GROOVE Reviews: Teil 3 der Alben im April 2026

Die Mixe des Monats im April 2026 findet ihr hier, Teil 1 der Alben hier, Teil 2 hier.

Lone – Hyperphantasia (Greco-Roman)

Nachdem sich Lone auf seiner letzten LP während der Pandemie verstärkt Ambient- und Shoegaze-Elementen gewidmet hatte, kehrt der britische Produzent nun zu seinem ursprünglichen, maximalistischen Sound zurück. Hyperphantasia liefert über 16 Tracks hinweg ein breites Spektrum elektronischer Genres, das er selbst als „Pop aus einer anderen Dimension” beschreibt.

Das Album ist geprägt von schnellen 2-Step-Rhythmen und Breakbeats, die mit den für Lone typischen leuchtenden Synthesizer-Melodien kombiniert werden. Dabei greift Matt Cutler verschiedene Phasen seiner Karriere auf: „Throw the Ember” (feat. Juga-Naut) referenziert den Lo-Fi-Hip-Hop seiner Anfangstage, während „Waterfall Reverse” an die Jungle- und Hardcore-Einflüsse seiner Veröffentlichungen um 2016 anknüpft.

Besonders wirkungsvoll ist das Album dort, wo diese verschiedenen Einflüsse gleichzeitig aufeinandertreffen und eine dichte Sound-Struktur bilden. Auch wenn die hohe Intensität und die Spieldauer auf voller Länge Konzentration abverlangen, unterstreicht das Werk Lones Fähigkeit, komplexe elektronische Musik in ein zugängliches, fast poppiges Format zu übersetzen. Ein konsequentes Album, das die Vielseitigkeit seines bisherigen Schaffens bündelt. Leopold Hutter

Los Pulpitos – Tentacletek (Crammed Discs)

Wem „One Two Three (No Gravity)”, Closer Musiks Überklassiker auf Kompakt von 2000, noch im Ohr sitzt und wem das vielgelobte Album von Africaine 808 die letzten Jahre ans Herz gewachsen ist, dem wird auch bei diesem Debütalbum von Los Pulpitos auf Crammed Discs das Herz wieder höher schlagen.

Allen erwähnten Projekten gemein ist die kaum überhörbare Handschrift des Kölner Wahlberliners und Produzenten Dirk Leyers. Diese Projekte zeichnen sich auch dadurch aus, dass es musikalisch besonders fruchtbare, komplementäre Kollaborationen sind, mit nicht minder erfahrenen Produzentenpersönlichkeiten – wie in diesem Fall Felipe Salmón von Dengue Dengue Dengue.

Das Album entfaltet – insgesamt und beispielhaft der A2-Track „Archipelago” – eine sagenhaft hohe klangliche Dichte: Die Frequenzen nie überladen, fein austariert, alle störenden Resonanzen fest im Griff oder eliminiert. Alles hat seinen perfekten Platz im Mix – hohes Studiohandwerk ist bei Leyers immer mit im Spiel. Ein weiteres Markenzeichen ist die Ausgewogenheit der Elemente. Das Album strotzt vor polyrhythmischer Percussion, psychedelischer Unterwasser-Dub-Schleifen und vereinzelt traditionellen südamerikanischen Rhythmen – und das alles im UK-Bass-, Jungle-, Wobble-Breaks-Gewand mit Dancehall-Mütze und erstaunlich stimmigen Trance-Pads. Diese verbinden sich mit musikalischem Feingefühl und rhythmischer wie experimenteller Spielfreude, die von Anfang bis Ende zu fesseln vermag und eine starke Neugier auf die nächsten Momente der Tracks aufrechterhält. Laut Pressetext sind die Stücke über die letzten Jahre in Sessions entstanden, bis sich genug starkes Material für ein Album angesammelt hatte – schön organisch!

