Die Mixe des Monats im April 2026 findet ihr hier, Teil 1 der Alben hier.
Another Taste – Another Taste II (Space Grapes)
Mit seinem selbstbetitelten Debütalbum hat das Rotterdamer Neo-Disco-Kollektiv um das Gründungsquartett von Bobby van Putten (Gesang, Synthesizer), Bob Roche (Bass, Gitarre), Barend Lippens (Keyboard, Gesang, Gitarre, Bass) und Teun van Zoggel (Schlagzeug) 2024 mitten ins Schwarze des retrograden Saturday-Night-Dancefloors getroffen. Auch der konsequenterweise ähnlich kreativ benannte Nachfolger zielt darauf ab, die Spiegelkugel abzuschießen.
„Party Lights” setzt als Opener den Boogie-Ton und groovt wie ein lost track von Imagination, das vorab ausgekoppelte „Run Into Love” holzt mit Laser-Gunshots, Bongo-Percussion und Elektrofunk-Bass in dieselbe Disco-Funk-Kerbe, „Waiting Game” zieht als relaxte Retardierung dazwischen in aller Ruhe die Siebziger-Sonnenbrille auf. Selbstredend ist das alles so retro wie Paillettenhemden, Plateauschuhe und Münzfernsprecher. Man darf unterstellen, dass für Another Taste, zu denen sich in diesem Fall noch Sarina Voorn (Gesang), Diogo Carvalho (Percussion, Vibraphon, Balafon) und Florian Verhagen (Gitarre) sowie auf „Peace Call” Arp Frique & The Perpetual Singers gesellen, Producer-Legenden wie Patrick Adams, Giorgio Moroder und Patrick Cowley den Status von Hausheiligen besitzen. Im Heimstudio von Danilo Plessow alias Motor City Drum Ensemble, auf dessen Label Space Grapes Another Taste II erscheint, ausschließlich auf analogen Geräten aufgenommen, bewegt sich das Meiste musikalisch irgendwo zwischen Earth, Wind & Wire, Chic und Zapp – und das ist ja am Ende des Tages („Into The Night”) dann doch nicht das Schlechteste. Harry Schmidt

Chris Stussy – Lost, Found & Forgotten… (Up The Stuss)
Chris Stussys Debütalbum heißt Lost, Found & Forgotten… Die 19 Tracks gliedern sich, wie schon der Titel vermuten lässt, in drei Teile. Der niederländische DJ und Producer beschreibt das Album als persönliches Werk, weil es drei sehr unterschiedliche Seiten von ihm zeigt – und das hört man allemal.
Das erste Kapitel eröffnet das Album mit klassischen Dancefloor-House-Produktionen, die ursprünglich in früheren Phasen entstanden sind und jetzt wieder ausgegraben, überarbeitet und fertiggestellt wurden. Gemacht wie für den Start in die Festivalsaison, klingen diese sechs Tracks sonnig, euphorisch und auch ein bisschen cheesy. Stücke wie „Side to Side” mit seinem Male-Vocal-Sample oder die schwebende, fast verträumte Atmosphäre von „Darkness” schlagen genau in diese Kerbe. Ab der siebten Nummer erfolgt mit „Found” ein klarer Bruch. Hier wird der Sound deutlich EDM-lastiger, vocal-orientierter und insgesamt glatter und poppiger. Das trifft vielleicht nicht jeden Geschmack, wer aber drauf steht, bekommt viel geliefert. Als Pop im House-Gewand lebt dieser Teil stark von Vocal-Features und ist klar auf große, eingängige Hooks ausgelegt. Den Abschluss bildet der Part Forgotten. Hier wird der Sound ruhiger, verspielter und deutlich subtiler. Teilweise breaky und mit leichten Acid-Elementen, erinnert das Ganze stellenweise mehr an Stussys frühere EPs, etwa Take A Leap Of Faith, bevor er sich stärker in Richtung Deep House mit EDM-Einsprengseln orientierte. Von dem hypnotischen „Set sail on another ship” bis zum zurückgenommenen, fast schwebenden Finale „It feels natural” steht dieser Teil vor allem für zurückhaltende Produktionen, die mit ihren vertrackten, aber doch mitreißenden Breaks musikalisch umso mehr zu bieten haben. Celeste Dittberner

