Unsere Platten der Woche mit Barnt, Cosmin TRG, FJAAK, Ricardo Villalobos und Sciahri

Barnt – Geffen (Magazine) Reissue

Mööp-mööp-mööp-mööp! Vor 15 Jahren veröffentlichte der Kieler Produzent Barnt (Daniel Ansorge) sein „Geffen“, und es löste sich auf wie Instant-Kaffeepulver im heißen Wasser. Zisch! So huschen die Snares. Mit ihren Schlägen baut „Geffen“ lange Spannung auf, gerät über die Bassline ins Schunkeln, hält dieses reduziert-gesellige lange, und zwar genau das bisschen Zuviel, das zu Überlänge und Überdruss führt, damit die schließlich einsetzenden 70er-Jahre-Synthesizer die Welt überkommen wie die Erlösung. Geffen Records war ein Major-Label, zu dem Nirvana im Jahr 1991 vom Indie Sub Pop für das Album Nevermind wechselten, was sie auf dem berühmten Album-Cover mit Baby & Geldschein thematisierten. Nicht, dass hier irgendetwas an Grunge oder so erinnern würde. Doch beim Kölner Label Magazine mögen sie schon immer den Pop in großen Lettern. Schön an Barnts Track ist neben dem Aufbau der Spannung das Miteinander-Tröten der verschiedenen Sounds der Synthie-Melodie. Verwandelt es doch die Tanzfläche der Nacht in den Nachhauseweg am Morgen. Die Vöglein singen. Neben der Original-Version gibt es auf dieser Wiederveröffentlichung durch die Kölner Magazine ein neues Mastering von Jörg Burger, eine Kraut-Electro-Interpretation von Jens-Uwe Beyer sowie eine „Mutation“ durch eben Beyer gemeinsam mit Crato: „Geffen“ als Spuk. Schön, dich wiederzusehen, Geffen. Christoph Braun

Cosmin TRG – In Your Body (Twentysix Mix)

Cosmin TRG hat seinen 2016er Club-Hit „In Your Body“ von 128 auf 135 BPM beschleunigt und die Sounds aufgebohrt, kantiger geschliffen und zum Strahlen gebracht. Das tut dem Track sehr gut und wird sowohl alte Fans als auch die jüngste Generation auf den Floors jubilieren lassen. Besonders gut kommt die erst nach fünf Minuten einsetzende Acid-Hommage, die es so im Original nicht gab. Das eigentliche Highlight dieses Fourtrackers sind aber die beiden weitaus subtileren B-Seiten-Stücke und der Digital-Only-Track. „Iradiat“, der zweite Track auf der Flipside, mixt ruhige, in regelmäßigen Abständen heranrollende Wellen aus ambienten Synthchords und Hall mit brummig-grummelnden Bässen auf Oktavabstand und raffiniert eingebauter holziger Percussion. Großes Sound-Kino, das aber auch ordentlich Club-Potential hat. Klanglich ähnlich ästhetisch, aber flotter und offensiver in seiner Dancefloor-Ausrichtung ist das vorhergehende „Erodat“, das ein vergleichbares Wechselspiel zwischen Bass- und Akkordtonarten spielt wie „Iradiat“ – der Grundton gerät ein um’s andere mal aus dem Fokus. Toll gemacht! Und wetten, dass Cosmin auch seine Finger im Spiel hat bei TRYL, dem Duo, das im Remix aus „Erodat“ eine klaustrophobische Dubstep-Dekonstruktion zaubert! Mathias Schaffhäuser

FJAAK – FJAAK 015 (FJAAK)

