Mixe des Monats: April 2026

Alquímica Records – Music for Dragonflies ≽༏≼ (GDS.FM)

Unsere Fonduefreunde tunken wir hier eigentlich ziemlich selten ein, und das ist schade. Schweizerschokoladenschade, weil: GDS.FM aus Zürich ist in letzter Zeit zu meinem Substitutionsprogramm für das grassierende Moralmüsli geworden, bei dem sogenannte Morgenmenschen auf NTS immer schlechtere Musik spielen und immer mehr reden und das dann gute Laune nennen. Jetzt also alles anders und deshalb zuerst: reden. Aber nur kurz. Mit einleitenden Worten. Wer wie die Leute von Alquímica Records nur einmal im Monat sendet, hat schließlich nichts zu verlieren – am wenigsten Zeit. Dazu kann man am Samstag auf dem Markt teure Kartoffeln kaufen oder Kaffee trinken oder alle Fenster aufmachen oder sich einfach nur das Gran-Turismo-Menü vorstellen, in dem man ewig nach einem gebrauchten Fiat 500 sucht, weil der Soundtrack so gut passt. Nicht zum Fondue, aber immerhin zum Frühling. Christoph Benkeser

Jono Xidias – Cartulis Podcast 071 (Cartulis)

Während ich diese Zeilen schreibe, lasse mich von den ersten echten Sonnenstrahlen dieses Jahres wärmen. Auf den Ohren: Jono Xidias‘ Set, das im Kontrast zur hellen Stimmung mit einem eher düsteren und langsamen Flow beginnt.

Ich schließe die Augen, und eine Traumwelt macht sich vor mir auf. Ich bin nicht mehr auf dem Gartenstuhl, sondern auf einer geheimnisvollen Erkundungstour durch den Dschungel. Reptilienartige Geräusche schmücken den trippy Sound. Bald kommen dumpfe Trommeln hinzu, die diesen Regenwald-Soundtrack vervollkommnen. Die Luft ist feucht, die Spannung steigt, hier und da zischen hektische Schlangen, während sie sich an meinen Füßen vorbei winden. Ein Rascheln in den hohen Palmen lässt mich aufschauen, vielleicht erhasche ich ja einen Blick auf einen Helmkasuar.

Der Sound bewegt sich irgendwo zwischen Electro, Minimal und experimentellen Einflüssen und erzeugt dabei eine hypnotische Wirkung. Vielleicht hat Jono Xidias für sein Set ja genau diese Vision gehabt, er stammt nämlich selbst aus dem Land, das bekannt für seine jahrhundertealten, überwältigenden Regenwälder ist: Australien. Neben Unai Trotti und Kensa gratuliert ihm auch DJ und Produzent Reptant zum 71. Cartulis-Podcast. Auch dessen Sound erinnert an Reptilien. Greta Allgöwer

Mia Koden – themuddshow (themuddshow)

Schön, mal wieder analog unterwegs sein – also, nicht nur mit Direktantrieb, sondern auch mit ausgebautem Dachstuhl. Dazu das gängige Pflanzensortiment, Palo-Santo-Diffuser und, um es von gängigen Yoga-Studios abzugrenzen: eine freiliegende DJ-Booth. Die ist gut verkabelt, rot-weiß, links-rechts, alles da. Und weil der Streit zwischen Analog-Boomern und Tik-Tok-Purist:innen andernorts darüber eskaliert, wie geerdet die einen sind, während alle anderen nur auf sync laufen, wird hier präventiv direkt abwechselnd auf Digital und Vinyl runtergemischt. Das geht dann so: Von oben scheint die Sonne durchs Gebälk, während untenrum der Boden zu Mia Kodens neuem Mix für themuddshow erzittert. Dabei verbindet die Londoner Producerin und DJ Four-to-the-Floor- und Stepper-Rhythmik mit melodisch-perkussiven Bass-Music-Ausflügen. Also: Zu schönen Vocals wie dem auf „Brandys Angel in Disguise” sinnieren und sich untenrum von einer dicken Bassline wie der vom hauseigenen „Bout Dis” das anatomische Sitzpolster massieren lassen. Das geht, trotz teilweise aufmersamkeitsdefizitären Sprüngen zwischen Dub Techno, UK-Garage, Dubstep und UK Funky, weil eine Sache im Genremüsli glücklicherweise konsistent und stimmig bleibt: namentlich der Vibe. Jakob Senger

Screenshot

Pileta – MITMIXEN 111 (MITMISCHEN BERLIN)

In ihrem neuen Mix für das in der Hauptstadt ansässige Label MITMISCHEN BERLIN zeigt die Kölnerin Pileta ihre Fähigkeiten in vollem Umfang. Ihr Set kombiniert verträumte Klangflächen mit einer stetig wachsenden, energetischen Dynamik und bewegt sich dabei mühelos zwischen unterschiedlichen Genres. Inspiriert von Ambient-Sound, baut sie weite Klangräume in ihre Musik ein und verleiht dem Mix dadurch eine atmosphärische Tiefe. Gleichzeitig ist das Set von Dub- und House-Elementen geprägt, und auch klassische Einflüsse aus dem Techno lassen sich immer wieder heraushören. Ein Mix, der wie eine Reise durch die Sub-Genres der elektronischen Musik anmutet, dabei jedoch nie aufgeregt, sondern eher beruhigend wirkt. Daniel Böglmüller

Physical Therapy – Original & Unreleased 8th April 2026 (NTS)

Passend zum aufblühenden Frühling hat Physical Therapy auf NTS ein Set zum Besten gegeben, das seine Fähigkeiten als Vibe-Creator unterstreicht. Der mal in New York und mal in Berlin ansässige Künstler hat im letzten Jahr als Car Culture das Album Rest Here veröffentlicht. Darauf erschuf er mit atmosphärischem, ambientem Dream Pop eine eigene Welt. Das ist hier minimal anders. Der Dream Pop geht, die Atmosphäre bleibt. Die melancholische Stimmung ist auch hier spürbar. Aber tanzbarer. Es sind einige unveröffentlichte Produktionen, dabei, Hoffnungsvolles für die Zukunft verheißen. Nach etwa der Hälfte ertönt eine dancig gepitchte Version von French Affairs „My Heart Goes Boom (La Di Da Da)”, und man bekommt den Drang, mit einem minimal alkoholhaltigen Getränk Sonnenstrahlen auf das hoffentlich UV-geschützte Gesicht scheinen zu lassen. Der Mix entlässt die mit einem Physical-Therapy-Remix des hauseigenen emotionalen „Doesn’t Really Matter”. Schön und irgendwie traurig, dass alles nach einer Stunde vorbei ist. Robert Zimmermeier

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