Motherboard: April 2026

Abenteuerlustige Klänge müssen nicht laut sein, Körpermusik von und für den Körper darf ungegenständlich und elektrisch klingen. Was das aus Berlin heraus global agierende lateinamerikanisch-paneuropäische Künstler:innenkollektiv Period Music als Period Music (Other People, 13. März) veröffentlicht, ist in der Entstehung zugleich spezifisch und nah, körpernah sogar, deutlich wie intellektuell unterfüttert, abstrahiert, allgemein und abstrakt. Ohne Kontext klingt es wie eine ergebnisoffene, raumgreifende Versammlung klassisch analoger und neu-digitaler Elektronik-Experimente. Mit Kontext, mit der Poesie und der luftig zarten, grafischen Kunst des Begleitbuchs, entsteht noch etwas anderes: ein Vielmehr aus zerebraler wie unmittelbar emotionaler Klang-Kunst-Forschung. Dass so etwas Neugutes auf Nicolas Jaars Label erscheint, passt ebenfalls bestens ins offene Gesamtbild. Das Motto der Labelseite ist ja nicht umsonst ein Baustellenschild mit der Aufschrift „Excavacion Profunda”. Tiefe Ausgrabungen, in der Tat.

Midnight Zone (Awe, 13. März) von Laurel Halo begleitet eine Ausstellung des französischen Schweizers Julian Charrière im Kunstmuseum Wolfsburg, die noch bis Ende Juli zu sehen ist. Bilder aus dem Ökosystem der Ozeane, von der Oberfläche bis in die Tiefsee. Ein erhabenes, immersiv-multimediales Erlebnis, zu dem Halo einen tiefenrauschenden, submarinen Soundtrack gebaut hat, frt die Kompression und Dekompression, Druck und Maschinen, die Klaustrophobie einer Tauchfahrt unmittelbar spürbar macht, aber eben genauso die Leere und Weite der ozeanischen Tiefen. Den immensen Wert des Lebens in einer kargen Umgebung; die Fülle, die aus dem Wenigen entstehen kann.

Die kanadische Violinistin Meredith Bates weiß um die Kraft von Dauer und Persistenz. Ihre Stücke können in zwei Minuten alles gesagt haben oder in fünfundvierzig. Je nachdem, was die Musik verlangt. Bates ist eine integrative Figur der Musikszenen Vancouvers. Sie arbeitet improvisierend, interpretierend oder komponierend, akustisch, elektroakustisch reproduzierend – oder elektronisch prozessierend. Je nachdem, was die Musik verlangt. Nicht nur in der Quantentheorie gilt, dass eine Beobachtung das Beobachtete verändert. Für die Selbstbeobachtung als Musikerin im Zusammenspiel der ablaufenden Strukturen ist es nicht weniger wahr. The Observer Effect (Phonometrograph, 13. März) zieht komplexe Einsichten aus dieser an sich einfachen Erkenntnis. Es geht immer und überall um Wechselwirkungen, Energien, Bewegungen, Emotionen. Alles in einem unmittelbar verständlichen, überaus zugänglichen, oft sogar ambient-nahen Ausdruck höchster Dringlichkeit.

Über die akustischen Vorzüge der Hardangerfiedel habe ich in diesem Rahmen ja schon öfter spekuliert, zum Beispiel anhand von Orbweaver, einem transkontinentalen, crosskulturellen Projekt, an dem die New Yorker Hardanger-Virtuosin Zosha Warpeha wesentlich beteiligt war. Ihr Soloalbum I grow accustomed to the dark (Outside Time, 27. März) setzt das Instrument und ihre Stimme in einen Raum mit besonderer Akustik, den ISSUE Project Room in Brooklyn, wo Warpeha eine Residency hatte. In einem Take, quasi live eingespielt, sind die beiden jeweils ungefähr 20-minütigen Stücke nicht weniger als eine kleine Sensation. Von sparsamem Zupfen und Zittern bis hin zu intensivem Drone holen sie kreativ und klanglich mehr aus einer Soloperformance heraus, als möglich scheint. Aus gutem Grund wird dies die zweite Vinyl-Veröffentlichung des tollen Labels Outside Time.

Lange nach seinem Freitod bleibt Jóhann Jóhannsson eine Inspiration und eventuell sogar das ultimative Vorbild für die Verarbeitung von Melancholie und Schwermut bis hin zur Depression in Musik, als Musik. Der kanadische Nachwuchskomponist Matthew Patton trägt diese potenzielle Abwesenheit in Trauer bereits im Namen seines Projekts Those Who Walk Away. Sein Afterlife Requiem (Constellation, 6. März) ist zugleich Eloge und Hommage wie Remix von Jóhannssons Leben und Werk – zwei tief elegische Streichquartette, die dem Verschwinden in Stille und Vergessen akut nahe kommen, angereichert mit Noise, Skizzen und Snippets von Aufnahmen, die Jóhannsson zu Lebzeiten nicht mehr verwendet hat. Diese können zu Ambient werden, sich aber ebenso von untergründigem Rauschen und Grummeln zu heftigem Noise aufschwingen – und dabei immer tragisch wunderschön bleiben. Vielleicht ist diese Ahnung der Möglichkeit einer so angekratzten, mürbe und müde gewordenen, dennoch immensen und unerfüllbaren Schönheit das eigentliche musikalische Erbe Jóhannssons. Patton kommt ihm sehr nahe.

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