Andreas Schneider über zehn Jahre Superbooth: „Mich interessiert die Person, die den Synthesizer gebaut hat”

- Advertisement -
- Advertisement -

Als Gründer von SchneidersLaden, Alex4 und Superbooth ist Andreas Schneider ein unverzichtbarer Bestandteil im Berliner Musik-Kosmos. Die drei Firmen sind Geschäft, Vertrieb und Messe für elektronische Musikinstrumente. Alle Zweige zeichnen sich durch eine Nahbarkeit aus, die in der Branche eher selten zu finden ist.

Nun zieht sich Schneider „im vierten Lebensabschnitt” aus der leitenden Position in die Gesellschafterrolle zurück, wie er auf seiner persönlichen Plattform Schneiders Büro schreibt. Im GROOVE-Interview im Kreuzberger Markthallen-Café erklärt er, was ihn zu diesem Schritt bewogen hat.

GROOVE: Du hast deine Rolle als Geschäftsführer bei der Superbooth und bei Schneiders Laden an Nachfolger übergeben. Warum?

Andreas Schneider: Ich will Platz für die nächste Generation machen. Mit 60 nimmt man mir nicht mehr ab, dass ich einem jungen Menschen sagen kann, mit welchem Instrument sie oder er coole Popmusik machen kann. Mich treibt zwar immer noch um, wie die Superbooth weiterleben kann, wie sie aus sich selbst heraus neue Energie schöpft. Das muss ich aber nicht mehr selbst machen, dafür habe ich coole Teams aufgebaut.

Wer führt jetzt die Superbooth?

André Kaufmann und Thomas Brandes sind Geschäftsführer, Thomas und ich Gesellschafter. Thomas ist Finanzwirt bei einem großen Musiklabel, mit ihm habe ich die Superbooth vor zehn Jahren gegründet. Wir machen auch gemeinsam Musik.

Andreas Schneider (Foto: Alexis Waltz)

Was werden die beiden in Zukunft anders machen?

Anders werden die nichts machen, es ist ja alles prima. Sie müssen allerdings darüber nachdenken, wann der Zeitpunkt gekommen ist, an dem man die Superbooth um zusätzliches Gelände erweitert. Ein anderes Thema ist, wie weit man den Synthesizer-Begriff in Zukunft fasst. Synthesizer sind nicht nur Geräte mit Tasten und Knöpfen. Eine Türklingel ist auch ein Synthesizer, Software natürlich auch.

Um noch einmal kurz zurückzublicken: Wie ist die Superbooth vor zehn Jahren entstanden?

Die Superbooth war ursprünglich der Messestand meiner Handelsorganisation, die Geräte von Doepfer oder Verbos und vielen anderen Herstellern weltweit vertreibt. Synthesizer-Produzenten haben oft kein Händchen dafür, Absatzmärkte für ihre Geräte zu finden – da brauchen sie Hilfe. Die kommt dann von uns. So habe ich die Frankfurter Musikmesse und auch die NAMM in den USA kennengelernt und verstanden, wie hochkommerziell diese Veranstaltungen funktionieren. Da ging viel Geld von Kleinstherstellern für Werbung verloren, die am Ende nichts bringt. Das versuche ich seit 25 Jahren zu optimieren.

Was hat dir da missfallen?

Wir sprechen von Musikinstrumenten – die kann man nicht so präsentieren wie einen Teppich oder ein Auto. Für Musikinstrumente braucht man zunächst mal Räume, in denen man etwas hören kann. Außerdem hat man es mit sensiblen Menschen zu tun. Das sind Ingenieure, die ihr Wissen nicht unbedingt so vermitteln können, dass Musiker:innen es verstehen. Wir sind eine Art Interface.

Was macht man als Interface?

Wir müssen die Kommunikation motivieren und moderieren. Das ist uns schon ab 2001 in Frankfurt gelungen: Dort haben wir einen kleinen Mikrokosmos innerhalb des Kommerz der Musikmesse erschaffen. Vor elf Jahren haben wir unsere Aktivitäten dann in die Selbstständigkeit überführt und sind nach Berlin gezogen. 2016 hatten wir im Funkhaus unsere erste eigene Veranstaltung. Wir sind keine klassische Messegesellschaft, wir arbeiten nur für eine bestimmte Zielgruppe – deshalb können wir mit unserem Publikum besser umgehen.

Andreas Schneider (Foto: Alexis Waltz)

Wie seid ihr auf das FEZ als Veranstaltungsort gekommen? Normalerweise spielen in dem imposanten Bau der DDR-Moderne im Berliner Bezirk Wuhlheide Kinder.

Wir sind zufällig drauf gestoßen, André hatte dort seine Jugendweihe. Für uns ist das ein Freiraum. In einer Messehalle musst du jede Steckdose einzeln bezahlen.

Worin liegen die besonderen Bedürfnisse von Musiker:innen?

Im Gegensatz zu Besucher:innen von Teppich- oder Automessen brauchen Musiker:innen auch kulturelle Inhalte, um zu verstehen, inwiefern ein bestimmtes Instrument ihre Karriere voranbringen kann. Da geht es nicht um PS oder Drehzahlen, sondern um Emotionen. Und diese Emotionen spürst du, wenn du das Gerät vor dir hast – und im besten Fall noch die Person, die es gebaut hat. Auch als Händler, der ich lange war, interessiert mich der Mensch dahinter. Letztlich geht es um Vertrauen.

Wie ermöglicht ihr, dass das entsteht?

Auf der Superbooth treffen sich Künstler:innen und Ingenieur:innen. Ingenieur:innen sind Künstler:innen einer anderen Gattung. Sie müssen miteinander ins Gespräch kommen – dann kann kreativer Austausch entstehen. Wenn mich jemand einen NDA unterschreiben lässt, dann weiß ich, dass der mir nicht vertraut.

