Die ISAN-Hälfte Robin Saville balanciert solo mit Build A Diorama (Morr, VÖ. 21. Februar) auf der weltlichen Seite von Chill Out und New Age. So beziehen seine muskelrelaxenden Synthie-Chords und das entschleunigte IDM-Pluckern ganz selbstverständlich ausladendes Vogelzwitschern mit ein und kleiden alles in ruhige Electronica alter Schule. Wie unironisch und mit welch lässigem Ernst das passiert, macht hier den haarscharfen Unterschied zum musikalisch belanglosen Chillen aus. Das lässt sein konzentriert kurzes Soloalbum vielleicht sogar noch länger nachwirken als die weit populäreren Arbeiten seines Hauptprojekts.

Video: Robin Saville – „The Deepdale Halophyte Economy”

Das vom New Yorker James Healy geleitete Label Air Texture steht exklusiv für die gleichnamige Kompilationsserie im üppigen Doppel-CD Format zur Verfügung und ist mittlerweile bei der siebten Augabe angelangt. Die einzelnen Ausgaben sind jeweils von zwei Produzent*innen kuratiert, die im Überlapp von Techno, Electronica und Ambient arbeiten, zum Beispiel Bvdub, Bnjmn, Juju & Jordash, Martyn, DJ Olive, Deadbeat, Steve Hauschildt oder Rafael Anton Irisarri. Angelehnt an das Kompakt’sche Pop Ambient-Format teilte die Serie die Stärken und das Problem der Reihe: Die Selektionen sind meist sehr hübsch anzuhören aber ebenso schnell wieder vergessen und bisher stark Testosteron-dominiert. Das ist mit der jüngsten Ausgabe Air Texture Vol. VII (Air Texture, 15. Februar), zusammengestellt von Silent Servant und Rrose, dann doch etwas anders. Die exklusiven Beiträge schauen weiter als je zuvor über den gegebenen Horizont in experimentelle Bereiche der clubnahen Elektronik und sie bringen Künstler*innen in einen gemeinsamen Kontext, wie es bisher kaum denkbar schien, zum Beispiel Octo Octa mit Abul Mogard mit AGF mit Charlemagne Palestine mit Luke Slater und vielen mehr. Zudem sind noch jede Menge Motherboard-Favoritinnen an Bord, etwa Laurel Halo, Lucrecia Dalt oder Mára (Faith Coloccia).

Die vom Briten Nick Luscombe zusammengestellte Kompilation Fieldwave Vol. 1 (Nonclassical) beschränkt sich auf  einen spezifischen Aspekt von modernem Ambient, nämlich Field Recording. Das Album ist die erste Folge einer Reihe von Showcases eher noch nicht so bekannter Spezialist*innen in diesem Feld, allesamt exzellente Zuhörer*innen mit einem brillanten Ohr für den besonderen Moment, den besonderen Ort und seinen Klang.

Stream: Kate Carr – Fieldwave Vol.1 – „Highway Bridge Drain Pipes, Saskatoon, Canada”

Der Japaner Kazuya Nagaya produziert seit mehr als zwanzig Jahren Ambient, welcher sich inhaltlich und klanglich auf buddhistische, shintoistische und hinduistische Rituale bezieht. Über die traditionelle Instrumentierung von Klangschalen, Gongs, Glocken und Mönchsgesängen sollen sie die spirituelle Seite des Eintauchens in Klang und die quasi-religiöse Naturverbundenheit reflektieren, die bis heute einen wichtigen Teil der japanischen Kultur darstellen. Auf Dream Interpretation (Sci+Tec), Nagayas Debüt auf dem Label von Dubfire, verbindet er diese traditionellen Klänge mit synthetischen Preset-Streichern und recht dilettantischer digitaler Soundbearbeitung, die wahlweise mehr nach einem New Age-Tape von 1983, gefertigt in einer nordkalifornischen Späthippiekommune, oder nach einer Frankfurter Afterhour/Chill Out-Mix-CD von 1993 klingen als nach Japan-Ambient von 2020. Diese anachronistischen Soundklischees sind aber, wie beim klanglich manchmal ähnlich ausfallenden Laraaji überhaupt kein Hinderungsgrund, dieses Album zu verehren. Denn Nagaya liefert seine introspektive, immersive und psychoanalytisch tiefenwirksame Musik mit einem heiligen und doch heiteren Ernst, der jegliche Mäkelei an der altmodischen Produktion kleinlich und dumm erscheinen lässt. Schönheit und Tiefe des Ritus wirken eben. Immer.

Der Italiener T. U. zieht rituelle Klänge aus modularen Synthesizern und MAX-Patches, die klingen wie rhythmisierte Field Recordings. In seinem Debüt Rite (False Industries, 28. Februar) erwächst so ein spannender Dark Ambient-Soundscape aus dem Gegensatz fundamental synthetischer Sounds, die aber quasi-natürlich und hörspielartig arrangiert sind, nie zufällig aber ebenso wenig entschlüsselbar, verstehbar. T.U. bezieht sich – via John Cages Imaginary Landscapes – auf den Zen-Buddhismus. Das hat er mit Kazuya Nagaya gemein, der doch eine ganz andere Art des tiefen Hörens vertritt. T.U. lebt die artifizielle Spiritualität, seine Feldaufnahmen kommen aus dem Innersten der Maschine.

Stream: Kazuya Nagaya – „Dream Interpretation I”