Schon Bergfest? Schon Bergfest. Nach einem mehr als ätzenden 2017 geht es 2018 weiterhin bergab und dass alle lieber gleich feste aufs Gaspedal drücken, hilft auch nicht sonderlich weiter. Musik kann da als tröstlicher Puffer fungieren oder sogar zwischendurch mal gehörig aufs Bremseisen steigen. Halt, stopp, Schulterblick und Hände wieder auf Viertel vor Drei: Wir fahren jetzt noch mal los, diesmal aber umsichtiger. Zehn Platten voll von solchen Fahranweisungen hat die Groove-Redaktion ausgesucht, auf dass für die zweite Hälfte des verflixten neuen Jahres zumindest der Soundtrack stimmt. Und weil wir fair sein und niemanden übervorteilen wollen, gibt es die LPs nur in alphabetischer Reihenfolge zu genießen. Ohren auf im Straßenverkehr!

10. Blawan – Wet Will Always Dry (TERNESC)

In einer Zeit, in der sich viele Techno-Producer schon genau überlegen müssen, inwiefern sie künstlerischen Anspruch, formatspezifische Vorgaben und eine allgemein recht kurz bemessene Aufmerksamkeitsspanne unter einen Hut bekommen, ist so ein Debütalbum, wie es Jamie Roberts nun unter seinem Blawann-Alias vorgelegt hat, schon ein mutiges Statement. Obwohl der Brite in der letzten Zeit mit seinen zwei neuen Aliase Bored Young Adults und Kilner auch Musik abseits des Dancefloors und somit im klassischen Sinne albumgerechter produziert hat, ist Wet Will Always Dry einfach ein starkes Bekenntnis zum bangenden Techno-Tool. Keine Ambient-Passagen, die ein Erzählbogen aufzuspannen versuchen, kein Orchester, das ins Studio geladen wurde – dafür gibt es hier acht sehr gute, hochenergetische Techno-Tracks ohne irgendwelche Nostalgie-Referenzen. Ein pures DJ-Album – und das mit dem Blawan-typischen Punch. (Thilo Schneider

9. DJ Koze – Knock Knock (Pampa)

Wer elektronische Musik vor allem hört, weil er an zuvor noch nicht gehörten Sounds, neuen Songstrukturen und überraschenden Arrangements interessiert ist, der wird für DJ Kozes aktuelles Album Knock Knock kaum etwas übrig haben. Innovativ klingt hier nichts und unerwartete Haken werden – anders als auf vielen Platten in Stefan Kozallas Backkatalog – hier auch nicht geschlagen. Tatsächlich klingt zum Beispiel „Pick Up“, das sich gerade zu einem der Hits des Sommer entwickelt, mit seinem Gladys-Knight-Sample ganz schamlos wie französischer Filter House zu seiner Blütezeit vor 20 Jahren.

Was DJ Kozes erstes Album seit Amygdala vor fünf Jahren hingegen ausmacht ist weniger die Palette an Klängen als die Vielfalt an Gefühlen, die die 16 Stücke hervorrufen – zwischen Herzschmerz und Glückseligkeit, Sehnsucht und Euphorie. Mit sicherer Hand wechselts Kosi zwischen Stimmungen und Tempi. Und anders als es die Vielzahl an Gästen (unter anderem Lambchops Kurt Wagner, Rapper Speech, Bon Iver als Sample und gleich zweimal Pampa-Künstlerin Sophia Kennedy, sowie Róisín Murphy) vermuten lässt, gehört es zu den Errungenschaften von Knock Knock, dass das Album ein großes, abwechslungsreiches Ganzes ergibt. DJ Koze ist mit diesem Album sein bislang bester Pop-Wurf gelungen – und einer der nebenbei ganz ohne Refrains auskommt. (Heiko Hoffmann)

8. DJ Healer – Nothing 2 Loose (All Possible Worlds)

Als sich der geheimnisvolle Hannoveraner und Produzent DJ Metatron alias Traumprinz alias Prince Of Denmark letztes Jahr im Mai mit dem Satz „Die Geschichte, die ich erzählen wollte, ist erzählt. […] Ich danke euch zutiefst für die wunderbare Reise. Wir werden uns wiedersehen.“ von dem Weimarer Label Giegling verabschiedete, war es eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, wann der passionierte Produzent wieder auf der Bildfläche auftauchen würde.