Harmonious Thelonious – Grumpy Pieces (Bureau B)
Grumpy Pieces – wohl nicht nur mit einem Augenzwinkern hat Harmonious Thelonious sein neues Album so genannt. Kurze angedeutete Melodien, hypnotische Patterns und ein kompromissloser Fokus auf Rhythmus und Textur erzeugen ein Klangbild, das trockener, rauer und unmittelbarer wirkt als vieles zuvor. Der Düsseldorfer Stefan Schwander arbeitet erneut mit einem vertrauten Vokabular: Pan-Afrikanische und middle-eastern-inspirierte Rhythmuskonzepte, repetitive Minimal-Strukturen und ein bewusst reduzierter Einsatz von Elektronik. Doch dieses Mal wirkt alles weniger stabil, weniger fixiert – als könne sich die Musik jederzeit selbst aus den Fugen lösen. Genau das hört man in den Tracks: Melodien reiben sich an kantigen Bassfragmenten, trockene Snare-Schläge schneiden scharf durch den Mix. Der Groove bleibt zwar das Zentrum, doch er trägt eine nervöse, fragmentierte Qualität in sich.
Schon der Opener „And You May Find Yourself” führt das exemplarisch vor: schneller Electro-Drive, treibender Hall-Dub, dazwischen bewusst gesetzte Störgeräusche und verzerrte melodische Fragmente. „Tzing!” übersetzt diese Spannung in eine schwebende, fast orientalisch anmutende Synth-Fläche, die sich wie ein fliegender Teppich über einen dunklen, drängenden Bass legt. Electro- und Dub-Elemente greifen ineinander, ohne sich je vollständig zu beruhigen. Mit „Flip the Script / Despair” und „Tropical + Electric” verschiebt sich das Album in flächigere, aber nicht weniger unruhige Zonen: überlagerte Texturen, percussive Glitches und hochgetaktete Loops erzeugen ein Gefühl permanenter Bewegung. Balearische Assoziationen tauchen auf, werden sofort wieder gebrochen – ersetzt durch eine fast manische, elektro-perkussive Energie. Diese Spannung zwischen Kontrolle und Auflösung zieht sich durch das gesamte Album.
Die B-Seite tendiert zunehmend zur Erosion. „Made in Italy” spielt dabei mit der aktuellen Italo-Disco-Referenz, ohne sich je eindeutig darauf festzulegen. Die Melodie setzt sich nur langsam zusammen, fast tastend, als würde sie erst im Prozess ihrer eigenen Entstehung Gestalt annehmen. Unterlegt ist das Ganze von einem leicht housigen Puls, reduziert und trocken gehalten, der eher skizziert – ein bewusst reduzierter Ansatz, der gerade durch seine Zurückhaltung Spannung erzeugt. Und „Les Belles Vacances” öffnet anschließend einen anderen Referenzraum: der Verweis auf französischen Electro wirkt wie ein bewusst gesetzter Bruch, der das Stück zunächst leichter erscheinen lässt, bevor es sich zunehmend verdichtet. Das Tempo ist hoch, die Texturen werden rauer, fast schon wavig. Immer wieder blitzen dabei Assoziationen an EBM-Ästhetiken auf. Den programmatischen Abschluss bildet „Dissolving”, in dem Dub-Rhythmen, Sirenenfragmente und minimale Soundelemente eher zerfallen als sich auflösen.
