16 Monate ist das Watergate nun schon geschlossen. Von Auflösungserscheinungen kann aber keine Rede sein, die Vorbereitungen für die Open-Air-Saison gehen in die letzte Runde. Beim GROOVE-Besuch im neuen Watergate-Office standen uns drei Teammitglieder Rede und Antwort: Jacques Janzen, der für die Außendarstellung verantwortlich ist, Jens Mayweg, der sich der inneren Prozesse angenommen hat, und Uli Wombacher, der als Elder Statesman im Hintergrund berät und Kontakte herstellt.
GROOVE: Ihr startet am kommenden Wochenende in die Open-Air-Saison. Wie ist die Stimmung im Team?
Jacques Janzen: Unser letztes Event war im September, und nach einer so langen Zeit ist es natürlich schön, eine umfangreiche Saison vor sich zu haben. Wir kommen ursprünglich aus dem Clubbetrieb, da arbeitet man jede Woche sehr eng mit dem Team zusammen und sieht dann direkt das Ergebnis der ganzen Arbeit. Seit der Schließung des Watergate fehlen uns dieser ständige Kontakt und Austausch, auch mit den DJs und den anderen Beteiligten. Das kommt mit den Open Airs in geballter Form zurück. Da sind noch deutlich mehr Leute involviert.
Um den Leser:innen ein Bild zu geben: Wie viele Besucher:innen habt ihr da, wie viele Events sind 2026 geplant?
Jacques Janzen: Wir veranstalten in dieser Saison am SAGE Beach erstmals sechs Watergate-Open-Air-Veranstaltungen, im Mai haben wir direkt zwei und dann jeden Monat ein Event.

Mit wie vielen Gästen rechnet ihr?
Jens Mayweg: Das SAGE hat zwei Floors, damit liegt die Kapazität bei circa 2.000. Die beiden Floors haben jeweils ungefähr eine Kapazität von 1000 Besucher:innen. Das ist schon etwas anders als im laufenden Clubbetrieb und geht eher in Richtung Festival, auch was das Marketing angeht.
Wo liegen die Unterschiede?
Jens Mayweg: Eigentlich produzieren wir sechs einzelne Festivals. Wir wollen unsere musikalische Breite zeigen, aber auch die Breite unseres Publikums. Das Watergate war immer ein Ort für alle, sowohl musikalisch als auch menschlich. Nicht nur für Berliner:innen, sondern auch für internationale Gäste. Bei den Künstler:innen sieht das genauso aus. Das wollen wir in die neue Festivalsaison transportieren.
Wie seid ihr das Booking angegangen?
Jens Mayweg: Wir haben zwei Floors. Die geben uns die Möglichkeit, musikalisch in die Breite zu gehen. Das ist unser Ziel für die Veranstaltungen. Viele Acts haben früher im Watergate gespielt und sind schon lange mit uns verbunden. Gleichzeitig ist es uns wichtig, sich weiterzuentwickeln, neuen Künstler:innen eine Chance zu geben, uns nicht nur zu konservieren. Ich glaube, das Watergate hat als Marke diese Verantwortung.

Wie gestaltete sich der Übergang vom Clubbetrieb zu den Open Airs im letzten Jahr?
Jens Mayweg: Wir haben im SAGE ja schon vorher Veranstaltungen gemacht, deswegen war das nicht ganz so neu für uns. Wir wussten, dass wir das auf jeden Fall machen wollen, um die Menschen zusammenzuhalten, aber auch um zu zeigen, dass es weitergeht. Die Resonanz war schon im Vorfeld super. Die Leute wollten es, das Personal wollte es, die Stadt Berlin wollte es auch. Das hat uns schon bei der ersten Veranstaltung so eine Motivation gegeben, dass wir gesagt haben: Ey, das entwickeln wir.
Das ist eine wichtige Erkenntnis in der Debatte darüber, ob Berlin am Ende ist: Wir verlieren vielleicht die guten Spots, aber wir verlieren nicht die guten Leute
Wie hat sich überhaupt der Gedanke ergeben, nach dem Ende des Clubs das SAGE-Format weiterzuführen?
Jens Mayweg: Wir haben alle bis zuletzt darum gekämpft, dass das Watergate weitermachen kann. Als dann die letzte Party vorbei war, stellte sich schon die Frage, was jetzt kommt. Als sich die Möglichkeit ergeben hat, diese Events zu machen, war die Euphorie groß.
Was gefällt euch am SAGE?
Jens Mayweg: Das SAGE ist eine tolle Location mitten in der Stadt. Berlin ist immer weiter auseinandergegangen, die Clubszene zieht sich inzwischen von Spandau bis nach Schöneweide. Einen Ort mitten im Zentrum zu haben, fühlte sich für uns gut und richtig an. Vielleicht auch ein bisschen wie das alte Berlin.