FJAAK brauchen nicht zu beweisen, dass sie Techno können. Interessanter ist, was sie mit ihrem mittlerweile bestens etablierten Sound noch machen könnten. Auf FJAAK 015 fällt die Antwort ziemlich unkompliziert aus: vier Tracks, ein klarer Fokus auf rhythmische Claps, minimale Wechsel und ein druckvoller Sound. Die Berliner definieren die Richtung schon mit der ersten Nummer. Bei „Serotonin” treffen hämmernde Drums und ein wuchtiges Low-End auf sparsam eingesetzte minimalistische Elemente. Nichts drängt sich unnötig in den Vordergrund. Was direkt spürbar wird: Der Track ist für die Tanzfläche gebaut. Mit „Threshold“ öffnen FJAAK den Klangraum in ein Spektrum, bei dem weniger um Druck und Performanz geht. Hüpfende Rhythmen werden von Hall und Tiefe untermauert, die einen hypnotischen Sog erzeugen. Wo „Serotonin“ direkt nach vorne marschiert, lässt dieser Track mehr Luft zwischen den einzelnen Elementen. Techno, Dub, Breakbeat und House finden hier nicht nebeneinander statt, sondern gehen ineinander über. Mit „Bio Data“ schlägt die EP in raue, industrielle Maschinentexturen um. Verdichtete Rhythmen erzeugen erst eine deutlich härtere Stimmung – bis der Track plötzlich in einen fast schwerelosen, euphorischen Moment umschlägt. Für einen kurzen Augenblick verliert die FJAAKsche Maschine ihren Druck: Es wird hypnotisch und abgespaced, bevor sich der Sound wieder in seine maschinelle Ursprungsform begibt. „Wax Pack“ beendet die Platte dort, wo sie angefangen hat, wo FJAAK sich am selbstverständlichsten bewegen: auf dem Dancefloor. Die treibenden Percussions laufen auf ihren Höhepunkt zu. Kontrollierte Veränderungen ziehen sich über mehr als sechs Minuten. Um die Frage vom Anfang wieder aufzunehmen: FJAAK versuchen nicht, ihren Sound neu zu erfinden. Diese vier Tracks sind kein überladenes Statement, eher eine Erinnerung daran, dass eine kleine Veränderung manchmal alles ist, was es braucht. Madu Abeysekera

Ricardo Villalobos – Wings (Raw Wax) 

Zwei neue Tracks von Ricardo Villalobos. Nach über drei Jahren. Remixe ausgenommen! Beide heißen „Wings“ und verleihen dem Hörer ebensolche. House Music an der Edge der Szene. Sexy. Infektiös. Mit grandios ungewöhnlich eingesetzten Chords und bekannter Ricardo-Kickdrum. Dahinter schnalzen die Percussions dezent und die Synths zirpen freimütig. Die Hihat kommt natürlich auch, etwas später, aber intensiv. Alles fliegt und fließt. Zwischendurch wird es kurz ruhiger und nimmt Fahrt aus. Inklusive EQ-Überraschungen. Jeder Track dauert über 12-Minuten. Aber das versteht sich bei RV ja von selbst. Wer alles hautnah erleben will, sollte die Kopfhörer anziehen und aufdrehen. Im Club sorgen diese „Wings“ sicherlich für große Transzendenz. Michael Leuffen

Sciahri – Moonwake (Mutual Rytm)

Sciahri, der iranisch-italienische Produzent mit engen Verbindungen zu Ilian Tape, landet mit seiner neuen EP Moonwake beim süddeutschen Mutual Rytm Label. Diese Rhythmen fallen geradliniger und Club-betonter aus als seine oft gebrochenen Experimente für die Münchner Zenker Brothers. Hypnotisch, wuchtig und mit roher Energie schieben sich die sieben Tracks der EP über den Dancefloor. Eine düstere Atmosphäre und metallische Synths geben den Ton an und setzen dabei weniger auf offensichtliche Hooks als auf Sog und Bewegung. Der Titeltrack gibt mit rollenden Drums und grellen Synths sofort eine klare Richtung vor. „Liminal” zieht die Schraube weiter an, während „Night Sentinel” in dunklere, fast paranoide Gefilde kippt. „Unmoved” reduziert sich auf massive Kicks, bevor „Too Much Time” mit kleinen, schattenhaften Motiven subtiler klingt. Die digitalen Bonus-Tracks „Silent Frontier” und „Louisiana” erweitern das Spektrum zwar nicht, überzeugen aber mit ähnlichen Qualitäten wie ihre Vorgänger. Im Ganzen erfindet Moonwake das Rad also nicht neu, beherrscht die dominante Big-Room-Techno-Ästhetik von kalt, präzise und futuristisch, setzt diese aber mit mehr als genügend Schneid um, um den Dancefloor im Griff zu haben. Leopold Hutter

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