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Oktober 2023: Die einschlägigen Compilations

VA – 25 Years Technoclub Compilation Vol. 1 (ZYX Music)

In den Neunzigern war Trance der uncoole Cousin der jungen Technobewegung, mit dem Adjektiv „trancig” urteilte man einen Track ab. Dennoch schlich sich der pathosgeladene, flächige Sound immer wieder auf Floors und in den Plattensammlungen, über die Compilation-Serie Trance Europe Express etwa oder das Underground-Resistance-Sublabel Red Planet.

Heute ist Trance mit Labels wie Amniote oder Ute, DJs wie KI/KI oder Narciss kaum noch zu hinterfragen. Ob das auch bedeutet, dass die Big-Room-Trancer der Neunziger rehabilitiert sind, lässt sich anhand dieser Compilation von Talla 2XLC überprüfen. Auf den vier CDs blickt der Frankfurter auf die 67 (!) Ausgaben seiner Compilation-Reihe Techno Club zurück, die in den letzten 25 Jahren erschienen sind. Aktiv ist er natürlich schon viel länger, seit Mitte der Achtziger. Wer über die erwähnten aktuellen Trance-Outlets von Ute bis Narciss sozialisiert wurde, wird hiermit bei aller Liebe für Heldentaten wie die Veröffentlichung des Überhits „Age of Love” fremdeln.

Wo dort die Grooves reduziert und fokussiert daherkommen, wirken sie hier meist wie eine endlos wiederholte, angeberische Geste. Die orchestralen Flächen sind an Soundtracks angelehnt, entwickeln sich harmonisch aber kaum. Statt eine Spannung zum Drumming aufzubauen, wie beim Zweitausender-Neotrance von James Holden, überbieten sich diese eher in einer Eskalation von Großkotzigkeit. Eine unerwartet charmante Ausnahme ist da Tallas eigene Psytrance-Hommage „Lost in Space” unter seinem Zyrus-7-Alias. Alexis Waltz

Snippets findet ihr in den einschlägigen Online-Stores.

VA – Future Sounds Of Kraut Vol. 1 – Compiled by Fred und Luna (Compost) 

Ob Wiederveröffentlichungen von Kraftwerk, CAN oder Popul Vuh oder die angeblich ultimative Compilation – Krautrock war in den letzten Jahren das Ding der Stunde. Nun, da das Revival gerade etwas an Schwung zu verlieren scheint, wird ausgerechnet im beschaulichen München die nächste Kraut-Rakete gezündet.

Compost-Mastermind Michael Reinboth legt mit Future Sounds of Kraut Vol. 1 – Compiled by Fred und Luna eine stimmige Doppel-LP vor, deren Erstauflage innerhalb kürzester Zeit ausverkauft war. Die Compilation macht ihrem Namen alle Ehre und gräbt nicht nur im bekannten Kraut-Kosmos Raritäten aus, vielmehr kann sich Musiker, Autor, Foto- und Filmemacher Rainer Buchmüller – alias Fred und Luna – mit seiner Expertise für ausgefallenen „Elektrokraut” oder „Krautelektro” ausleben. Nicht ohne Grund hat er einst einen Plattenladen betrieben. Wer einen seiner legendären Live-Auftritte erlebt hat – „A.N.A.N.A.S.” oder „Keine Luft krieg” – weiß, dass sein Alterego „Fred und Luna” immer und aus Prinzip für Überraschungen gut ist.

Und so wird Future Sounds of Kraut Vol. 1 nicht nur für Musikfans zur Reise ins Unbekannte – mit „In der Stadt und auf dem Land” von Kosmischer Läufer, der „Hymne der melancholischen Programmierer” von Sankt Otten und „Florian Schneider-Esleben” vom Gilgamesh Mata Hari Duo. Auch Bekannte wie Pyrolator oder I:Cube sind mit von der Partie, aber anders als gedacht: Pyrolator exklusiv mit  „Die Geschichte vom heißgelaufenen Reißwolf”.

Was die 16 Stücke – darunter sechs exklusive – allesamt eint, ist nicht nur Buchmüllers untrügliches Gespür für Originalität und Poesie, sondern vor allem die Qualität der Musik – elektronisch, trippy, repetitiv. Kein Wunder, dass Future Sounds of Kraut Vol. II schon in Arbeit ist! Liron Klangwart

Megalon – The Collected EPs, Volume 1 (Above Board Projects)

Mit Megalon lenkt das Londoner Reissue-Label Above Board Projects die Aufmerksamkeit auf ein interessantes Duo aus der spannenden UK-Techno-Frühphase. 1993 ging Mr. C, der damals als Mitglied der Rave-Band The Shamen so etwas wie Popstar-Status genoss, mit seinem Label Plink Plonk an den Start und veröffentlichte auf diesem einen Techno-Sound, der sich gar nicht so recht definieren ließ, schon gar nicht in einer Zeit, in der ansonsten plakativer Novelty-Rave dominierte. Eine klare Formensprache wiesen die Artworks von Plink Plonk auf, die Musik folgte diesem Erscheinungsbild in gewisser Weise. Zu den erfolgreichsten Platten auf dem Label zählt das etwas später veröffentlichte Agraphobia von LA Synthesis.

Megalon waren ein Duo, das nach wenigen Jahren wieder von der Bildfläche verschwand. Von den beiden Mitgliedern Laggy Pantelli und Zeno Messis sah man nach der Trennung nicht mehr viel. Erfreulicherweise sind die DATs der vier Megalon-Jahre offenbar gut verwahrt worden, denn diese sind die Grundlage der neu gemasterten Wiederveröffentlichungen auf Above Board Projects. Den Auftakt machte 2022 Pandora’s Box, das einzige Album des Duos. Nun ist die erste von zwei Doppel-EPs erschienen.