Anfang April meldete er sich überrschend und (fast) klammheimlich als DJ Healer mit dem dreiteiligen Ambient-Stück Nothing 2 Loose zurück und dockte dabei an den Sound des DJ Metatron-Projekts an. Der Clou bei dem Album liegt in der spirituellen Harmonie, die die Schwelle zum Kitsch nicht überschreitet und eine Atmosphäre zum Verlieben kreiert. Dabei unterstützen Vocal-Samples von Roberta Flack und Laurie Anderson die Philosophie der Tracks. Vertrackte minimalistische House-Grooves und Break-Beats wecken das Rhythmusgefühl und näherten sich dem zweiten im April erschienene Album Mudshadow Propaganda unter dem Prince-Of-Denmark-Nachfolge-Pseudonym Prime Minister Of Doom hin. Ein schönes Wiedersehen und ein noch schöneres Wiederhören. (Felix Linke)

7. Galcher Lustwerk – 200% Galcher (Lustwerk)

Die Welt kennt Galcher Lustwerk  gerade mal fünf Jahre, und trotzdem fühlt es sich so an, als hätte der amerikanische Produzent und Rapper bereits eine ganze Ära geprägt. 2013, nach dem Erscheinen des Online-Mixes 100% Galcher, auf dem er deepe Beats mit subtilen Vocals zu einer modernen Version von Hip-House kombinierte, wurde er zum neuen Whizkid der Szene ausgerufen. Die These, dass sein einstündiger Podcast der Startpunkt des heute fast schon ausgenudelten Lo-Fi-House sei, steht noch immer im Raum.

Dem 30-jährigen Kerl aus New York wird’s ziemlich egal sein. Underground ist bei Galcher Lustwerk keine Pose, das man wie ein Gütesiegel stolz nach außen trägt. Der mäßige Output – ob auf White Material oder Lustwerk Music, ob als Road Hog oder Studio OST – die fehlende Selbstinszenierung, sein gesamter Low-Key-Habitus strahlt jene Ruhe und Coolness aus, die sich auch in seinen Bedroom-Stoner-Vibes wiederfindet. Obwohl das eher unterschätzte Debütalbum Dark Bliss gerade mal ein Dreivierteljahr zurückliegt, wartet das clever betitelte 200% Galcher mit zwanzig neuen Stücken auf – 10 Tracks, sieben Instrumental-Versionen und drei alternative Edits.

Und wie bei allen Ausnahme-Produzenten, die einen uniquen Sound haben, steckt auch hier der Teufel im Detail: MIDI-Bässe ohne Ende, die Hooks werden rhythmisch ausgekostet, deutlich mehr Bläser und viele jazzige Zwischentöne wie bei “Blue Lotus”, das auf seine Saxofon-Vergangenheit hinweist. Seine Texte sind mal szenekritisch (“Wristbands”), mal vollkommen gaga wie beim Autotune-Slow-Burner “Template”. There’s no sound like the galcher sound – all day, every day! (Sebastian Weiß)

6. James N Murray – City Of The Night (Jacktone)

Schon vom ersten elegischen Synthie-Ton ist klar: Dieses Album ist am besten allein zu genießen, vorzugsweise bei Nacht natürlich, in irgendeiner anonymen Großstadt. Das spricht der Titel City Of The Night zwar schon deutlich aus, die Musik aber könnte es sowieso nicht expliziter machen. James N Murray bezieht sich zwar hier und dort auf konventionelle House-Tropen, schneidet aber die euphorischen Spitzen ab und lässt über die acht Tracks eine Melancholie diffundieren, die mehr als szeneuntypisch ist: Sie steht vielmehr im krassen Kontrast dazu, was House alles angeblich sein soll. Die Erlösungsfantasien der House-Tradition, sie werden hier in dichten Klängen komplett aufgelöst.