Dass Grumpy Pieces im direkten, intuitiven Arbeiten entstanden ist, hört man deutlich: Die Stücke wirken wie Momentaufnahmen eines Prozesses, in dem Ideen ausprobiert, verworfen und neu zusammengesetzt werden. Diese Arbeitsweise verbindet sich direkt mit Schwanders Live-Praxis – Musik als repetitiver Zustand, als Trance-Raum. Dabei ist auch die äußere Haltung des Albums wichtig: Die Bezeichnung „grumpy” ist dabei sicherlich kein ironischer, augenzwinkernder Titel allein, sondern spiegelt eine Gegenwart voller politischer und sozialer Spannungen. Wut, Unsicherheit und eine gedämpfte Form von Verzweiflung ziehen sich durch die Stücke. Grumpy Pieces ist eine Zuspitzung des charakteristischen Harmonious-Thelonious-Sounds. Ein körperlicher, unruhiger, aber zutiefst zwingender Entwurf elektronischer Musik im Jetzt. Liron Klangwart

Lb Honne – Guardwatcher (Pt. 1) (St. Odes)
Guardwatcher (Pt. 1) startet mit einem ambienten Track, der einerseits wohlige Assoziationen weckt, gleichzeitig aber durch gar nicht so harmoniesuggerierendes synthetisches Schaben interessant gebrochen wird. Es folgt ein sanfter Marimbaloop über einen minimalistischen Breakbeat, zu dem sich einige musikalische und gesprochene Elemente gesellen. Irgendwie einnehmend, irgendwie auch Pop unter anspruchsvollen Vorzeichen. „Haouis”, das dritte Stück, trägt dann einen französischen Familiennamen, was sich inhaltlich nicht erschließt, dies aber natürlich auch nicht muss. Auch hier dominieren eine ruhige Stimmung, flächige Sounds, ein entschlackter Groove und wieder rhythmisch eingesetzte Geräusche. Dann der radikale Bruch – die restlichen sechs Tracks sind eindeutig der Techno- und House-Welt zuzuordnen. Manche würden von Microhouse sprechen, mir sagt der Begriff eher wenig, dafür die Info zur LP mehr. Dort heißt es: „Guardwatcher (Pt. I) erkundet dramatische Untertöne in den Genres Psychedelic House, Techno und Ambient.” Diese Untertöne spielen gerne Verstecken und enttarnen ihre Dramatik erst nach einer Weile, wie das elegante polyrhythmische Zusammenspiel einer Dreivierteltakt-Synthiefigur über einer ultrastoischen Bassdrum, die in „Becoming A Stone”, kaum flankiert von anderen perkussiven Instrumenten, ihren 4-to-the-Floor-Auftrag erfüllt. Insgesamt sind die Beats aller sechs Clubtracks dieses Albums angenehm unspektakulär und eigentümlich tröstlich, gleichzeitig aber auch energetisch und perfekt korrespondierend mit der Zurückhaltung und Zartheit des Gesamtklanges. Mathias Schaffhäuser

Mathias Kaden – Three Decades (Rekids)
Silhouetten, die mit roten Blitzen kämpfen. Irgendwann zerschneidet die Morgensonne Clubluft, die Jahrzehnte alt zu sein scheint. Der Verweis auf die noch verbleibenden Stunden. Ein verrauchtes Bier. Noch eins. Stunden vor dem Corona-Stream-Bildschirm. Ein Peaktime-Set in Gera, ein Sommertrack auf Ibiza, eine Afterhour in Berlin. Drei Jahrzehnte und schließlich das Jubiläumsalbum.
Da ist die zu diskutierende Grenze, jene zwischen Kunst und Kitsch. Mathias Kadens Stimme balanciert auf ihr: Schwingt Dankesreden an die Familie, das Muna, die Rave-Gemeinde. Im Anschluss: Zeitgenössischer Eklektizismus. Die Kollaboration mit Cassy, deren Idee seit zehn Jahren auf der Kaden’schen Wartebank gereift ist. Ein lohnenswerter Prozess. „Getting Close” klingt, wie es heißt: Wohlig, warm und angenehm melancholisch. Ein eigentlicher Anfang, der das Album lieber atmen lässt. Es gibt viel zu sagen, denn: An den Vocals wurde nicht gespart, auch wenn das an der einen oder anderen Stelle notwendig gewesen wäre. „Inner Signal” tun sie aber gut und bieten ausreichend loopigen Tanzflächenlockstoff. Die letzten Tracks schlagen hart auf. Da ist viel Drop-Potenzial. Power-House eben. Das kann man zu viel finden, oder gerade richtig. Zeitlos ist Three Decades allemal, denn vor dem tanzbaren Material schwebt das stetig aufkommende Versprechen: „Never Stop. Stay Inspired.” Und das scheint jedenfalls zu fruchten. Lea Jessen