Für Collected EPs, Volume 1 sind Tracks der ersten drei Megalon-Maxis ausgewählt worden, alle aus dem Jahr 1993. Es überrascht wirklich, wie gut diese sieben Tracks gealtert sind. Der Techno von Megalon ist irgendwie nach innen gekehrt (und manchmal auch proto-trancy), während die Beats durchaus funky sind. Das klar konturierte Sounddesign verweist dabei, anders als viele andere UK-Techno-Tracks aus derselben Zeit, nur sehr indirekt auf Detroit. Die Beats und Basslines allerdings schon. Ein Jean-Michel-Jarre-Sample taucht auf, Halbtonschritte verraten die Achtziger-Sozialisation von Laggy Pantelli und Zeno Messis – so die bürgerlichen Namen des Duos. In Kürze wird noch der zweite Teil der Serie erscheinen, der sich den späteren Tracks des Duos widmet. Das Artwork geht übrigens auf die Kappe von Rogan Jeans, dem Plink-Plonk-Grafiker. Holger Klein 

VA – Senza Decoro: Liebe & Anarchia in Switzerland 1980-1990 (Strut)

Mehmet Aslan, der in den Zehnerjahren mit seinen Produktionen auf die elektronisch-obskure Weltbühne torkelte, liefert auf der neuen Strut/!K7-Compilation eine eindrucksvolle Schau sehr unbekannter Tracks, die mal elektronisch, mal akustisch, mal psychedelisch, mal depressiv-melancholisch klingen und so verschiedene Stile wie Shoegaze, Dark Wave, Madchester, Neue Schweizer Welle, Industrial-Folk und Synth-Pop-Fusion verbinden.

So liegt „Anfang” von Mittageisen zwischen der kanadischen Kälte von Martha & The Muffins und The Cure in den Neunzigern. Dr. Chattanooga & The Navarones wünschen sich mit „Kabyl Marabù” Maghreb-Nähe herbei. UnknownmiX nimmt die Postrock-Band Trans Am ein Jahrzehnt vorweg und versprüht sample-polyrhythmische Tabla-Erinnerungen und paranoide Frauenstimmen, die Anne Clarke abholen. Aboriginal Voices’ „Le Jour L’Ennui” drückt von unten, als würde die Hohner Rhythm 80 den Beat bauen. „Söyledir” fährt per entspannter H-Vorstellung Supermax’ „Coconut Reggae” und The Nighthawks „Belle Blue” gegen die Wand. Das ist Jörg Fausers „Rohstoff” als Echo. Lilliputs „Boat-Song” ist die Valium-Version von Vivian Goldmans „Launderette”.  Dann laufen die Hörer:innen die Seidenstraße irgendwie mit Paul Hardcastle, Brit-Jazz und seltsamen „Tubular Bells” entlang („Asho II”).

Ab jetzt macht die Compilation mit Schamanen Circel im Kontext „Ost-West-Kapitalismus” plötzlich seltsam hexenartig richtig Sinn („Arbeiter”). Der Mehmet-Aslan-Edit von „Gletscher” ist halt nur ein Edit, der die Compilation funktional weitertreibt. Mit dem Titel „…Basic Ground Without Voice…” des zweiten Edits von Aslan kommt Humor in die Zusammenstellung. Die Orgel ist unglaublich lustig. Das „Labyrinth” – als Ornament –, die „Arabesque” – als Schnörkel – und „Mondfolklore” – als kulturelles Erbe – folgen. Und Christine Schaller nimmt einen DC-Comic als Vorlage („L’Ombre Dorée du Scarabée Bleu”). Also: „Ohne Dekoration”, wie der Titel verspricht, kommt diese Zusammenstellung nicht aus. Mirko Hecktor

VA – Sonic Groove: The Beginnings 1995-1999 (Sonic Groove)

Sonic Groove war in den Neunzigern eines der Schlüssellabels der sich formierenden Technoszene von New York City. Mit Abe Duque und Dietrich Schönemann sind kürzlich zwei Typen der ersten Stunde des von Frankie Bones gegründeten Labels in den Keller gegangen, haben nach Schätzen und Schätzchen gesucht, diese neu gemastert und kompiliert. Die Übersicht stellt die ersten vier Label-Jahre in den Fokus.

Disharmonischer Electro von Adam X, Abe Duques sich in mondänen Möbiusschleifen bewegender House sowie der Futur-II-Techno von Duques Kompilier-Kollegen Schönemann lassen einige Tracks neu entdecken, wie etwa „Roebling” von Schönemann aus dem Jahr 1997 oder „The Good Of The Many” von Duque, das noch ein Jahr früher entstanden war. Mag Neil Landstrumm in späteren Jahren seine Produktionen mit Geräuschen und Spuren überfrachtet haben – anhand von Stücken wie „Leftovers” oder „Advertising” lässt sich nachvollziehen, wo sie herkamen und wie der Noise zu Landstrumms Anfangszeiten sich noch dem Beat fügte. Auch der Gründer selbst kommt zu Gehör: mit dem federnden House-Track „Rock Away”, in einer Geschichte lesbar, in der Namen wie Matrixxman, Rødhåd und Virginia auftauchen könnten. Mit Justin Berkovis „Angels Die” schließt diese die Geschichte in die eigene Hand nehmende Zusammenstellung. Ein Track am Übergang der Zeit, ein Track, der sich bereits auf eine Story bezieht. Teach, Baby, teach. Christoph Braun

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