Die Berliner Vielseitigkeitskünstlerin Theresa Stroetges alias Golden Diskó Ship posiert auf ihren aktuellen Promofotos mit Papageienschnabel-Kugelfisch und Eule. Die Wahl der Spezies für die Bilder gibt Einblick in die Entwicklungsrichtung ihres vierten Albums Araceae (Karaoke Kalk, 29. Mai): Gleichermaßen komisch und eigenwillig wie ultimativ mehrheitsfähig, von Anthropozän und Klimawandel-Awareness informiert. Stroetges Soundverständnis hat sich auf ähnliche Weise vergrößert und verfeinert. Die charmante Lo-Fi Heimorgel-Indietronica der frühen Tage steckt hier immer noch drin, ist aber um breitschultrige Profi-Arrangements mit Streichern und Tribal-Drums erweitert. Oder um trockenen Achtziger-Synth-Funk der an YMO und andere Acts der japanischen Boom-Jahre erinnert, gefiltert durch eine Berliner Club-Sozialisation. Zusammen ergibt das angenehm avantgardistischen wie voluminösen Pop, der in seinem kontinuierlichen Wandel sogar auf singulär offensichtliche Hits wie zuletzt „Pacific Trash Vortex” verzichten kann. Hier ist jedes Stück ein Hit – oder keines.

Little Dragon aus Göteborg haben auf einem anderen Popularitäslevel eine vergleichbare Entwicklung durchgemacht. Mit dem Dasein als eher normale Synthpop-Band haben sie sich offenbar schnell gelangweilt und ihren Sound mit den Jahren komplexer und unterschwellig seltsamer gemacht, sich aber nie gescheut, die Euphoriemomente in der Indie-Disco zu bedienen. Die Spannung, die so entsteht und die New Me Same Us (Ninja Tune) wieder besonders macht, speist sich aus der forcierten Zurückhaltung des smoothen, ebenfalls an die J-Pop-Achtziger angelehnten Boogie-Funk, der die Basis ihrer Stücke ausmacht und dem stabil subtilen Songwriting – und natürlich der alles überstrahlenden aber doch immer zurückhaltend eingesetzten Soul-Stimme Yukimi Naganos.

Wo wir gerade bei den guten Stimmen sind: als Session-Stimme in diversen Wiener Electro-Pop-Projekten, vor allem bei Aramboa, veredelte Elena Shirin elektrisch glimmenden Trip-Hop zu Neo-Soul. Ihr Solodebüt From A To Be (RAR/Motor, 15. Mai) klingt noch stärker nach Soul in Nachfolge von Erykah Badu, Lizz Wright, Jamila Woods oder sogar Alicia Keys – aber eben auf eine Weise nacherzählt, die für das Motherboard relevant ist. Was ganz einfach klar wird, wenn man Shirin in der Playlist mit einer Produktion ohne Vocals konfrontiert.

Zum Beispiel mit Time (Sonderling, 8. Mai) von Christoph Dahlberg. Der ordentlich durchtätowierte und -gepiercte Neubrandenburger, der inzwischen im Mecklenburgischen lebt, macht Kunst am Bau und in eigenen Worten „melodramatische Elektronika” als Clicks and Errors. Das Debüt als Vollzeitmusiker unter seinem eigenen Namen ist eine extrem entspannte wie durchdachte Angelegenheit. Dahlberg legt flockigen IDM oder leichten Broken Beat Techno unter elegante Instrumental-R’n’B-Tracks. Gekonnt umschifft er dabei die üblichen Fettnäpfchen der intelligenten Elektronik, zu viel Testosteron in die Tracks zu legen, zu progig, zu üppig, zu hibbelig sein zu wollen. Die Trip-Hop-nahen Stücke mit Gastsängerin, auf denen sich die Instrumentalbegleitung zu hundert Prozent in den Dienst der Stimme und des Songs stellt, beweisen dies eindrücklich.

Oder mit der tollen Entdeckung Spring In A Small Town des japanischen Labels Flau. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich der britische Newcomer George Cloke, der auf seinem gleichnamige Debüt Spring In A Small Town (Flau, 15. Mai) urbane Signale aus der tiefsten ländlichen Provinz Südbritanniens gen Zentrum sendet. Sample-R’n’B und entspannter, aber nie verkifft wirkender Instrumental-Hip-Hop. Schnappschüsse aus der Kleinstadtidylle mit der Wirkkraft des Metropolen-Underground, aber ohne dessen Stressgrundierung.

Was sich ebenso über Farewell To All We Know (Ici dailleurs), das siebte Soloalbum von Matt Elliott, sagen lässt. Elliott, der 1996 als Third Eye Foundation mit dem eiskalten Brutalismus von Semtex Drum’n’Bass-Geschichte schrieb, agiert seit geraumer Zeit als sonorer Stimmträger für düster-existenzialistische Brit-Folk-Tunes zu karger, aber brillanter Akustikgitarren-Begleitung. Die Loopyness seiner Stücke, ihr Verzicht auf Refrain und Steigerungslogik, rückt sie eher in die Nähe von Elliotts Dark-Ambient- und Post-Industrial-Produktionen, als sie einen neuen Leonard Cohen aus ihm machen würde. Ebenfalls alte Geschichten, auf eine Weise neu erzählt, die für das Motherboard relevant ist.