Uli Wombacher: Es war auch toll zu sehen, dass mit der Location des Watergate nicht alles verschwunden ist, dass die Leute die Seele des Clubs sind. Alle, die hier arbeiten und das Ganze organisieren, und auch das Publikum. Der Vibe des Watergate hat sich meiner Meinung nach extrem gut in die neue Location transportiert, das haben die Leute gemerkt. Das ist natürlich eine wichtige Erkenntnis in der Debatte darüber, ob Berlin am Ende ist: Wir verlieren vielleicht die guten Spots, aber wir verlieren nicht die guten Leute.
Das ist auch eine schöne Antwort auf die Frage, was ein Club nach 20 Jahren noch ist.
Uli Wombacher: Deswegen sitzt ihr eigentlich hauptsächlich mit den Jungs hier, und weniger mit mir. Der Wandel in den Strukturen im Club ist total wichtig. Berlin stagniert in gewisser Weise, wahrscheinlich auch deswegen. Stellt man alle Clubbetreiber aus Berlin nebeneinander, dann würde man sehen, dass der Altersschnitt ganz schön hoch ist. Ich finde es gut, dass die Jungs diesen Heritage-Gedanken übernommen haben, aber mit einem eigenen Konzept.

Fällt es dir schwer, loszulassen?
Uli Wombacher: Ich vertraue den beiden, sie haben ein gutes Gespür dafür, wohin es gehen soll. Wenn ich das nicht akzeptieren könnte und ständig mein Veto einlegen würde, dann wäre das sehr zum Nachteil des Watergate. Was uns natürlich trotzdem einen großen Vorteil verschafft, sind die gewachsenen Strukturen, die 20 Jahre in der Branche mit sich bringen.
Es ist heutzutage fast unmöglich, sich als Club nochmal so eine Stellung zu erarbeiten, wie ihr sie habt.
Jens Mayweg: Auf jeden Fall. Aber ich glaube schon, dass man schnell verschwinden kann, wenn man als Marke nicht an sich arbeitet. Das Geschäft ist wahnsinnig schnelllebig. Wenn man nichts macht, bringen die Erfahrungen und Netzwerke nicht mehr viel.
Wo liegt das Potenzial?
Jens Mayweg: Die Szene ist so bunt, und es gibt so viele Menschen, die zu elektronischer Musik zusammenkommen wollen. Wir sehen auch bei unseren Partys immer wieder, dass dort alle Generationen vertreten sind. Das Watergate hat immer schon versucht, jungen Formaten und Künstler:innen eine Bühne zu geben, und das möchten wir auch weiterhin machen. Wir tragen mit unserer Reichweite fast schon die Verantwortung dafür.

Habt ihr auch mal darüber nachgedacht, wieder in eine feste Location zu gehen – abseits von der Eventreihe, die im September wieder beendet ist?
Jens Mayweg: Auf jeden Fall, wenn sich das gut anfühlt.
Der Club steht ja noch leer, oder?
Jens Mayweg: Der Club steht noch leer, ja.
Ihr müsstet doch jetzt die Versuchung haben, zum Vermieter zu gehen und zu sagen: Wir machen jetzt doch weiter.
Uli Wombacher: Das wird nicht passieren, das kann ich dir sagen. Es stellt sich immer noch die Frage, ob die andere Seite überhaupt Interesse daran hat. Die Motivation, aus der heraus wir was entwickeln wollen, ist beim Eigentümer in der Form vielleicht gar nicht vorhanden. Der hat viele längerfristige Pläne. Wenn das Haus drei Jahre lang aussieht wie ein Shithole, ist das für ihn vielleicht gar nicht relevant. Weil er für in vier, fünf, sechs Jahren einen Plan hat.
Das muss ihm ja schon ein bisschen wehtun, alleine wegen des Mietausfalls im mittleren sechsstelligen Bereich.
Uli Wombacher: Wir hatten ja auch ein Angebot, aber das hat sich für uns einfach nicht gerechnet.

