Die Platten der Woche mit CRYME, eira haul, inrain, Luigi Tozzi und Sam Goku

Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.

CRYME – Let It Move You (HE.SHE.THEY)

CRYME veröffentlicht die Drei-Track-EP Let It Move You und schickt damit raus aus dem Schlechtwetter-Frühjahrs-Blues und zurück auf die Tanzflächen. Der Titel, der auf HE.SHE.THEY erschienenen Platte kann dabei durchaus als Aufforderung verstanden werden, sich dem Sound des Resident-DJs der Pornceptual sowie der De Reünie in Amsterdam hinzugeben und übers Parkett der Clubs schicken zu lassen.

Der Titeltrack und Opener ist eine mitreißende Peaktime-Nummer. Die markante Vocal-Line, synkopierte Drums und druckvoller Bass verschmelzen zu einem ekstatischen Sounderlebnis, dem man sich kaum entziehen kann. „Since I Saw You” bewegt sich eher in tiefen, atmosphärischen Deep-House-Gefilden und lässt ein wenig durchatmen. Bevor „Organic Liquid Tester” den Fokus wieder kompromisslos auf den Dancefloor lenkt. Hypnotischer, texturreicher Techno, gestützt von einer stetig schlagenden Percussion. Abschließend lässt sich eigentlich nur noch einmal die Empfehlung vom Anfang mitgeben: Let It Move You! Daniel Böglmüller

eira haul – Deep Rays (Limousine Dream)

eira haul, da war doch was. So eine Platte, schon ein paar Jahre her. Irgendwas mit Wald und Wiesen. Jedenfalls keine deepige Deep-House-Deepness wie auf Deep Rays. Die parkt nämlich gerade auf Limousine Dream in der Haltezone. Und Gott, das passt wie der hautenge Rollkragenpulli zum lakonischen Blick in der Panorama Bar. Auch weil das eigentlich Tech-House ist, aber ohne dieses peinliche Rumgehupe auf der Hantelbank. Vier Tracks, von weit aufgerissenen Träumen („Gado2”) zum Yogakurs mit Klavierbegleitung („Resin”) bis hin zur Pappenheimer-Ekstase („Deep Field”) macht das alles schlicht viel Freude. Am Ende vermisst sich sogar die Nostalgie, was super ist, weil man dann wieder in der gut gelaunten Gegenwart landet. Exzellent. Punkt. Ende. Christoph Benkeser

inrain – Rise (Music From Memory) [Reissue]

Es gibt diese Platten. Nach wenigen Takten und den ersten Gitarrenakkorden des Openers „Grow” steht fest, dass hier Großes wartet. Dieses Große glaubte man vergessen: Rudy Tambala von A.R. Kane und Alison Shaw von Cranes taten sich in den frühen Neunzigern zusammen, um eine weltumspannende Synergie aus Shoegaze, Dream Pop und Trip-Hop aufzunehmen. Shaws Stimme erinnert dabei an Rachel Goswell von Slowdive, gedankenverloren, selbstvergessen, Stimmung, nicht Wort. Die Musik bleibt charakteristisch unabgeschlossen, verwaschene Projektionsfläche für Sehnsüchte und Ängste liminaler Phasen. Auch die Stille tut ihr Übriges, bildet einen unerschütterlichen Ruhepol zu überschwänglichen Gitarrenriffs. Auf „…And Julie Rose” levitiert Shaw über einen Trip-Hop-Beat, der zum Portishead-Vergleich zwingt. Die fein ziselierten Gitarren auf „Sleep” wecken Erinnerungen an das One-Album-Wonder-Phänomen Mazzy Star, obwohl inrain weniger Pop-Dringlichkeit entwickeln. Vielmehr handelt es sich hier um Ambient-Musik, um mäandernde Loops, die sich mit psychedelischer Wucht ins Sensorium einschreiben. Cocteau Twins, ohne Stringenz. Was wirklich wenig Stringenz bedeutet. Und eine EP, die vermittelt, wie sehr diese singuläre Traummusik das Profane Anfang der Neunziger transzendierte. Man wäre nicht nur wegen Techno gern dabei gewesen. Maximilian Fritz

