Motherboard: April 2026

Im Plattenschrank kamen sie schon längst zusammen, der französische Bass-Music-Producer und der ägyptische Elektronik-Avantgardist Simo Cell & Abdullah Miniawy. Dass ihr gemeinsames Album ausgerechnet eine Eloge auf die frühen Tage der digitalen Vernetzung sein würde, bestätigt die jeweils gesuchte wie gepflegte Außenseiterposition im Business. Und wie! Dying is the Internet (Dekmantel UFO, 12. März) spielt die erarbeiteten Freiheiten kompromisslos aus. Es bleibt aber doch in einem Rahmen des Gerade-noch (was Tanzbarkeit, Hörbarkeit und Edgyness angeht) und gleichzeitig des Jenseits-von-jedem (was die Offenheit und den musikalischen Wagemut betrifft). Zudem ist es eine Verschmelzung von Stilen und Eigenwilligkeiten, die keine Einheit schafft, sondern ein Zusammenbestehen, ein Miteinander, ohne die individuellen Eigenheiten aufzuweichen. Spröde und ohrenöffnend, ein eigenes Universum und doch ein unbedingter Teil unserer Welt.

Falls noch jemand findet, dass Jim O’Rourke und David Grubbs das volle Ambient-Potenzial ihrer Neunziger-Post-Rock-Projekte wie Gastr del Sol nie so richtig ausgespielt haben, findet er nun bei Oker unerwartete Abhilfe. Das Berlin-Osloer Quartett der norwegischen Free-Jazzer Torstein Larsen, Adrian Myhr, Fredrik Rasten und Jan Gismervik hangelt sich auf seinem dritten Album Aerial (Aspen Edities, 27. Februar) entlang der Optionen von Struktur und Freiheit, in aller gebotenen Ruhe und Konzentration. Ihre Instrumente spielen sie nur selten voll aus. Meist bleibt es bei Rascheln, Kratzen, Schrubben, Dengeln und Überblasen. Allein Rastens zwölfsaitige Akustikgitarre setzt immer wieder funkelnde Akzente. Was in der Summe ein Fest der improvisatorischen Zurückhaltung ergibt. Free Ambient ist wieder ein Ding.

Schon wieder ein E-Gitarren-Quartett von Bill Orcutt, das ist natürlich eine gute Sache. Anders als zuvor wurde Music in Continuous Motion (Palilalia Records, 13. März) allerdings von Orcutt allein eingespielt, also Spur auf Spur sequenziell geschichtet. Der für Orcutt spezifische, wiedererkennbare, raue Sound und die typisch rohe Direktheit der Live-Improvisation nehmen durch diese etwas indirektere Aufnahmetechnik keinen Schaden. Das Dengeln und Schrammeln vor dem Vintage-Röhrenverstärker in minimalen melodischen Loops und Schleifen und die wellenförmige Bewegung an- und abschwellenden Volumens mit gelegentlichem Freak-Out, was Orcutt so ähnlich seit ziemlich genau 30 Jahren konsequent durchzieht – es bleibt einfach faszinierend.

Mit dem Wohlstand häufen sich die Erwartungen, mit dem Komfort die Zumutungen, mit den Möglichkeiten die Anforderungen, mithalten zu können, womöglich noch exzellent zu sein. Die Nebenwirkungen, die aus der Selbstoptimierungsüberforderung der modernen Arbeitswelt folgen, etwa eine existenzielle, als krisenhaft empfundene Dauererschöpfung, sind das Thema von Honest Work (Sinnbus, 15 April). Das feinherbe Konzeptalbum der Schweizerin Daniela Weinmann alias Odd Beholder setzt die Komplexitäten nicht etwa in einen Sound von Depression, vielmehr in fluffigen Synthpop, der mal nach leichter Indie-Melancholie à la The Notwist, mal nach gedämpft euphorischer Electronica klingt. Songs, die nicht mitmachen wollen bei dem Irrwitz, aber auch nicht vom Aussteigen träumen, sondern irgendwo realistisch dazwischen spielen, im zutiefst Menschlichen, aber von Algorithmen überwacht. Was gar nicht mal so deprimierend ist, insgesamt vielmehr Hoffnung macht, als man glauben will.

Die New Yorker Tempers sind in den vergangenen zehn Jahren durch eine wechselvolle Geschichte geschlittert, angefangen als enigmatisches Neo-Goth-Duo auf Kassette, dann direkt der Sprung in die Aufmerksamkeit der gehobenen New Yorker Kunst-Kultur-Mode-Welt mit kurzlebigem Major-Deal. Als Solo-Projekt von Jasmine Golestaneh erlebte Tempers eine Art Konsolidierung in hippem Synth-Pop mit zwei LPs auf dem eklektischen Post-Punk-Label Dais. Das jüngste Album Delusion (Fear of Luxury, 24. April) auf dem speziell dafür gegründeten Label Fear of Luxury markiert wiederum einen Neuanfang: Das Soundspektrum hat sich erweitert, es sind mehr Shoegaze-Gitarren zu hören, aber auch mehr moderne Beats und Bässe. Gesang und Optik haben sich von den Klischees der Dunkelgenres entfernt, wurden zu Dark Wave in der Sonne, Cold Wave am Strand.

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