Die Ebenen des Dazwischen sind Orte von Geistern und Erinnerung. Besonders heimgesucht sind Klänge aus obsoleten (im Tech-Jargon: obsoleszenten) Tonträgerformaten wie Schellackplatten oder Chromdioxid-Kassetten. Die aus und mit diesen Medien produzierten „hauntologischen“ Inhalte spiegeln Stimmungen von nostalgisch, melancholisch und morbide bis hin zu düster und unheimlich. Diana Combo aus Porto hat sich unter dem Alias Eosin auf genau solche konzeptuell appropriierenden, hauntologische Klänge aus alten Schellack- und Vinylplatten spazialisisert. Das Tape Cuspo (Crónica) unter Combos anderem Alias Síria führt den dunklen Spuk in das Territorium von Indie-Ambient à la Grouper oder Ekin Fil, also eine Lo-Fi Produktion, viel Hall auf Stimme und Instrumenten sowie ein rauschender und knisternder alter Analogsynthesizer als Soundbasis. Also düstere und introvertiert-verschreckte minimalistische Folksongs aufgenommen mit einer 4-Spur-Bandmaschine im Schwimmbad zwei Häuser weiter. Die New Yorker Modularsynthesizervirtuosin Natalie Chami alias TALsounds ist ebenso Freundin von endlosem Hall und analoger Filterwärme. Noch ist Chami weniger prominent als ihre Kollegin an Stöpselkabel und Potentiometer Kaitlyn Aurelia Smith, ist aber einen ganz ähnlichen Weg gegangen. Von der respektvollen Aufarbeitung der Synthesizer-Tradition über eine spielerisch klangforschende experimentelle Phase hin zu großem Synthpop. Wo Smiths jüngstes Album The Kid allerdings extrovertiert, kleinteilig, wuselig und überbordend kosmisch wurde, bleibt TALsounds Love Sick (Ba Da Bing!) intim und zeigt leicht melancholisch nach innen. Eine zart umarmende Ode an die Liebe (verloren) und das Leben (in Wartestellung).


Stream: TALsounds – I Saw The Way

Das Wiener Trio Elektro Guzzi ist seit einigen Jahren und Alben dabei auszuloten, wie Techno im Indie-Bandformat klingen könnte. Ihre perkussiv aufgelockerten aber schnurgerade funktionalen Beats mit luftig dubbigen Gitarren-Cut-Ups wurden dabei mit der Zeit flächiger, dichter und schwerer. Diese Entwicklung kulminiert auf Polybrass (Denovali) folgerichtig in eine Kollaboration mit einem Posaunen-Trio. Die Blasmusik-Sektion, die vorwiegend im Bassbereich grummelt und dröhnt übernimmt so die Funktionen der Synthesizerflächen und Staubsaugerbässe und gibt ihnen eine reiche und dunkle Textur ohne Tanzbarkeit und Clubtauglichkeit der Tracks zu vernachlässigen. Das klingt richtig gut und eröffnet mal wieder eine ein bisschen neue Möglichkeit für Techno und House organisch gedachter Indie-Pop zu werden. Das kanadische Trio We Are The City ging den umgekehrten Weg. Vom leicht progigen Indie-Rock zu mehr Elektronik was auf ihrem vierten Album At Night (Light Organ Records/Sinnbus) zu einem interessanten Durcheinander von Stilen und Stimmungen führt. Die lose hingeworfenen beinahe Songs und beinahe Tracks können vergrübelte Electronica werden oder mit verzerrten Drums und der Gitarre im Overdrive-Modus auf den Tisch hauen. Im Mittel ist das eine frische Variante der Sounds von Alt-J oder The Notwist, im Detail kann es zu fein bezaubernderdem Art-Pop werden. Peter Kirn, Berliner Labelmacher (Establishment) sowie Digital- und Analog-Techniker (CDM/Hacklab/MeeBlip), ist definitiv kein Newcomer im Elektronikbusiness. Als Soloproduzent hat er sich bislang allerdings tatsächlich eher bedeckt gehalten. So ist die EP Pink Cloud Syndrome (Detroit Underground) eine Art Plattendebüt bei den wie Kirn ansonsten eher multimedial orientierten Techno/Electro-Avantgardisten aus Detroit. Den vier im Wortsinn epischen Tracks der EP hört man produktionstechnische Reife, Erfahrung und Können an. Jeder einzelne der Tracks, die zwischen Dark Ambient, IDM-Electronica und Dub-Techno oszillieren, besteht wiederum aus mehreren Sub-Tracks, die für sich genommen schon starke Stücke ergeben würden, aber im Zusammenhang der jeweiligen Erzählung des Gesamtstücks dann eben noch mehr.


