Sogar (oder gerade) im glücklichen Österreich haben sich Netzwerke des Seltsamen gebildet. Die Szene um die Wiener Ventil Records zum Beispiel. Deren jüngster Kollaborationserfolg ist von David Schweighart alias Schrecken & Peter Kutin. The Trouble With Being Born (Ventil) ist der Soundtrack zum gleichnamigen Film von Sandra Wollner und oszilliert zwischen staubtrockenem Dark Ambient und nostalgischem Retro-Pop und Swing. Ohne Bilder wirkt das in der Abfolge manchmal leicht bizarr, aber tadellos.

Wenn eine prominente Crossover Künstlerin wie Laurel Halo einen Soundtrack fabriziert, hat das nochmal eine ganz andere Durchschlagskraft und zieht im Zweifelsfall sogar eher den Film ins Licht der Öffentlichkeit als umgekehrt der Film die Klänge. Das experimentelle Filmessay des niederländischen Designkollektivs Metahaven und Regisseurs Rob Schröder könnte so ein Fall sein. Für den Soundtrack zu Possessed (The Vinyl Factory), einer filmische Collage aus Social-Media-Fundstücken, verfremdeten YouTube-Choreografien und elegischen Momenten der Selbstreflexion hat Halo ihren Sinn für melancholische Pop-Momente mit ihrem starken Willen zum Experiment perfekt ausbalanciert und versetzt morsche, digital gealterte Neoklassik mit hyperakuter modernistischer Elektronik in Schwingung. Das vibrierende Smartphone gibt den Rhythmus vor.

Der mitteljunge Finne Jarmo Hutha hat als Twile bereits eine moderate Karriere in Electronica gemacht und mit Klanginstallationen diverse Sound-Art-Festivals bespielt. Sein Debüt unter Eigennamen geht in eine leicht andere Richtung, nämlich Piano-zentrierte Neoklassik, bleibt aber vergleichsweise experimentell. Midair (Midira) fusioniert das digital erweiterte Klavier mit Klängen aus nordischem Folk, Field Recordings vor allem von Sprechstimmen und freier Improvisation. Das Album wirkt dadurch leicht disparat, aber durchwegs interessant. Die Soundklischees und den Kitsch aus der pianistischen Neoklassik herauszulösen ist eben eine herkulische Aufgabe, der sich Huhta gewachsen zeigt.

Der japanische Sound Artist FUJI||||||||||TA lotet auf Iki (Hallow Ground) den Atem (nichts anderes bedeutet iki) seiner selbst gebauten Orgelpfeifen aus. Die minimalistischen Drones dieses Instruments sind gleichermaßen meditativ wie nervenzehrend, da sie mikrotonal immer ein paar Cent neben den westlich-traditionell definierten Tonarten spielen. Zudem spielen Umgebungsgeräusche, das Zittern der Orgelpfeifen und nicht zuletzt der Luftpumpe der Orgel eine wichtige Rolle. Wie im japanischen Ambient üblich, werden diese nicht ausgeblendet oder weggefiltert, sondern dürfen gleichberechtigt mitspielen. Der hier weitgehend unbekannte Yosuke Fuita ist eine weitere tolle Entdeckung des durchweg interessanten Luzerner Labels Hallow Ground. 

Der Graphic Score ist ein Kreativwerkzeug, das von Komponist*innen der Neuen Musik von Györgi Ligeti bis Jennifer Walshe ebenso gerne eingesetzt wurde wie von Jazzern wie Wadada Leo Smith, um die Grenzen der regulären Tonalität zu überschreiten und dabei noch eine über die Musik hinausgehende, ansprechende Multi-Ästhetik zu entwickeln. Im Postrock ist die grafische Notation dagegen eher selten zu finden. JOYFULTALK, die Ein-Mann-Band des Kanadiers Jay Crocker, ist also quasi ein Pilotprojekt. Die nach Art von George Crumb in kleinteiliger Grafik niedergeschriebenen Instrumentalloops von A Separation Of Being (Constellation) sind mit einer hörbaren mentalen wie körperlichen Kraftanstrengung eingespielt, die die luftige Zartheit des Scores Lügen straft. Die drei extrem dichten und verschlungenen Stücke zitieren Smith und den Fusion-Jazz der Siebziger ebenso wie Synthesizer-Kraut und psychedelischen Progrock derselben Dekade. Die klare Produktion und das perkussive Poltern der selbstähnlichen Loops ist allerdings hundert Prozent 2020.

Géante 4 (Ideologic Organ) vom Abstrakt-Doom-Priester Stephen O’Malley fußt ebenfalls auf einem grafischen Score und gibt sich erstaunlich handzahm, erfreulich warm. Das ist Drone, aber beinahe Ambient (ohne Dark-Präfix), Elektroakustik, aber beinahe Klassik (ohne Neo), beeindruckend und beinahe schön (aber freut euch nicht zu früh).

Mit bogengestrichener Gitarre und Elektronik, gerne etwas lauter, dunkel und schier endlose melancholisch? Das kann nur Rafael Anton Irisarri sein. Es ist schon fast absurd bis sarkastisch, mit welch gleichbleibender Qualität der New Yorker seinen Stiefel auslatscht. Peripeteia (Dais, 22. Mai) ist schon wieder, schon immer unglaublich schmerzhaft schöner Drone-Ambient, der wirklich keine Fragen offen lässt. Exakt wie immer. Exakt genial großartig.

Richtiggehend superschön wird es dann bei der halbakustischen Ambient-Supergruppe von Golden Retriever and Chuck Johnson. Interessant, denn alle drei Beteiligten können bekanntlich ziemlich kräftig zupacken, wenn es um abstraktes Geräusch und körnig-dunklen Noise geht. Ihre Kollaboration Rain Shadow (Thrill Jockey, 15. Mai) ist dagegen durchgehend himmlischer, sonnwarmer Drone-Wohlklang aus Pedal Steel, Gitarre und fließender Elektronik. Auch so eine Art Wüstencountry-Ambient-Soundtrack. 

Das abstrakte Synthesizer-Pendant zu Golden Retriever and Chuck Johnson bildet der Modular-Wizard C.R Gillespie ganz allein. Die Concentration Patterns (Hidden Harmony, 1. Mai) beginnen als ausgeruhtester Ambient, wabern gut 80 Minuten lang komplett ziellos und funktionsfrei, aber dafür umso wunderschöner vor sich hin, bis sie irgendwann in einen psychedelischen Inner Space wegdriften. Sehr beeindruckend, wie Gillespie hier den elektrischen Atem lang hält.

Das sehr clever Third Album (Constellation, 1.Mai) betitelte dritte Album des frankokanadischen Shoegazers Markus Lake alias Markus Floats gießt das Sentiment, das in den oben genannten Acts in epischer Länge ausgebreitet wird, in knappere, konzentrierte Stücke, die nach Eigenauskunft vom malerisch-abstrakten Expressionismus informiert sind. Das mag gerne so sein, macht aber gar nichts. Denn davon abgesehen, läuft bei Markus Floats genau dassselbe genau richtig wie bei den anderen beiden.