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Januar 2024: Die einschlägigen Compilations

20 Years Of Phonica (Phonica) 

Als Phonica Records 2003 in London seine Türen öffnete, stand es nicht gut um Vinyl. Trotzdem versuchten die Freunde Simon Rigg, Tom Relleen and Heidi Van Den Amstel, einen neuen Hub für Dance Music aller Arten zu entwickeln. Zunächst etablierte sich der Laden zur Nische für Minimal- und Microhouse-Labels wie Kompakt, Perlon oder Playhouse. Später kam das eigene Imprint dazu, das frühe Platten von Peggy Gou, Paul Woolford oder Midland herausbrachte.

Zum 20-jährigen Jubiläum gibt es 18 exklusive Tracks von neuen und etablierten Namen der Szene. Daniel Avery öffnet mit „Bell”, das wie ein aktueller Remix eines Neunziger-Aphex-Twin-Tracks klingt. Paramida & E-Talking liefern mit „Read My Lips” einen Oldschool-Acid-Banger zum Sonnenaufgang, während Dauwd einen wie immer basslastigen Offkilter-Techno-Groove verantwortet. Achtziger-Synths sind auch vertreten – dank der Italienerin System Olympia und ihrem „A Mezzanotte”, das geschickt zwischen Proto-Italo und verführerischen R’n’B-Vocals landet.

Tim Reaper und Comfort Zone geben mit ihrer Hymne „Subterranean” ein Update auf den Bukem-Sound einer vergangenen Ära, während NTS-Moderatorin Shy One auf „Uncle G” UK-Bass mit ausgefallener Live-Perkussion gleichermaßen nach Jazz und Funk schmecken lässt. Daneben gibt es noch allerlei Leckereien wie groovigen Breakbeat-House von Toby Tobias, trippigen Outsider-Minimal von Willow, einen ungewöhnlichen Techno-Stepper von Roman Flügel oder sogar schimmernden Electro in Remix-Form von Shanti Celeste. Leopold Hutter

Robag Wruhme – T.O.R. LP001 (Tulpa Ovi)

Endlich geht ein Wunsch vieler Robag-Wruhme-Fans in Erfüllung: eine Vinyl-Zusammenstellung von (fast) allen Tracks seines Labels Tulpa Ovi. Die acht Nummern sind bis auf zwei bereits digital veröffentlicht, auf Platte kommen eine Kollaboration mit Lysann Zander sowie ein Edit von Jimi Jules dazu.

T.O.R. LP001 macht deutlich, dass Wruhme nicht bloß als DJ, vor allem für House, ein Meister ist, sondern auch feinste Musik produziert, die jenseits des Floors ihre Wirkung entfaltet. Fein ist die Musik in jeder Hinsicht. Auch behutsam und unaufgeregt mag man sie nennen. Der Opener „Robellada.22” ist zum einen aufgeräumter, treibender Tech-House, der zum anderen idyllische, malerische Ambient-Akkorde verarbeitet. Diese Verbindung macht das Ganze eben nicht nur im Ritter Butzke, sondern auch bei einem späten Abendspaziergang unterm Schutz der Bluetooth-Kopfhörer und mit einem Franzbrötchen von Le Crobag so unwahrscheinlich appetitlich. Zwischen die House-Nummern „Quokka Supra” und „Avo Thal” hat sich „Spoddy Spy” gesneakt, ein Downtempo-Stück allerhöchster Güte, das an Boards of Canada oder Tycho denken lässt. Das trancige „Oulpa Tvi” mit seinen quirky Sounds und dem im sanften Wind verschallenden Damengesang errichtet ein inneres Ibiza zur Vollstentspannung. „Kapox Graphén”, der erwähnte Edit von Jimi Jules, ist druckvoller House, mit unterhaltsamen Spielereien im Bassbereich: Eher zum Tanzen, aber auch eher geil. Lutz Vössing

VA – Secret Weapons Part 16 (Innervisions)

Bunt, farbenfroh und liquide. So liebevoll das Cover der 16. Ausgabe der Reihe Secret Weapons von João Castro (The Royal Studio) gestaltet ist, so liebevoll haben die Berliner Innervisons-Masterminds Âme und Dixon hier ihre Lieblingstracks versammelt, die nicht immer auf heavy rotation zum Einsatz kommen. Secret Weapons heißen sie nicht ohne Grund. Geliefert wird House-Not-House in ungewöhnlichen Spielarten – von einer broken über technoiden bis hin zu Four-on-the-Floor- und Acid-lastigen Textur.

