Peter Gombas über die Wahl in Ungarn: „Menschen sangen, umarmten sich, in der U-Bahn, auf den Straßen, Autos hupten, überall High-Fives”

Ungarn atmet auf. Nach der historischen Wahl und dem Ende der Ära Orbán blickt das Land auf einen radikalen Umbruch. Doch was bedeutet der politische Erdrutschsieg von Péter Magyar konkret für die Menschen, deren Freiheit nicht im Parlament, sondern auf dem Dancefloor verteidigt wurde?

Einer, der diesen Kampf aus nächster Nähe miterlebt hat, ist Peter Gombas. Als prägende Figur der ungarischen Techno-Szene und Kenner des Budapester Nachtlebens sah er sich zuletzt mit einer „Soft-Diktatur” konfrontiert, die unter dem Vorwand der Drogenbekämpfung gezielt gegen die unabhängige Underground-Kultur vorging – in ihr herrscht eine starke Ablehnung gegenüber den Aktivitäten der Regierungspartei vor, sie ist eher oppositionell geprägt.

Im Gespräch mit GROOVE-Autor Robert Zimmermeier berichtet Gombas von einer Wahlnacht, die sich anfühlte wie ein WM-Sieg, dem plötzlichen Ende der Staatspropaganda und der Hoffnung, dass Techno in Budapest nun endlich wieder ohne Angst vor Repression existieren kann.

GROOVE: Wie geht es dir mit dem Wahlausgang in Ungarn?

Peter Gombas: Ich bin überglücklich und erleichtert. Meine Existenz und die der gesamten Underground-Kultur waren in Gefahr. Wir standen kurz vor dem totalen Chaos, aber wir haben es geschafft. In Ungarn eröffnet sich jetzt eine neue Welt!

Viele Menschen sind glücklich, dass Orbán abgewählt wurde. Nicht nur in Ungarn, auf der ganzen Welt. Was ziehst du daraus?

In den letzten Jahren war die Politik in Ungarn allgegenwärtig, jede:r hat darüber gesprochen, und der Wahlkampf vor der Abstimmung war völlig verrückt. Fidesz und Orbán setzten kontinuierlich auf Einschüchterung und Polarisierung der Gesellschaft. Wer nicht für sie war, galt als Verräter. Laut Regierung ging es bei der Wahl um Krieg oder Frieden, während die Opposition [unter Wahlsieger Magyar, d. Red.] sie als Entscheidung zwischen Ost oder West, Europa oder Russland darstellte.

Veranstalter und Aktivist aus Budapest: Peter Gombas (Foto: Privat)

In den letzten Tagen vor der Wahl bekannten sich mehrere der reichsten Menschen des Landes öffentlich gegen Fidesz. Außerdem sorgten führende Vertreter staatlicher Institutionen für Aufsehen, indem sie Missstände in und Machenschaften der Regierungspartei öffentlich machten. Am Freitag vor der Wahl traten 50 Bands auf dem Heldenplatz in Budapest vor Hunderttausenden Menschen auf und warben für einen politischen Wandel. Die Wahl selbst endete mit einer Rekordbeteiligung von 80 Prozent.

Wie wird der neue Ministerpräsident Péter Magyar die Clubkultur Ungarns beeinflussen?

Magyar hat mit seiner Oppositionspartei Tisza die Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament gewonnen. Das heißt: Sie kann die Verfassung ändern. Die alte Regierung hat viele Gesetze zu einer Soft-Diktatur ausgelegt. Es ging nur noch um die Macht. Als sie das Gesetz gegen Drogenkriminalität umgesetzt hat, ging es nicht um Drogen. Es ging darum, die Clubs mit fadenscheinigen Argumenten schließen zu lassen, um gegen die regierungskritische Underground-Kultur vorzugehen. Das wird sich jetzt ändern. Der Underground hat wieder eine Chance.

Nicht nur im Budapester Club Arzenal darf wieder gefeiert werden (Foto: Peter Gombas)

Wie hast du die Wahl erlebt?

Am Wahltag fand vor dem Parlament eine Technoparty statt, schon am Nachmittag mit mehreren Tausend Menschen. Die Energie war besser, als ich es je in Budapest erlebt habe. Zuerst fühlte es sich an, als könnte es der letzte Tanz sein: Wenn wir verlieren, bewegt sich Ungarn in Richtung einer totalen Diktatur. Dann stand fest: Magyar gewinnt mit überwältigender Mehrheit. Ich habe ständig mein Handy aktualisiert. In der ganzen Stadt herrschte eine unglaubliche Stimmung – als hätten wir eine Fußball-Weltmeisterschaft gewonnen. Menschen sangen, umarmten sich, in der U-Bahn, auf den Straßen, Autos hupten, überall High-Fives. Wirklich geglaubt habe ich den Sieg aber erst, als die Nachricht kam, dass Orbán dem neuen Ministerpräsidenten gratuliert hat.

„Der Underground hat wieder eine Chance.”

Welchen Ausblick hat die Techno-Szene in Ungarn nun?

Wir wachen nach der Wahl in einer neuen Welt auf. Zuvor stand die gesamte öffentliche Medienlandschaft unter Kontrolle der Regierung, es lief nur Propaganda – wie in den dunkelsten Zeiten des Kommunismus. Umso erstaunlicher ist es, jetzt wieder Fakten zu hören. Péter Magyar trat erstmals im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auf, und viele ältere Menschen, die ihn zuvor – aufgrund der Propaganda – für „den Teufel” hielten, hörten ihn zum ersten Mal sprechen und erkannten, wie sympathisch er ist. Immer mehr Menschen begreifen, dass sie von der alten Regierung getäuscht wurden.

Es ist nun eine Welt, in der man keine Angst haben muss, dass rückwirkend Gesetze erlassen werden, die die eigene Existenz oder das eigene Unternehmen zerstören; in der Minderheiten nicht stigmatisiert werden und in der es keinen „Krieg gegen Drogen” gibt, sondern echte Fachpolitik, die auf Schadensminimierung statt Kriminalisierung setzt.

Das Turbina in der ungarischen Hauptstadt gehört zu den größeren Clubs der Stadt (Foto: Peter Gombas)

Wenn man jetzt nach Budapest fährt und feiern will, welchen Club sollte man besuchen?

Einer meiner Lieblingsclubs ist Fabrika. Da passen circa 100 Leute rein, es herrscht wirklich ein Underground-Vibe. Andere gute Clubs in Budapest sind zum Beispiel: Turbina, Arzenál oder Kassa Boat. Im Sommer öffnen in Budapest zahlreiche Open-Air-Locations. Ein gutes Beispiel dafür ist die Viadukt Bar am Pester Donauufer, das in der warmen Jahreszeit für den Autoverkehr gesperrt und für Fußgänger freigegeben wird. Mit einem der schönsten Panoramen der Stadt sowie einem spannenden Programm aus etablierten und aufstrebenden ungarischen Underground-DJs und Bands – bei freiem Eintritt. Wenn du in Budapest bist, solltest du hier auf jeden Fall vorbeischauen!

Und wie sieht es mit Festivals aus?

Wir haben viele starke Festivals. Sziget kennen sicher viele, es ist riesig. Undergroundiger ist da schon Alkotótábor. Da treten zum Beispiel Acts wie Oscar Mulero auf – und vor allem ungarische Locals.

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