Dabei rumgekommen ist ein meisterhaftes Album, das sich, wie alles Gute, über viele Jahre ins Herz und Gedächtnis bohren wird, um sich vielleicht gar unvergesslich zu machen. Richard Zepezauer

Octo Octa – Sigils For Survival (T4T LUV NRG)

Für Eris Drew und Octo Octa ist Dance-Musik trotz aller Heiterkeit eine ernste Angelegenheit. Mit ihren ekstatischen B2B-Sets hat sich das Paar der kollektiven Heilung auf dem Dancefloor verschrieben. Mit ihrer neuen LP Sigils For Survival liefert Octo Octa einen weiteren Beitrag zu diesem Kanon. Gleichzeitig markiert die Veröffentlichung auf dem eigenen Label T4T LUV NRG einen persönlichen Meilenstein: Es erscheint zehn Jahre nach ihrem Coming-out als Transgender-Person.

Die Tracks, für die die Künstlerin jeweils eine eigene Rune angefertigt hat, sind als intentionale, ritualistische Werkzeuge im eigenen Heilungsprozess zu verstehen. Klanglich äußert sich dies meist in dem bouncigen, emotionalen Breakbeat-House, der auch einen Großteil ihrer Vinyl-Sets prägt. Knarzige Acid-Basslines und klassische Vocal-Samples bilden das Grundgerüst für einen funktionalen, traditionsreichen und euphorischen House-Sound. Octo Octa nutzt diese bewährten Elemente, um eine Atmosphäre zu schaffen, die gleichermaßen zur Reflexion wie zur ekstatischen Bewegung einlädt. Leopold Hutter

Patricia – Y Try (Acid Test)

Patricia denkt den Raum mit, den Ort, an dem die Leute zusammenkommen, um zu tanzen. Die Lücken zwischen Tonsignal und den Effekten zur Verlängerung der Signalpräsenz, Delay zum Beispiel oder Echo, scheinen auf Y Try abgepasst auf das Zurückwerfen des Klangs von Beton, Stahl und Backstein. Kurz: Mit dem Mini-Album des New Yorkers Max Ravitz grüßt ein Techno-Set alter Art.

„Waste Of Space” beginnt mit Bass-und Kickdrum, schon ruckelt es, bald zuckelt es; eine elliptische Bassfigur schlägt Funken durch Reiben an rhythmisch eingestreuten Sprengseln. Und schon hat sich ein Sog eingestellt. Der Reichtum der Ideen liegt bei Acid Test im Arrangement, nicht in der Vielfalt der Einzelspuren. „Briar St. Bump” jackt herein, wird von wenigen, nachdenklichen Keys in einen Spannungsstau gelenkt, um diesen wieder aufzulösen. Und in „Sticky Shed” legen sich spinnenfadenfeine Synthies über sich langsam aufbauende Beats, um so etwas wie eine Party auf der Herbstwiese zu feiern. All dies auf Y Try: mit vielen säurehaltigen Bass-Sounds, angedeutet, sachte und präzise. Christoph Braun

Pugilist – Found Sound (Ruff Kutz)

Nachdem der Australier Alex Dickson alias Pugilist seit 2017 auf zahllosen EPS tieffrequente Clubmusik zwischen Breakbeat, Electro, UK Bass und Jungle ausgelotet hat, kommt er nun mit seinem Debütalbum Found Sound auf dem ihm eigenen Label Ruff Kutz auf den Punkt. Über zwölf Tracks malt er ein breites aurales Klanggemälde, das von Downbeat über rollenden Drum’n’Bass bis zu Electro und techno-infizierter Bass Music, gar House-Anleihen reicht – kurze Exkursionen zu dronigem Ambient und verdubbtem Reggae inklusive. Jeder Track legt dabei das Augenmerk auf einen anderen Aspekt des bassmusikalischen Kaleidoskops, sodass Langeweile und Überdruss nicht aufkommen. Dass das Album mit einem super atmosphärischen, delay-verliebten Halfstepper endet, ist nur konsequent. Tim Lorenz

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