkommene Abwechslung zu ihrer Arbeit als Tänzerin und Choreografin, bei der der Schwerpunkt stärker auf dem subtilen Ausdruck liegt.

Ihre Engagements in der elektronischen Musik blieben auch im Mainstream nicht unbeachtet. Neben ihrer Arbeit in der Club- und Kunstszene choreografiert sie zunehmend für internationale Acts wie Billie Eilish und Labrinth. Durch ein früheres Projekt zusammen mit Travis Scott bekommt sie dann die bislang größte Anfrage ihrer Karriere: Für den ebenfalls aus Puerto Rico stammenden Sänger Bad Bunny soll sie einen Teil der Choreografie für den Super Bowl entwickeln.

Dass die Show sehr politisch sein würde, war Kianí von Anfang an bewusst. Denn: Die Einladung von Bad Bunny zur Gestaltung der Super Bowl Halftime Show schaukelte sich zu einem Kulturkampf-Thema in den USA hoch. Seine Songs waren nicht erst im Rahmen des Super Bowls den Diffamierungen durch erzkonservative und rechtspopulistische Politiker:innen ausgesetzt. Immer wieder kritisierte er in seinen Songs das kolonialistische Vorgehen der USA gegenüber vielen Nachbarstaaten. Auch hatte Bad Bunny zuvor angekündigt, in den USA nicht zu touren – aus der Angst, seine Fans könnten von ICE-Agenten ohne Grund verhaftet werden.
„Erst am Tag danach habe ich realisiert, wie groß die Wirkung war.”
„Ich habe mit ‚El Apagón’ einen sehr politischen Song von ihm bekommen, der sich mit der Situation in Puerto Rico und der andauernden Energiekrise auseinandersetzt”, berichtet mir Kianí. Die Anfrage kam in einem Moment, als ihre Mutter gerade wieder von einem längeren Stromausfall betroffen war. „In diesem Moment wusste ich, dass ich etwas zu sagen habe”, so Kianí.

Allerdings sei die NFL, die National Football League, ein schwieriger Auftraggeber. Ständig musste Kianí ihre Ideen mit dem zuständigen Komitee verhandeln. Dennoch konnte sie sich auf ihre Aufgabe konzentrieren: „Ich war total fokussiert darauf, diese Botschaft in ein paar Minuten zu erzählen.” Druck im Vorhinein habe sie dabei kaum gespürt, vielmehr waren es die Reaktionen nach dem Super Bowl. „Erst am Tag danach habe ich realisiert, wie groß die Wirkung war”, sagt sie. Plötzlich ist ihr Name überall in den Medien, ihre Followerzahl steigt innerhalb einer Nacht um 15.000 Personen. Doch selbst ein Fernsehspektakel dieser Größenordnung verändert ihre künstlerischen Grundwerte nicht. „In meiner Arbeit geht es immer um Authentizität und Menschlichkeit”, sagt Kianí. „Ich mache im Grunde das Gleiche wie immer – nur auf einer größeren Bühne.”