Beim Kopenhagener Tape-Label Posh Isolation pflegt man seit jeher die Kollaboration. Die Konstellation von Loke Rahbeck & Frederik Valentin ist eine der apartesten und gelungensten. Die Modularsynthesizerkunst von Labelboss Rahbeck, der als Croatian Amor, LR und weiteren Pseudonymen seine Meisterschaft in Post-Industrial und Heavy Electronica bewiesen hat, und die Indietronics von Valentin, der schon mit Kyo und Complicated Universal Cum die Grenzen zwischen Heavy Ambient und sexy Dark Pop eingerissen hat, ergänzen sich perfekt. Auf ihrer zweiten gemeinsamen Arbeit Elephant (Posh Isolation, VÖ. 28. Februar) verunsichert Rahbecks Noise die sonnig-folkigen Gitarren- und Piano-Instrumentals Valentins nur so weit, dass ihre entspannte Schönheit erhalten bleibt, aber eben nie in weichgezeichnete Nettigkeit abdriftet. So hat jeder der Track-Songs der beiden einen speziellen Charakter und sie fügen sich doch zu einem wundervollen Album zusammen, welches Momente intensiver Schönheit zulässt, um sie im nächsten wieder in rauen Noise zu zerlegen, mit seltsamen Samples anzureichern und versöhnlich wieder neu aufzubauen.

Die verspielte Ambient-Electronica des Schweizers Laurin Huber, ansonsten bei den Synthpoppern Wavering Hands, erreicht auf der EP Juncture (Hallow Ground, 28. Februar) eine vergleichbare Intensität in der Verdichtung und Verfremdung weniger Elemente.

Weniger düster und etwas näher an Indie und Techno sind worriedaboutsatan, die nächsten Verwandten dieses Sounds. Auf Crystalline (Sound in Silence) hat das nordbritische Bandprojekt um Gavin Miller die Geschwindigkeit wieder in den untersten Bereich geschraubt und die Clubfunktionalität zugunsten eines Gefühls des elegischen Driftens gen Unendlichkeit suspendiert. Zum Dahinschmelzen, nicht zuletzt von Gletschern.

Stream: Loke Rahbeck & Frederik Valentin & Loke Rahbeck – Scarlett

20 Jahre ist es schon her, da hat ein sehr dünner, sehr blasser junger Mann mit kahlgeschorenem Kopf die elektronischen Sounds seiner Zeit zu etwas Unerhörtem transformiert – live vor ungefähr fünf zahlenden Gästen in einer modrigen Industriehalle, die für dreihundert ausgelegt war. Das war Dub, aber staubtrocken und endlos zerfasert, jeglicher physischer Präsenz beraubt und doch immens körperlich und raumfüllend. Das war Glitch und Elecronica, aber anomisch, isoliert und damit weit jenseits sämtlicher Klischees der Genres. In der Folge hat Sasu Ripatti, der sich Vladislav Delay nannte, sich die Haare und ein Schnäuzermännchen wachsen lassen und mit Chain Reaction, Leaf, Mille Plateaux und Raster-Noton sämtliche damals einschlägigen Labels bespielt. Als Luomo hatte er mit Tessio einen anti-euphorischen Deep House-Geniestreich hingelegt, der zum Welthit wurde, zudem mehrere Labels und eine Handvoll weiterer Aliase und Projekte aufgemacht. Um sein Kernprojekt wurde es ruhiger. Rakka (Cosmo Rhythmatic, VÖ. 27. Februar) nach fünf Jahren erstes Lebenszeichen des Projekts auf Shapednoises Label ist dennoch unverkennbar Vladislav Delay, allerdings in den kratzigen Stoff der Gegenwart gewandet. Also eher Drone mit Field Recordings und disruptiver Noise, eher düster als melancholisch, eher grobkörnig rau als minimal. Eine beeindruckende Neuorientierung innerhalb eines satten Sich-treu-bleibens.

Stream: Vladislav Delay – „Rajaat”

Der Offenbacher Fotograf Daniel Herrmann, der inzwischen im gesetzt wohlhabenden Taunus residiert, wurde mit den Bildern seiner teilnehmenden Beobachtungen der Clubkultur der Nullerjahre, zum Beispiel im Offenbacher Robert Johnson oder im Kölner Studio 672, zum internationalen Markennamen. Dass er dann noch Musik produzieren würde, war naheliegend, quasi unvermeidlich. Allerdings spielten die meisten seiner Produktionen als Flug 8 immer knapp neben dem Technoclub. Trotz aller euphorisierenden Rave-Zitate waren die Tracks meist zu krautig verspult und weitschweifig für die Peaktime, oder eben genau dafür – genügend Mut beim DJ vorausgesetzt. Im Duo Herrmann Kristoffersen mit der dänischen Produzentin und Vokalistin Kristina Kristoffersen, die ihre Stimme hier allerdings nicht einsetzt, arbeiten sich beide aktiv noch weiter weg von Club-affinen Inhalten. Herrmann Kristoffersen (Bytes, 28. Februar) setzt zwar durchaus weiter auf die gerade Bassdrum, sie taucht aber nur hin und wieder aus dem Gewimmel von Modularsynthesizerschleifen und krautwarmen Flächen und soften Bässen auf. Diese freundlich-frische Electronica mit leichter Krautnote dockt genauso leicht an modernes Naturerleben in Ambient an wie an New Age-Mystik. Zudem ist das Album ein weiterer Nachweis der Connaisseur- und Entdecker-Qualitäten des Ransom Note-Sublabels Bytes, auf dem noch immer kein schlechtes oder langweiliges Album erschienen ist.

Der junge Schotte Fergus Jones, der in Kopenhagen lebt und sich Perko nennt, hat sein LP-Debüt The City Rings (Numbers, 7. Februar) ähnlich frisch und abwechslungsreich gestaltet. Das Album ist eine starke Mischung sehr diverser Tracks, deren gemeinsames Merkmal der typisch britische Half-Step in den Beats und der Wobble in den Bässen von Dub ist. So sie denn vorhanden sind, denn die Stücke, die meist von Field Recordings seiner neuen Stadtheimat angeraut sind, verzichten ebenfalls häufig ganz auf Beat und Bass. Perko interpretiert das britische Hardcore Continuum als expatriierte Ambient-Electronica. Starker Ansatz.

Video: Herrmann Kristoffersen – „Vista”