GROOVE Reviews: Teil 4 der Alben im April 2026

Die Mixe des Monats im April 2026 findet ihr hier, Teil 1 der Alben hier, Teil 2 hier, Teil 3 hier.

Squarepusher – Kammerkonzert (Warp)

Erwarte das Unerwartete! Kammerkonzert von Squarepusher ist weniger ein klassisches Werk als ein Kammerraum, der kammermusikalische Musik auf eine andere Ebene hebt. Mit seinem 21. Album bleibt Tom Jenkinson seinem Ansatz treu, sich immer weiter auszuprobieren und neues musikalisch-kompositorisches Terrain zu erkunden – alles selbst eingespielt. Seit seinen Warp-Debützeiten, spätestens seit Port Rhombus, lässt sich sein Werk nur unzureichend über stilistische Marker beschreiben. Unvorhersehbarkeit und Regelbruch waren immer die Konstanten. So gesehen fügt sich Kammerkonzert in dieses Ausnahme-Œuvre.

Schon der Auftakt deutet das Prinzip an. „Advance” fungiert als Eintritt in einen kammermusikalischen Raum. Wer hier schon aussteigt, verpasst so einiges. „Central” baut eine reduzierte Funk-Line auf, die sich schichtweise kammermusikalischen Gesten öffnet – Ennio Morricone als atmosphärischer Schatten, nicht als Referenz. Hier beginnt bereits jene Doppelbewegung, die das Album trägt: elektronische Reduktion trifft orchestrale Andeutung, ohne je in eine stabile Synthese zu verschmelzen. Mit „Diligence” verdichtet sich das Material in einem dramatischen Aufbau, fast sinfonisch gedacht. Ist das eine Verfolgungsjagd? „Fairlands” ist sicher kein klassischer Drum’n’Bass, sondern eine kinetische Struktur, in der Streicher nicht begleiten, sondern antreiben. „Fremantle” entzieht sich dann dieser Logik wieder vollständig: lento, sphärisch, ein Moment von schwereloser Suspension. Diese ständigen Wechsel in den Stücken bleiben kein dramaturgischer Effekt, sondern werden zur kompositorischen Methode. „Headquarters” hellt das Spektrum auf, offeriert eine beinahe pastorale Klarheit, bevor „Museum” die Gegenwart wieder in eine funk-getriebene Repetition zurückbeamt. Ach ja, und „Park” durchschreitet einen langsam atmenden Raum – Gitarre, Sonnenaufgangslicht, Entwicklung als zögerliche Bewegung. Doch schon das nächste Stück „Reliance” kippt die Balance erneut: dunkler, gebrochener, soundtrack-artig verdichtet sich hier die von Jenkinson selbst eingespielte Musik. In „Terminus” erreicht das Album eine Art kontrolliertes Überdrehen – free-jazz-nahe Fragmentierung, extreme Verdichtung, ein System kurz vor der Selbstauflösung. „Tideway” fängt diese Energie wieder ein, transformiert sie in langsam aufhellende Linien, während „Uplands” als seltene Geste von vermeintlicher Leichtigkeit aufscheint: Jazzfusion als kurzzeitige Entlastung, nicht als Stabilisierung. Nomen est omen – „Vigilant” zerstört diese Balance erneut, treibt das Material in stakkatoartige Zersetzung, lässt auf der Hut sein, bevor „Welbeck” das Album in eine fast sakrale Fläche zurückführt. Hier kippt die Perspektive endgültig: ambientale Weite, kirchliche Anmutung, Bach im Schatten – als historische Resonanz im Raum.

Kammerkonzert ist kein Crossover im klassischen Sinn, sondern eine simultane Existenz verschiedener musikalischer Zeiten im selben Raum. Die Idee, dass keine musikalische Idee illegal sein sollte, wird hier praktisch umgesetzt. Kammermusik ist ein konsequenter Schritt im Werkkatalog von Squarepusher. Reinhören, entdecken, erwarte das Unerwartete! Liron Klangwart

Tiga – Hotlife (Secret City/Turbo)

Die Zeiten werden wieder besser, denn die Reise geht towards total brain freedom. So verspricht es der kanadische Produzent Tiga, und auf sein Wort ist in der Regel, ähm, Verlass. Zehn Jahre liegt sein letztes Soloalbum schon zurück, das aktuelle Lebenszeichen in Sachen Körper- und Geistesbefreiung ist daher sehr beruhigend. Für den Auftakt von Hotlife hat er sich zur Unterstützung den geistesverwandten Boys Noize hinzugezogen, und ihr Track „Hotwife” überzeugt schon mal mit einem souverän bekloppten Stimmsample-Bass, dessen abgehacktes „Bum, bum, bu-bu-bu bu-bum” durch brutal komprimierte Bassdrumschläge zur vollen Geltung gebracht wird. Electroclash is here to stay, so die damit kundgetane Botschaft, und man möchte Tiga nach der knappen Stunde an Material, die er für seine Platte zusammengetragen hat, zu gern zustimmen. Auch ist er nicht einfach bei seiner Formel geblieben, sondern arbeitet vereinzelt mit jüngeren Kollegen wie dem Trance-Star Maara oder Priori zusammen, die für Updates unterschiedlicher Art sorgen. Bei der ganzen Angelegenheit nimmt er sich weiter nicht allzu ernst, in sehr gesunder Weise. Das mit der totalen Hirnfreiheit hingegen ist unbedingt ernstzunehmen. Tim Caspar Boehme

Tobias. Doltz. – Frontiers Of Science (Delsin)