Wer sich durch die 15 erlesenen und mit Bedacht ausgewählten Tracks verschiedenster Künstler:innen im Kontext einer Clubnacht hört, kann sich gut vorstellen, dass das Vocal-getriebene „Could You Feel The Love” von Ivory feat. Filippo Nardini mit auf und abschwellender Bassline alle Dancer und Listener zum Auftakt angenehm in die Nacht trägt, die eine großartige zu werden verspricht. „Ego” von David Kochs & John Falke erden die Clubgänger gepflegt mit einer Broken-Beat-Line und hochgepitchter Stimme.

Doch zu viel Harmonie macht schläfrig. Die Sounds werden jetzt dunkler, treibender, elektrisierender. Und so lautet das Zwischenresümee: House bleibt spannend, und das in wandelbarer Form. „The Party feat A.I.” von Musumeci & Dodi Palese beginnt mit Disco-vertrauten Cowbells, straightem Beat und hechelndem Atem, um sich immer weiter zum Synth-getriebenen Shout-Out-Monster zu steigern – erster Höhepunkt inklusive. „Inside Your Mind” von Hardt Antoine holt die geneigten Innervisons-Fans wieder auf den Floor, die Nacht ist noch lang. Smooth schließt sich „Trip” von Cipy an, der, mal ohne Drama, eleganten Vocal-House liefert. Wie wird die Reise in die Nacht weitergehen? Diese Frage lässt sich mit schnöden Worten nicht wirklich fassen. Doch wie es sich für eine gelungene Nacht gehört, setzt „Fatum” von Colossio & Luke Garcia einen gleißenden, futuristischen Endpunkt. Sonnenaufgang! Liron Klangwart

VA – There Will Be Light (Rhythm Büro) 

„Well selected Ambient Compilation”, heißt es in der Kurzbeschreibung des Hard Wax zur Werkschau des ukrainischen Labels Rhythm Büro. 17 Artists sind darauf vertreten, darunter bekannte Namen wie Sebastian Mullaert oder John Beltran, aber auch Newcomer wie Vida Vojic oder Muscut-Labelbetreiber Dmytro Nikolaienko. Das in Kiev ansässige Kollektiv feiert sich also selbst mit dem zehnten Release und einer Zusammenstellung intensiven Ambients, die den Zugang des Teams zur Musik verdeutlichen soll.

Das Konzept für There Will Be Light ist schon einige Jahre alt, als Idee eines beruhigenden Soundtracks geboren; mit Kopfhörern auf der Straße oder in der U-Bahn genossen, sollte die Platte ein Gefühl von Frieden erzeugen – ein umso relevanteres Thema im Lichte aktueller politischer Gegebenheiten. „Rhythm Büro believes that everyone, everywhere deserves to have the instruments to help them achieve a peaceful state of mind and they hope that through listening to this release, it can help them do so”, kommentiert die Gruppe die Veröffentlichung. Auf der musikalischen Seite stechen der verregnete, an Club Autonomic erinnernde Half-Time-Track von Priori, der subaquatische Tropen-Ambient von Saphileaum im Stile von Earthen Sea und das besonders für Global-Communication-Fans erquickliche Stück von Asyncronous hervor. Leopold Hutter

VA – XDR (VeryDeepRecords)

Diese Compilation ist very deep. Welche meinst du? Very Deep! Gut, an der Stelle verabschieden wir uns von den Zuseherinnen und Zusehern im dritten deutschen Fernsehen. Alle anderen schnarchen cringe und fühlen sich für solche Späßle so bereit wie für den nächsten Leasingvertrag.

Die Leute von Very Deep Records, die dieser Tage die zehnte Geburtstagskerze vom Labelkuchen pusten, dürften sowieso den cooleren Pausenhofslang draufhaben. Slay ist nämlich sheesh für alle, die auch mal jung waren und jetzt ein Dreiwege-Wassersystem betreiben – ist halt echt unschlagbar, diese Bodenseequalität, nicht? So gut sind eigentlich nur noch die 21 sehr guten Tracks, die Very Deep auf ein Tape gespult hat. Da hört man so was Ähnliches wie Ausdünstungen aus der Jazzschule und dort mal genau das, was Rümpeltruppentechno war, ist und werden wird. Dazwischen heulen ein paar Leute irgendwas ins Mikro – so, wie sich das anhört, sicher deep wie Dub, den es hier auch gibt. Klaro, lauter schöne Synthesizer machen ebenfalls mit, ist ja Very Deep, da lässt man sich nicht bitten. Zum Zehner noch weniger, also: Happy Birthday, ihr deepen Rackerinnen und Racker! Christoph Benkeser

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