Empfindet ihr noch so was wie Begehrlichkeit in Bezug auf diesen Ort? Oder denkt ihr eher an was Neues?
Uli Wombacher: Der Ort ist schon extrem mit uns verbunden. Wir kennen den in- und auswendig. Aber auch die neue Herausforderung, außerhalb dieser Location, ist für eine Marke wie Watergate total interessant. Da erlebt man die Wertigkeit der Marke. Als wir die Entscheidung, das Watergate zu schließen, damals in den Medien angekündigt haben, hatte ich das Gefühl, die Leute warten nur darauf, dass ich als Clubbetreiber den Niedergang der Stadt verkünde. Das habe ich natürlich nicht gemacht.
Berlin ist leider nicht mehr der Ort für die globale Techno-Kultur, an dem man einfach nicht vorbeikommt.
Jens Mayweg: Viele Künstler:innen, die damals bei uns gespielt haben, sind heute in Ibiza, Tulum und so weiter unterwegs.
Nochmal ausdrücklich: Wir haben nichts Konkretes bezüglich einer neuen Location
Um nochmal bei euch zu bleiben: Es gibt auch viele Beispiele, bei denen eine neue Location gut funktioniert hat: Tresor, Ostgut, Berghain, Heide etwa.
Jens Mayweg: Du möchtest uns motivieren, eine neue Spielstätte zu suchen. (schmunzelt) Wir wollen ja auch spielen, wir suchen durchaus.
Jacques Janzen: Und wir lieben es natürlich, die Anlage aufzudrehen. Am liebsten würden wir das an jedem Wochenende machen. Aber nachdem man einen Ort in der Lage, mit dem Ausblick, mit den Sonnenaufgängen hatte, der so ein totales Juwel war, ist es schwierig, einen Raum zu finden, der diesem Anspruch gerecht wird.

Jens Mayweg: Vielleicht ist es auch gut, erst mal durchzuatmen. Wir wollen die Magie des Watergate trotzdem erhalten und sie vielleicht wieder ein bisschen größer machen. Bei den Open Airs letztes Jahr haben wir gemerkt, dass noch total viel Energie da ist. Dieses Jahr legen wir nochmal eine Schippe drauf. Nächstes Jahr wird Watergate 25 Jahre alt. Das ist beeindruckend – da wollen wir natürlich auch was Beeindruckendes liefern. Aber nochmal ausdrücklich: Wir haben nichts Konkretes bezüglich einer neuen Location. Wie Jacques sagt: Es gibt viele Faktoren, die dafür passen müssen.
Vielleicht ist es in der heutigen Zeit sinnvoller, nicht mehr nur an einen Ort gebunden zu sein, sondern sich eher als Veranstalter zu betätigen.
Uli Wombacher: Als ich vor über 25 Jahren angefangen habe, war so ein Nomadendasein ja normal, wir sind damals von Spielstätte zu Spielstätte gezogen. Die ganze Legacy des Watergates hat so begonnen. Ich sehe das auch als große Chance, etwas zu entwickeln.
Es gibt zur Zeit fast schon ein Überangebot an Partys in Berlin.
Uli Wombacher: Ich glaube, diese Obdachlosigkeit ist auch ein gewisser Segen. Aber spätestens, wenn du ein Booking machen willst und nicht frei aus dem Kalender wählen kannst, merkst du, dass eine feste Location auch ihre Vorteile hat. Der Club war für uns alle mehr als ein Arbeitsplatz. Das war ein Heimathafen und Lebensraum. Natürlich hast du nach mehr als 20 Jahren eine Identifikation mit dem Haus.