Nach ihrem Debüt Versus, das Anfang 2025 auf Delsin erschien, melden sich Tobias Freund und Shun Watanabe alias Doltz. bereits ein gutes Jahr später an gleicher Stelle zurück. Frontiers Of Science vertieft den Ansatz des Duos: präzise gearbeitete Electronica, deren Klangvokabular sich unmissverständlich aus dem Clicks’n’Cuts-Moment der frühen Nullerjahre speist. Die Referenzen sind hörbar – nur, und das ist der eigentliche Kniff dieser Platte, knistert hier nichts. Wo damals die Artefakte digitaler Bearbeitung selbst das Material waren, klingt hier alles makellos. Am Ende von „Dark Forrest” bricht kurz ein statisches Rauschen durch, für einen Moment öffnet sich das Fenster zur Vergangenheit etwas weiter, dann ist der Raum wieder sauber.

Dass diese Sauberkeit nicht in Kälte kippt, liegt an der atmosphärischen Tiefe der acht Tracks. Jedes Stück erzeugt Stimmung, ohne dabei in jenes pseudointellektuelle Gefrickel abzudriften, das schon einigen Producern des Genres zur Falle wurde. Besonders gelungen ist die Dramaturgie in der Mitte der Platte: „Dephonator” bildet den frenetischen Gipfel des Albums, bevor „Chiral” mit methodischer Progression antwortet. Schicht für Schicht baut sich der Track auf, ohne je einen Breakdown zu bemühen – und funktioniert genau deshalb.

Reinhören ist hier übrigens keine gute Idee. Wer skippt, bekommt Oberfläche. Wer sich die 42 Minuten nimmt, bekommt ein Album im emphatischen Sinn: acht Tracks im Dialog, jeder mit eigener Temperatur, alle Teil desselben Erlebnisses. „Designer-Electronica” verspricht der Pressetext und weckt damit beim Autor leichtes Unbehagen. Zum Glück verbirgt sich dahinter einfach eine saugute Platte, über die man hinterher nicht sagen muss, sie sei interessant gewesen. Ruben Drückler

upsammy & Valentina Magaletti – Seismo (PAN)

Zwei Künstlerinnen, zwei Schwerpunkte, ein innovativer Sound irgendwo im Feld von elektronischem Jazz. Die in London lebende italienisch-britische Schlagzeug-Ikone Valentina Magaletti ist sehr neugierig, was Kollaborationen mit anderen Künstler:innen angeht. Nach diversen Veröffentlichungen, unter anderem mit Kuduro-Expertin Nídia, der Ambient-Künstlerin Laila Sakini oder mit ihren Bandprojekten Moin oder Holy Tongue, hat sie sich jetzt mit der niederländischen IDM-Spezialistin upsammy zusammengetan.

Die wiederum hat im Rijksmuseum in ihrer Heimatstadt Amsterdam eine Ausstellung als Musik-Tour vertont. Gemeinsam mit Magaletti, einigen Mikrofonen und Percussion-Instrumenten ist sie dafür durch die Museumsräume gelaufen. Beide haben perkussive Klänge improvisiert und dabei die verschiedenen Räume und Akustiken genutzt. Dieses Material wurde mit Ansätzen früherer Produktionen von upsammy verbunden und ergänzt von Magalettis Drums und Percussion. So entsteht eine aufregende permanente Spannung zwischen rein elektronischen und rein organischen Sounds, die gemeinsam etwas ganz Eigenes erschaffen. Dabei driften sie gemeinsam von glitchigem Ambient („Some Unimaginable World”) über aphex-twin-ähnliche Schlaflieder-Motive („Mementoes”) zu Highspeed-IDM-Jazz-Hybriden („Hyperlocalize”) und sogar clubtauglicher experimenteller Bass Music („Collide”). Lukas Simmer

Vanity Productions – The Vanity Project (Northern Electronics)

Triggerwarnung: schmerzfrei bleibt es nicht immer auf The Vanity Project. Davon zeugen Titel wie „Badlands”, auch wenn der Streichersatz am Ende in seiner Getragenheit bloß angedüstert wird. „Hoarfrost” eröffnet das Album mit weiten Ton-Abständen, bevor auch hier Violinen und deren künstliche Granulate das Geschehen zu einem Spuk amalgamieren – übersetzt sich ja immerhin mit „Raureif” ins Deutsche. Unbequem also kommt das Album des Kopenhagener Produzenten Christian Stadsgaard, ehedem Betreiber des Labels Posh Isolation, daher, doch kippt es nie in Lärm. Schließlich handelt es sich um ein Projekt, das die Vergänglichkeit und Nichtigkeit des Lebens befragt. Die große Zeit der Vanitas-Kunst war das Barock, und ihr Medium war die Malerei von Stillleben feat. Ochsenaugen, Menschenschädel und verwelkende Blumen. Rätselhaft. So ergießt sich in „This Could Be Forever” ein Saitenakkord auf eine mit flirrenden Orgeln grundierte Leinwand, während „The Penlight Publication” eine Drone mittels weiterer Mini-Drones an- und abschwellen lässt. Eine letzte Warnung noch vorm Anhören bietet der Schlusstrack. Der heißt schlicht „Vanity Productions feat. Merzbow”, denn die Ankündigung des japanischen Maestros des quälend Schrillen genügt bereits als Chiffre für Schmerz und Zerstörung. Wobei Stadsgaard und Merzbow erst gegen Mitte die Zahnbohrer auspacken. Es soll ja Vanitas bleiben, ein akustisches Stillleben zu Nichtigkeit und Vergänglichkeit. Christoph Braun

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