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„Rave On”: Mit Vinyl im Jutebeutel in den Darkroom

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Techno stampft durch eine Dunkelheit, die zwischendurch Strobolichter durchzucken. Dann reißt das Bild auf, ein alter Industriekomplex, aus dem es scheppert, davor eine Clubschlange am Nachmittag. „Ich will nur kurz rein, was ist los?” Kosmo, den Die Zweiflers-Star und DJ Aaron Altaras nervös-tiefgründig gibt, will nicht „’nen Link übers Internet” schicken, wie der Türsteher vorschlägt.

„Platte ist was anderes”, sagt der Producer und wird, auch weil die beiden sich kennen, doch in den Club gelassen. Drinnen will er Headliner und Pionier Troy Porter treffen, gespielt von Chicago-House-Musiker Jamal Moss alias Hieroglyphic Being, um ihm seine erste Platte seit Langem persönlich in die Hand zu drücken.

Jamal Moss alias Hieroglyphic Being spielt den DJ Troy Porter

So beginnt Nikias Chryssos‘ und Viktor Jakovleskis Film Rave On. Titel und Inhalt lassen zunächst skeptisch werden: Schon wieder ein Film über die „Techno-Szene”? Uff! Von Subkultur kann schon lange keine Rede mehr sein. Techno ist gegenwärtig überall und geistert heute gern als erzählerischer Hintergrund durch die hiesige Film- und Serienlandschaft. An der Repräsentation hakt es dabei oft.

Techno-Tapete und dokumentarische Feldforschung

Amazon Prime spann mit Beat eine abstruse, Haken schlagende Thrillerserie um einen dauerkoksenden Club-Promoter, die ARD-Serie The Next Level versuchte zuletzt auf Grundlage einer „Spiegel”-Reportage über einen Tod im Berghain halbgar von Clubkultur, Immobilienhaien und dem Nachwende-Berlin zu erzählen.

Oft geht es in deutschen Produktionen um Berlin als Projektionsfläche: Club-Mekka, Mythosmaschine. Etwa in dem Dokumentarfilm Berlin Bouncer (2019), in dem David Dietl die drei stadtbekannten Türsteher und „Exzessbetreuer” Frank Küster, Smiley Baldwin und Berghain-Sheriff Sven Marquardt, den prominentesten in der Runde, porträtiert. Natürlich zeigt Berlin Bouncer keine Bilder aus dem Berghain, Partys und die Musik spielen kaum eine Rolle.

Techno ist gegenwärtig überall und geistert heute gern als erzählerischer Hintergrund durch die hiesige Film- und Serienlandschaft.

Demgegenüber war Regisseur Romuald Karmakar als Feldforscher intensiver in der Club- und Musikszene selbst unterwegs, etwa für seine „Club Land Trilogie”: In 196 BPM (2003) beobachtete er die Berliner Love Parade 2002 in drei Plansequenzen, in Between the Devil and the Wide Blue Sea (2005) diverse Auftritte von Bands aus der internationalen Elektronikszene und in Villalobos (2009) porträtierte er Ricardo Villalobos. Letzterer gehört auch zu den Protagonist:innen in Karmakars Dokumentarfilm Denk ich an Deutschland in der Nacht (2017), in dem er aus den Geschichten der DJs Ata, Roman Flügel, Sonja Moonear, David Moufang alias Move D und eben Villalobos einen mehrstimmigen Bewusstseinsstrom aus Musik und Erzählungen wob. Wie schon in Villalobos wird gelegentlich der Kopfhörersound der DJs ausgegeben, so wird man kongenial Ohrenzeuge des Beatmatchings.

Filmischer Ketamin-Trip

Im deutschen Spielfilm allerdings sticht bis heute Hannes Stöhrs Berlin Calling von 2008 mit seiner überzeugenden Milieuzeichnung und seinem Gefühl für die Musik heraus. Dass nun der filmische Ketamin-Trip Rave On eine ähnliche Prämisse stark kinematographisch zuspitzt, erscheint folgerichtig und lässt schmunzeln. Folgte Berlin Calling breiter angelegt einem von Paul Kalkbrenner gespielten Producer auf seinem zwischen Drogen- und Beziehungseskapaden lavierenden Weg zum neuen Album, konzentriert sich Rave On ganz auf eine Clubnacht, in der ein gescheiterter Producer seinem Idol seine Platte überreichen will.

Jamal Moss alias Hieroglyphic Being legt als DJ Troy Porter die Kosmos-Platte auf

Nach dem Hickhack an der Tür erfährt Kosmo, dass Troy Porter erst in fünf Stunden spielen wird und noch nicht da ist. Der Abend soll eine Art Wiedergutmachung werden – Kosmo hatte einst einen Gig vor Porter auf Drogen versaut und damit auch seinen damaligen Partner Klaus (Clemens Schick) verprellt. Nur geht sein Plan, dieses Mal nüchtern zu bleiben, komplett in die Hose. Nach einer Pille und einer Nase vom „Dino-Keta” marodiert er mit seinem Jutebeutel durch die Gänge und den gut besuchten Darkroom – auf der Suche nach einem Zugang zum VIP-Bereich und, flankiert von Begegnungen mit alten Bekannten wie Klaus, nach sich selbst.

„Auf dem Dancefloor stampft die Musik, Körper zucken im Halbdunkeln und in den Toiletten treffen sich die Partypeople zum kalkulierten Mischkonsum von weißen Pulverlinien auf Handyfronten.”

Die filmische Prämisse ist so einfach wie auf den Punkt und eröffnet dem Regieduo, das auf tatsächlich veranstalteten Partys gedreht hat, eine immense Freiheit. Rave On folgt Kosmo immer tiefer in den Club, durch verwinkelte, bunkerartige Gänge und verschwitzte Räume. Auf dem Dancefloor stampft die Musik, Körper zucken im Halbdunkeln und in den Toiletten treffen sich die Partypeople zum kalkulierten Mischkonsum von weißen Pulverlinien auf Handyfronten.

Es geht um die Musik

Mit surrealen Ausflügen, flirrenden und teils verzerrten Bildern (Kamera: Jonas Schneider) und dem Sound von Ed Davenport verwandelt Rave On das Kino selbst in einen Club. Die formale Ekstase lässt an Gaspar Noés Climax denken, in dem die Party einer Tanzgruppe nach einer Probe eskaliert, weil jemand heimlich LSD in die Sangria-Bowle gemischt hat. Auch hier steigert sich alles in einen Taumel aus Exzess, Musik und Tanz.

Cosmo (Aaron Altaras) mit seinem früheren Musikpartner Klaus (Clemens Schick)

Doch Rave On ist nicht nur Rausch, sondern auch Reflexion. Mit Kosmos Odyssee verhandelt der Film das Gefühl einer Szene im Umbruch – zwischen Eskapismus und Abgründen, Vergangenheit und Gegenwart, Vinyl und TikTok-Artists. „Es sollte um die Musik gehen, nicht um Mode und Social Media”, sagt Kosmo. Oder er wettert mit seinem Techno-Golden-Age-Besserwissertum gegen den gegenwärtigen drop-lastigen Festivaltechno.

Im Club, dem passendsten Ort dafür, balanciert Rave On entlang der Diskussionsgräben und bringt die Konfrontation schließlich – wer hätte es gedacht? – zu einem vieldeutigen, aber irgendwie versöhnlichen Ende. Was soll man sagen: Music is the key!

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