Der Kolumnist hadert mit der sogenannten Neoklassik ziemlich und verzweifelt regelmäßig ob der Annahme und Anmaßung, dass diese Kompositionen mehr Inhalt transportieren als nur eine bestimmtes Design von Sound. Nämlich eben den irgendwie doch klassischen Anspruch, die ganze westeuropäische ernste Musikgeschichte verinnerlicht zu haben und abzubilden. Wie gut, dass die Frühjahrskollektion der neuen Romantik aus akustischen Instrumenten in dieser stillen Saison erstmal alles andere sein möchte und darf als Neoklassik in diesem Sinn.

Sie kann zum Beispiel zu intensivem, körperwarmem Drone werden, wie es die amerikanische Cellistin Clarice Jensen vormacht. Sie beherrscht die Interpretation Neuer Musik im Ensemble ACME ebenso leicht wie die Zuarbeit als Sessionmusikerin für avancierte Indie-Acts wie Arcade Fire, Dirty Projectors, oder Joanna Newsom und High-End-Soundtracks von Max Richter oder Jóhann Jóhannsson. Ihre raren eigenen Arbeiten waren schon immer seltene Ausnahmen im Neoklassik-Business, weil sie sich weder auf zeitgenössische Komposition oder Elektroakustik festklopfen lassen wollten noch auf Postrock oder Filmscore. The Experience of Repetition as Death (130701/FatCat) ist maximalistisch und doch leise und zart, formal, kompositorisch komplex, modern und doch ganz simpel und plättet mit einem ultra-massiv loopigen Stück aus Orgel, Cello und Donnergrollen, das eine Hommage an Philip Glass’ Soundtrack zu Koyaanisqatsi sein könnte, die Konkurrenz mal eben weg. Der Track nennt sich „Holy Mother”, was wirklich keine Fragen offen lässt. Ob es wohl am Instrument liegt, das diese Art von Offenheit begünstigt? Die hier immer gerne erwähnten Hildur Guðnadóttir oder Resina beherrschen diese Art von Brückenbildung, die eben kein Crossover wird, ähnlich souverän.

Bäver (Plugged Records/Disorder) der schwedischen Schwestern Eva Lindal und Anna Lindal nimmt die westliche Neo-Tradition mit Hilfe von nordischem Folk-Drone und Improv-Minimalismus auseinander. Violine und Viola umkreisen sich, bedienen sich sämtlicher Möglichkeiten der Moderne, des Nicht-Spielens, des atonalen Quietschens und Klapperns und gelangen doch immer wieder zu intimen intensiven, ja, „Songs” aus vorwiegend Stille.

Des Eindrucks, dass der Überlapp von klassischer Moderne und New-Age-Klängen schon mal größer war und das Ergebnis dieser Fusion weiter vorne als heutzutage üblich, kann man sich beim Wiederhören des kalifornischen Komponisten Craig Kupka kaum erwehren. Kupka hat für modernes Tanztheater komponiert, vor allem die Kompanie seiner Frau Nancy. Und er hat in der Reihe New Music For Relaxation funktionale Klänge veröffentlicht, die klangtherapeutisch begleitend zur Meditation gedacht waren und zum allgemeinen Wohlbefinden beitragen sollten – auf der Basis der zeitgenössischen Neuen Musik konstruiert allerdings. Crystals (Smithsonian Folkways Recordings), die zweite Folge dieser Serie von 1982, interpretiert diese vermeintlichen New-Age-Klänge mit einem Wagemut, der aktuell selten zu hören ist. Zwitschernder Early-Synthesizer-Ambient mit Field Recordings und Klangschalen-Freakout treffen hier auf einen langen weltentrückten wie atonalen Blechbläser-Drone. Das Wellness-Spa, in dem so etwas läuft, hätte ich gerne mal besucht.

Wobei es sie noch gibt, die wagemutig experimentellen Dinge, die offen und zugänglich daherkommen, in Momenten sogar entspannend. Von der finnischen Schwedin Marja Ahti zum Beispiel. Ihr zweites Solowerk The Current Inside (Hallow Ground, 8. Mai) bindet Grundlagenforschung am Synthesizer mit elektroakustischen Soundscape-Ideen in kurze disruptive Drones. Der Klang elektromagnetischer Felder mit dem Klang von Räumen und Orten verbunden. Cutting-Edge-Komposition und Dark Ambient zugleich. Nicht selten kommt das Craig Kupkas ungewöhnlichen Meditationsklängen erstaunlich nahe. 

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