 Luigi Tozzi – Plastic Venus (Non Series)

Luigi Tozzi liefert mit Plastic Venus einmal mehr den Beweis, dass hypnotischer Clubsound aus dem Süden Europas längst eine eigene Schule prägt. Zwischen warmem Druck, subtiler Präzision und einer fast schon kosmischen Leichtigkeit entfalten sich hier Techno-Perlen, die wie gemacht sind für lange Sommernächte. Der in Rom lebende Produzent hat sich in den letzten Jahren vor allem im Umfeld von Labels wie Hypnus einen Namen gemacht. Dort steht er für einen klar wiedererkennbaren Ansatz: Deep, minimal, immersiv.Seine Tracks verzichten weitgehend auf plakative Breakdowns und setzen stattdessen auf organische Entwicklung, fein austarierte Texturen und eine dramaturgische Geduld, die im schnelllebigen Streaming-Zeitalter fast schon radikal wirkt.

Schon der Opener „Helix” zieht diese Linie konsequent durch. Ein treibender Uptempo-Groove, federnd wie auf Luftpolstern, getragen von einer weichen, doch konstant nach vorne arbeitenden Bassstruktur. Kein Dunkel im klassischen Sinne – eher ein schwebendes Leuchten. Dubby Raumfragmente kreisen wie entfernte Satelliten um den Beat, während der Track sich unaufgeregt in einen Zustand hypnotischer Leichtigkeit hineinbewegt. Tanz zur Sonne. „Bionic” führt diese Energie weiter, nur etwas kantiger. Der Name ist Programm: mechanisch präzise, aber nie kalt. Die Drums wirken verdichtet, fast industriell poliert. Einerseits dubby, andererseits bleibt der Groove auf der Achse – vorwärtsgerichtet, positiv, beinahe euphorisch. Mit „Shifted” kippt die EP kurz in eine Art kontrollierte Entschleunigung. Kein Bruch, eher ein bewusstes Zurücknehmen. Der Motor läuft weiter. Ein Track wie ein tiefes Einatmen zwischen zwei Tanzmomenten – funktional, mit emotionaler Tiefe. Der Titeltrack bündelt alles zuvor Gehörte. Ein straightes Four-to-the-Floor-Fundament, minimal acid-getönt, subtil versetzter Rhythmus zwischendurch – nichts Explosives, eher ein langsames Verschieben der Perspektive. Hier zeigt sich Tozzis Stärke besonders deutlich: Spannung entsteht nicht durch Überhöhung, sondern durch Mikrobewegungen im Detail. Der technoide Groove bleibt konstant, lebt – bionic, eben. Liron Klangwart

Sam Goku – Bliss Drift (Dekmantel)

Ein starker Lauf des Münchners Sam Goku führt ihn von seinem Stamm-Label Permanent Vacation zurück zur zweiten EP auf Dekmantel. Pünktlich zum Saisonauftakt zeigt Robin Wang darauf, wie er die Formel für Banger mit Tiefgang mittlerweile perfektioniert hat.

Auf dem Titeltrack treffen knackige Drums auf chorale Vocals, deren Harmonie den Rhythmen den Schneid abkauft und das Brett plötzlich weich wirken lässt. Einen ähnlichen Effekt erzielen die warmen Melodiesprinkler auf „Rhythm Drift”, die dem strengen Sample-Loop etwas Mildes hinzufügen. „Warm Soils” ist dann mutig, mit schrägen Vocals als tonalem Hauptelement, unterstützt von Flöten, was als meditativerer Track mit Breakdown ganz gut funktioniert. Zum Schluss das technoide „Infinity Keys (Sina’s Song)”, ein melodisches Schichtwerk, das ein wenig wie Gokus gut gelauntere Variante von DVS1s Hymne „Black Russian” klingt. Leopold Hutter

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