Thema Geschlechtergerechtigkeit: Abgesehen von einzelnen Figuren wie JakoJako, die Mitarbeiterin bei euch war, interessieren sich immer noch deutlich mehr Männer für elektronische Instrumente.

Als ich mit der Materie angefangen habe, gab es tatsächlich fast nur Männer. Das hat sich glücklicherweise organisch verändert: zuerst bei den Kund:innen, dann bei den Mitarbeiter:innen. Jetzt passiert das auch bei den Menschen, die selbst Geräte bauen. Es ist schwer zu lernen, wie man einen Schaltkreis entwickelt, der etwas Bestimmtes macht. Man kann nicht einfach fragen: Wie geht das? Denn in der Regel sitzt dir jemand gegenüber, der mit Zahlen und Daten argumentiert, mit denen du erst einmal nichts anfangen kannst. Das geht mir selbst auch so.

Was tut ihr, um mehr Frauen teilhaben zu lassen?

Wir haben immer mehr nicht-männliche Künstler:innen auf den Bühnen. Inzwischen ist das ziemlich ausgewogen, das hat aber auch zehn Jahre gedauert. Wir haben mit Toni auch bewusst eine nicht-männliche Booker:in engagiert. In diesem Jahr haben wir zum ersten Mal einen Raum ausschließlich für FLINTA*. In unserem Laden gibt es außerdem FLINTA*-&-Friends-Events. Da müssen nicht alle Männer draußen bleiben, es herrscht aber ein anderer Ton, ein anderer Umgang. Auch die Herangehensweise an die Materie ist anders – das ist interessant zu beobachten.

Andreas Schneider (Foto: Alexis Waltz)

Zum Schluss: Wie macht man in zehn Jahren Musik? Gibt es dann noch Hardware?

Als ich vor 20 oder 25 Jahren damit angefangen habe, fand ich spannend, dass ein Analog-Synthesizer tatsächlich mit elektrischem Strom arbeitet. Dieser Strom bewegt sich zwischen null und fünf Volt und erzeugt dadurch Klänge. Das Überraschende für mich war: Man kann das mit ein paar einfachen Erklärungen und etwas Ausprobieren ziemlich schnell verstehen. Bei modularen Systemen ist jede Funktion klar beschriftet. Dadurch kann man mit etwas Nachdenken die einzelnen Teile so verbinden, dass am Ende ein eigenes Instrument entsteht, das genau das macht, was man möchte.

Was sagt das über die Zukunft der elektronischen Musikinstrumente?

Diese Erfahrung von Einfachheit hat die Leute glücklich gemacht. Hardware. Nicht irgendetwas, wo man etwas herunterladen muss, von dem man weiß: In drei Jahren kommt kein Update mehr, und in fünf Jahren wird es nicht mehr unterstützt. Dann wirft man es weg. Wir wollen ja alle keinen Elektromüll produzieren. Ich bin überzeugt, dass Geräte, die heute sorgfältig und respektvoll hergestellt werden, auch in 20 Jahren noch repariert werden können. Deshalb sage ich den Herstellern: Euer Gerät muss halten. Es ist doch großartig, wenn ich das meinen Kindern vererben kann und die zu ihren Kindern sagen: Guck mal, damit hat Opa schon Musik gemacht. Ich habe selbst noch einen alten Moog und eine Orgel aus meinen Kindertagen.

Aus dem Synthesizer kommt auch nicht sofort gute Musik.

Es muss nicht einmal ein Synthesizer sein. Eigentlich ist völlig egal, womit du Musik machst. Entscheidend ist, dass du überhaupt Musik machst. Das ist dieses Jahr ein bisschen meine Botschaft. Deshalb spiele ich auch Konzerte, mit denen ich sagen will: Es geht nicht in erster Linie um Technik oder um Synthesizer, sondern um die Musik selbst. Natürlich gerne mit Synthesizern, aber zuerst geht es um das gemeinsame Erlebnis.

Was für ein Erlebnis stellst du dir da vor?

Es geht um diesen gruppendynamischen Moment: gemeinsam tanzen, gemeinsam zuhören, gemeinsam etwas erleben. Ob auf der Loveparade, im Club oder einfach irgendwo auf der Straße. Geht raus, erlebt Musik und macht selbst welche. Traut euch, etwas auszuprobieren. Traut euch auch, euch zu blamieren. Nicht alles, was man macht, ist sofort gut, und es muss auch nicht jedem gefallen. Wichtig ist nur, das scheiß Handy wegzulegen.

In diesem Text

Weiterlesen

Features

Jane Fitz: „Die besten Partys sind individuelle Erfahrungen, die man gemeinsam erlebt”

In unserem Interview erfahrt ihr, warum für Jane Fitz das Auflegen eine lebenslange Mission ist, die keinen Anfang und kein Ende hat.

Karl-Heinz Blomann über sein Klangkunstfestival BLAUES RAUSCHEN: „Blaues Rauschen klingt heller, schärfer und offener als White Noise oder Pink Noise”

Was macht Klang zur Musik – und wann löst sich Musik im Klang auf? Der künstlerische Leiter der Veranstaltung gibt Einblick in die Überlegungen, die ihn bei der Gestaltung des Festivals angetrieben haben.

ost:end-Mitbetreiber Jonathan Warneck über das zukünftige Leipziger Kulturquartier Tanklager West: „Club – aber auch Kunst-Kontor, kulturelle Begegnungsstätte oder Permagarten”

Unter anderem geht es im Interview um die Professionalisierung der Clubkultur und das bürokratische Hamsterrad in Deutschland, das dem Tanklager West das Leben schwer macht.