Stream: Elektro Guzzi – Black Chamber

Auch die locker mit dem Discwoman-Kollektiv assoziierte Schweizer Weltbürgerin Soraya Lutangu alias Bonaventure mäandert gerne zwischen Orten (Kongo, Portugal, Schweiz), Genres und Zuschreibungen und füllt ihre Tracks mit mehr als nur einem Inhalt. Ihre digitale EP Mentor (Planet Mu) skizziert einen transparenten, superpräzise geschnittenen melodischen Sound aus Post-Club Beats in einer von Grime und Trap geborgten Dramaturgie. Moderner geht es kaum, darin klingt sie wie ihre Kolleginnen Toxe oder SKY H1. Mentor ist allerdings deutlich zupackender im Drumming, Lutangu bedient sich ebenso bei Euro-Disco, Berlin-Techno sowie diversen britischen Styles aus dem Hardcore Continuum. Eine superstarke Veröffentlichung, die ein angemessenes physikalisches Tonträgerformat verdient hätte. Was ebenso für Coucou Chloé gilt, eine der Entdeckungen des c/o-pop Festivals dieses Jahres. Das heftige wie genresprengende Debüt Erika Jane (Coucou Chloé) der in London lebenden Französin knattert die britischen Breakbeat-Styles ebenso weg wie experimentellen R’n’B. Bisher leider nur digital.


Video: RAMZi – Sunishi

Dann doch lieber selber machen: die kanadische „Fifth World“-Techno Botschafterin Phoebé „RAMZi“ Guillemot hat für den dritten und finalen Teil ihrer Phobiza-Serie ihr eigenes Label aufgemacht und so sichergestellt, dass Phobiza Vol. 3: Amor Fati (FATi records) als schickes und sogar erschwingliches Vinyl erscheint. RAMZis freidenkerische weltmusikalische Electronica auf der Basis gebrochen organischer Techno- und House-Beats war immer großartig und eigen. So zugänglich und in einem feinen Spannungsbogen geschlossen wie auf diesem Album hat RAMZi ihren überbordende Inspiration bislang allerdings noch nicht umgesetzt. RAMZis Musik macht die Welt größer, nicht kleiner wie so vieles andere zurzeit. Genau wie der Moskauer Anton Glebov alias Mårble. Auf der ersten Laufnummer des gerade neu etablierten Sublabels der Berliner Nummer Music verfolgt Glebov seine eigene Variante der „Fifth World“-Elektronik. Weniger stark auf Beats fokussiert als RAMZi greift Elixir Of Immortality (Natural Selections/Nummer Music) nach den Sternen des kosmischen Jazz und der spirituellen New Age World Music der Achtziger, ohne jedoch deren esoterische Inhalte zu übernehmen. Nach dem überbordenden Debut Mårbles Diego (Not Not Fun, siehe Motherboard vom Mai 2018) ist Elixir Of Immortality eine spannende Weiterentwicklung seines Sounds Richtung Weltall. Der weitgereiste Schweizer Manuel Oberholzer alias Feldermelder hat die Melancholie der Ortlosigkeit neben dem üblichen Download und Streaming in ein ziemlich exzentrisches Lo-Fi Medium gepresst: The Sound Of Flexi Disc (-ous) war im vergangenen Jahr Beilage in einer Ausgabe des avantgardistischen Schweizer Soundart-Magazins Zweikommasieben. Die poppige Glitch-Electronica, die in Collage-Technik die unstetige Ästhetik der Nicht-Orte, von Hotelzimmern und Transiträumen reflektiert, erscheint nun noch einmal im Labberplatten-Format und digital. Ein solideres, etwas weniger hipsterisches Tonträgerformat wäre angebracht. Denn was Feldermelder auf der EP macht, ist ziemlich weit vorne.

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