City Of Night ist ein Thema eingeschrieben, es geht um anonymen Sex zwischen Männern an noch anonymeren Orten – Cruising mitten in der AIDS-Krise. Das Buch dazu hat 1963 John Rechy mit City Of Night geschrieben, die Musik klingt aber trotz der darin enthaltenen Wehmut keineswegs nostalgisch oder gar pathetisch. Der Rückgriff auf die Vergangenheit ist vielmehr als Korrektur des Narrativs zu verstehen, das uns all die werbefinanzierten Diversity-Advertorials erzählen: Es war damals nicht alles queerer, bunter, schöner, ganz im Gegenteil sogar. Murrays Musik spricht von einer Einsamkeit, die durch alle Knochen geht.

Das wiederum aber ist nur eine Seite dieser Platte, die auf der anderen neben dem vermutlich besten Sounddesign seit DJ Sprinkles’ 120 Midtown Blues viel große Melodien, reiche Harmonien und dezente Grooves anbietet und zum Ende hin einen immer säuerlicheren Beigeschmack entwickelt. Diese andere Seite verspricht eine Losgelöstheit abseits des großen Geschehens. Weitab vom Dancefloor, weitab von den anonymen Räumlichkeiten kurzzeitiger Freiheitserlebnisse. Ein Album für die Nacht in der Großstadt, ein Album für die Einsamkeit. (Kristoffer Cornils)

5. Leon Vynehall – Nothing Is Still (Ninja Tune)

Dass es sich bei Leon Vynehall nicht um den üblichen Auf-Nummer-Sicher-House-Producer handelt, ist schon seit einigen Jahren klar – genauer gesagt war 2014 sein erstes Mini-Album für 3024, Music For The Uninvited, so etwas wie sein kreativer Durchbruch. Trotzdem überrascht die Konsequenz, mit der Vynehall sein erstes richtiges Album umsetzen konnte. Nothing Is Still ist ein Konzeptalbum, das er dem Leben seiner Großeltern gewidmet hat – ein imaginärer Soundtrack ihrer Migration von Großbritannien in die USA in den politisch turbulenten sechziger Jahren, getragen von den Geschichten, die ihn seiner Großmutter nach dem Tod seines Großvaters erzählt hat.

Wie bereits einige Producer vor ihm entzieht sich Vynehall hierfür den erzählerischen Grenzen von elektronische Tanzmusik und ist mit einem zehnköpfigen Streichorchester sowie einem Pianisten und Saxofonisten ins Studio gegangen. Solch ambitionierten Projekte sind aus Sicht des Künstlers natürlich nachvollziehbar, aber oft unbefriedigend im Ergebnis. Nothing Is Still ist jedoch komplett gelungen – ein cineastisch orchestriertes Album, das überzeugend elementare Gefühle wie Hoffnung, nervöses Glück und Trauer zu vermitteln weiß und nur am Rande mit kurz auftauchenden Beats von Vynehalls Erdung in der House-Szene erzählt. Thilo Schneider

4. Martyn – Voids (Ostgut Ton)

Auf Voids geht es um Leben und Tod. Im letzten Sommer erlitt der niederländische Musiker und DJ Martijn Deijkers alias Martyn einen Herzinfarkt, den er nur knapp überlebte. Kurz zuvor starb sein Förderer und Freund, der britische DJ und Musiker Marcus Kaye (alias Marcus Intalex und Trevino).

Die neun Stücke des neuen, vierten Albums, von Martyn sind das Resultat der Auseinandersetzung mit diesen Ereignissen. Sie führten auch zu einer musikalischen Neuverortung. Stilistisch bewegt sich Martyn wieder zwischen den Stilwelten Techno, Drum’n’Bass und Post-Dubstep. Neu ist dabei die Konzentration auf den Kern der Tracks, die vielschichtige Polyrhytmik, gepaart mit warmen Flächen – zu hören etwa auf „Why“, das von indischen Tablaspiel inspiriert wurde. Andernorts bezieht er sich auf südafrikanische Gqom-Rhythmen. Auf „Manchester“ ertönt immer wieder ein Vocal-Sample („Deep deep talent, we’ve lost a big one“) zu einem Breakbeat und sehnsuchtsvollen Harmonien, die an Detroit Techno-Klassiker erinnern. Es ist Martyns Erinnerung an Marcus Intalex und dessen Heimatstadt. Ein intensives, vielschichtiges und berührendes Album. (Heiko Hoffmann)

3. Perel – Hermetica (DFA)

Für nicht wenige mag Perel komplett aus dem Nichts gekommen sein, denn plötzlich lief “Die Dimension” auf allen Kanälen. Tatsächlich aber ist Annegret Fiedler schon seit geraumer Zeit dabei. Mit immer anderer stilistischer Stoßrichtung allerdings und stets dem richtigen Gefühl für Musik, die unprätentiös die großen Gefühle triggert. Von Synth Pop bis Hip House hatte Perel zu “Die Dimension” vieles durchprobiert, mit der Vorab-Single zu ihrem Debütalbum Hermetica schien die musikalische Handschrift endgültig gefunden.

