Die bittersüße Erkenntnis, dass der durch Digitalisierung und Virtualisierung fundamental einfacher, globaler und in gewisser Weise sogar demokratischer gewordene Zugang zu musikalischen Produktionsmitteln nicht unbedingt zu einer erhöhten Vielfalt oder Inspiration in den damit produzierten Stücken geführt hat, ist eine Plattitüde der aufrecht aufgeregten Kritikersparte. In dieser konservativen Sichtweise wird das radikal Andere und Neue nicht mehr gemacht, sei es aus Bequemlichkeit oder aus einem (unterstellten) Opportunismus heraus, der alles Erfolg versprechende bestehende affirmiert und Bewährtes variiert. Was diese gerne selbstgerechte Kritik verkennt, sind die Freiheiten, die in der Variation, im Dazwischen liegen. Besonders gut gelingen wird dies wenn sich die beteiligten Künstler nichts mehr beweisen müssen, aber doch voneinander lernen können. Die unahnbare Kollaboration der japanischen Perkussionistin und Ambient-Pionierin Midori Takada mit der fast zwei Generationen jüngeren New Yorker R’n’B-Sängerin LaFawndah ist so eine glückliches Beispiel. Ihr zwanzigminütiges Stück Le Renard Bleu (KENZO/K7!) für die medienübergreifende „Folio“-Publikation des Modelabels Kenzo (die erste Ausgabe war ein Print-Heft mit Fotografien und Collagen aus Nigeria) ist, was die Exploration des „Dazwischen“ angeht, eine kleine Sensation. Wundervoller als die ernsthaft experimentelle und doch unmittelbar verständliche und zugänglich Interaktion zweier starker Künstlerpersönlichkeiten kaum ausfallen. Beide machen ihr Ding und gehen doch tief ineinander auf. Sounds zwischen Freundschaft und Liebe.


Video: Midori Takada – Le Renard Bleu

Odd Beholder, das Projekt der Züricher Singer-Songwriterin Daniela Weinmann, beschäftigt sich mit der Lust und dem Leiden an den Technologien und Interfaces, die sich mehr und mehr in den zwischenmenschlichen Austausch schieben. All Reality Is Virtual (Sinnbus) führt uns in eine LED-bunte scharf ausgeleuchtete Welt aus elektronischer Einsamkeit und digitaler Isolation. Ein Vergnügen und Verzweifeln an medialer Kommunikation. Das Unbehagen hinter der perfekten Bedienoberfläche – was Liebe und Leben im nicht mehr jungen 21. Jahrhundert eben ausmacht. Vorgetragen mit einer charakterstarken Stimme und der seltenen Qualität sowohl glasklar-glockig und voluminös wie sanft introvertiert und leicht gebrochen auftreten zu können, ergibt das große und weit abseits jeglicher Hype-Genres liegende Popmusik zwischen modernem Trip-Hop und melodisch minimalem Koze/Pampa-Techno. Das Elend der Miskommunikation in den „sozialen“ Medien war einer der Auslöser für Radiate Through You (Denovali) des Ein-Mann Orchesters Ensemble Economique alias Brian Pyle. Das Mini-Album ist eine Reaktion auf die teilweise zynischen oder ziellos wütenden Social-Media Kommentare angesichts der verheerenden Feuerkatastrophe im Oaklander Ghost Ship Warehouse. Die fünf Stücke reflektieren die individuellen und sozialen Nachwirkungen des Brandes, bei dem 36 Menschen starben von denen nicht wenige wie Pyle in der nordkalifornische Musik- und Kunstszene involviert waren. So wurde Radiate Through You zu Pyles bislang introspektivstem Werk, das sich jeglichem Surf- oder Indie/Postrock Pathos enthält. Ein entschieden sanftes Statement für eine positiv melancholische Erinnerung an die die fehlen, ein Stück heilender Wehmut für die die zurück blieben.


Video: Odd Beholder – Loneliness

Die Chicagoer Lindsay Anderson und John Hughes II kenne sich eine halbe Ewigkeit und haben seit den neunziger Jahren jeweils schon mehrere musikalische Leben und Karrieren hinter sich. Anderson bei den feinsinnigen elektronischen Postrockern L’Altra und als Gastmusikerin bei Electronica-Promis wie Telefon Tel Aviv, Hughes als Betreiber des freidenkerischen Indie-Rock/Jazz/IDM/Electronica-Labels Hefty und bei diversen Chicagoer Bands. Ihr frisch gegründetes Duo haben sie auf zwei verschiedene Projektnamen verteilt, deren Debütalben nun zeitgleich erscheinen. Hibernis ist ihr Alias für schwebende, leicht kosmische Electronica, die im Katalog des walisischen Labels Serein zwischen Acts wie Hauschka und Strië einen Platz gefunden hat in den sie nicht besser passen könnten. Auf Middle Of The Meds (Serein) setzt Anderson ihre Stimme eher als zusätzliches unaufdringliches Begleitinstrument ein. Die Stücke sind eher Tracks als Songs. Das ist für ihr anderes Alias Same Waves genau umgekehrt. Auf Algorithm Of Desire (Flau) spielen sie zarte, leicht folkige Pop-Songs in einem warmen elektronischen Klangraum und Andersons Stimme wird zu einer Hauptsache. Dass dieses Album ausgerechnet auf dem japanischen Label Flau erscheint dürfte ebenso wenig zufällig sein. Die pastellblumigen Songs riechen und schmecken nach J-Pop und Produktion wie Gesamtsound erinnern an Flau-Künstler wie Noah oder Neon Bunny, die sich ähnlich elegant zwischen Bedroom-R’n’B, Trip-Hop und Folktronica bewegen. Penelope Trappes, bislang vor allem als weiblicher Teil von The Golden Filter bekannt, zeigt solo ein ähnlich entspanntes, aber doch komplexes und hochreflektiertes Verhältnis zu R’n’B, Trip-Hop und den dunkleren Seiten von Ambient und New Wave. Das Album Penelope Two und die Vinylsingle Carry Me (beide: Houndstooth) fühlt den Verbindungen und Brüchen zwischen diesen Stilen weiter nach, in hochsensiblen fragilen Songs in karg-düsterer Umgebung. Die Referenz zum legendären „Song To Siren“-Cover der Achtziger-Schwermüter This Mortal Coil ist dabei keineswegs zu hoch gegriffen.

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