Das von DFA im April veröffentlichte Album dann formulierte nochmals aus, was in den besten sechs Minuten des Disco-Winters schon zu hören war: Italo und Wave trafen sich mit dezentem Pop-Appeal und Dancefloor-Verständnis in der Mitte, die sich für den Rest der Szene zuvor als toter Winkel präsentiert hatte. Perel zeigte, dass da jedoch ziemlich viel Leben drin steckte.

Hermetica ist das Resultat jahrelanger Ochsentouren und nächtlicher Studiosessions, vor allem aber: wunderbar eigen, fantastisch unverkrampft und obendrauf noch so leidenschaftlich wie das, was sich andere höchstens in die Pressemitteilungen reinschreiben. Bitte weiter so, gerne auch die nächsten zehn Jahre. Perel ist schließlich gekommen, um zu bleiben. (Kristoffer Cornils)

2. Skee Mask – Compro (Ilian Tape)

Nach dem Debütalbum Shed im Jahr 2016 setzte der jungen Produzenten Bryan Müller alias Skee Mask mit Compro noch einen drauf. Mit der LP hat Skee Mask nicht nur seinen eigenen Stil gefunden, sondern diesem auch noch mehr Einzigartigkeit verliehen. Dass er mit sechs Jahren das erste Mal Schlagzeugsticks in der Hand hielt, zeichnet sich noch heute in der Bedienung der Drum-Pattern ab. Denn die Eigenständigkeit der Pattern in den 12 Stücken, die irgendwo zwischen den musikalischen Spektren des Breakbeat, IDM, Hardcore, Jungle, Drum’n’Bass oder Dubstep changieren, sind in jeder Hinsicht außergewöhnlich.

Müller befolgt alles andere als die Regeln der aktuellen Bass-Musik. Die Vielseitigkeit der Riddims wird durch eine schöne und atmosphärische Melodie mit Vocal-Samples aus den siebziger Jahren geerdet und beschreibt eine gefühlsvolle Dramaturgie, die interpretativ einen emotionalen Gang durch die eisige Kälte des Winters darstellt. Skee Mask bleibt mit Compro diesem metaphorischen Leitmotiv genauso treu wie seinem Stammlabel Ilian Tape. Und doch: Es geht voran. Mit Skee Mask allemal ein bisschen schneller. (Felix Linke)

1. Warmth – Parallel (Archives)

Sprachliche Nachahmungen von außersprachlichen Schallereignissen sind bei Künstlernamen nur selten originell und noch seltener wirklich angemessen. Eine Ausnahme ist der spanische Produzent Agustín Mena, der als Warmth die mitunter schönste Ambient Music der letzten paar Jahre veröffentlichte. Auch ohne die Aufmerksamkeit konventioneller Kanäle hat sich der Mann aus Valencia auf Bandcamp eine riesige Anhängerschaft aufgebaut, an die nicht mal der Kompakt-Gründer heranreicht. Während etwa der diesjährige GASRausch das Genre im Wald mit Orchester-Samples konzeptuell dynamisiert, geht Warmth mit seinem dritten Album Parallel den entschleunigten Weg zum Ursprung zurück. Sein Ambient könnte kaum formelbasierter sein: keine Beats, kein opulentes Dickicht, wenige und kaum bemerkbare Akkordwechsel, die wie Wasserwellen bei Ebbe ineinander übergehen. Und obwohl Agustín Mena auf seinem Label Archives Music die unschuldige Reinheit des Genres herausarbeitet, strahlt der einstündiger Fluß aus schwerelosen Drones eine Erhabenheit aus, die Genre-Liebhaber zu schätzen wissen. Parallel macht das Unspektakuläre zum Spektakel. (Sebastian Weiß)

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